Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 200.
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Donnerstag, den 13. Oktober.
"( Nachdruck verboten.)
1898
barmungslosigkeit seiner schönen Kousine für die Armen und Elenden geworden, haßte er im tiefsten Grunde seiner Seele, dafür fammelte er um so eifriger welfe Sträuße und Feldblumen und gab einem sauren, unter den Zähnen knirschenden Apfel den Vorzug vor den theueren Blutpfirsichen, die für Frau Lydia reservirt blieben.
Und trotz alledem gab sich Laurent über den Charakter seiner Kousine findischen Illusionen hin. Er machte für diese Kälte Und wie sein Geist all diesen Dingen ein treues Gedenken und Theilnahmslosigkeit einzig die Erziehung verantwortlich. bewahrte, so wollte auch seine Nase den keineswegs lieblichen Wie hätte sie sich auch für diese Arbeiter interessiren sollen, Fabritgeruch los werden, vor allem nicht den Duft, der dem von deren Existenz fie nur ganz unbestimmte Vorstellungen Abflußgraben entströmte, der das ausgedehnte Fabrikgelände hatte! Nie war sie in Berührung mit ihnen gekommen, und umgrenzte und der das Gemisch von fettiger Unreinlichkeit, von den Eltern hörte sie über die Leute nur in dem Sinne Aeglauge und giftiger Fettsäure aufnahm, das bei der reden, als ob es sich um ein viertes Naturreich, ein Hand- Scheidung und Reinigung als Abfallprodukt ausgeschieden werksgeräth, ein lebendiges Mineral handelte, das uninter- wurde. Der Gestant von ranzigem Del und Fett, der dem essanter als die Pflanzen und gefährlicher als die unver- Sammelgraben entstieg, verfolgte Laurent in der Schule auf nünftigen Bestien wäre. Schritt und Tritt mit der zudringlichen Beharrlichkeit eines
Gina war allein im Speisesaal und war gerade dabei, gemeinen Gassenhauers. Und dieser Duft stand in unlöslicher die blühenden Hyazinthen im Erkerfenster zu begießen. Die Wechselbeziehung zu der Arbeiterbevölkerung, den armen Liebe, die Laurent Vincent entgegenbrachte, gab ihm den Leuten, denen die Aeroleindämpfe die Augen ausbrannten, Muth, ohne weitere Umschweise mit der Bitte herauszuplagen: die die Maschinen bedrohten und die Saint- Fardier mit Gina, liebste Gina, nicht wahr, Sie bitten Papa, Vincent grimmigem Hasse verfolgte, er erzählte Laurent von dem Polirsaal Tilbak wieder anzustellen?" und seinen halbnackten Frauen, von Tilbak und dem ,, schweizerischen Robinson" und zauberte ihm das lebendige Bild der Vorstadt anschaulich vor die Augen.
"
Vincent Tilbak?" fragte Gina gleichgiltig und beschäftigte fich weiter mit ihren aristokratischen Blumen, ich kenne keinen Vincent Tilbak."
„ Es handelt sich um den Aufseher im Polirsaal, den Herr Saint- Fardier entlassen hat."
Ach so! Ja, jest weiß ich, wen Du meinst. Der „ Schweizerische Robinson", der Mensch, dem Du's zu verdanken hast, daß wir so gegen Dich aufgebracht waren... Und Du schämst Dich nicht einmal, von dem sauberen Patron überhaupt noch zu reden? Nein, mein Lieber, Du darfst noch hinter den Baumreihen, den Dächern und Mühlen überzeugt sein, daß ich mich hüten werde, auch nur den Namen des Mannes vor Papa zu erwähnen!"
Mit allen Zeichen sittlicher Entrüstung verließ Gina das Zimmer und trällerte im Weggehen die neueste Operetten melodie. Laurent war ganz fleinlaut stehen geblieben und wandte seinen Blick instinktiv den koketten, hochstehenden Hyacinthen zu, für die Gina so hilfsbereit sorgte. Einen Moment wollte ihn die Lust übermannen, die prächtigen Zierblumen zu vernichten, um seiner unbarmherzigen Freundin einen Schabernack zu spielen, denn in diesem Augenblick war er felsenfest überzeugt, daß er Gina in alle Ewigkeit hassen würde.
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V.
So oft Laurent den Fuß auf das Pflaster seiner Vaterstadt fette, war dieser Abflußgraben der Herold, der ihm die Nähe von Gina's Reich verkündete. Von allem, was in der Fabrik lebte und athmete, war der Graben der einzige, der ihm schon in der Ferne entgegenkam, er empfing ihn, wenn er dem Eisenbahnwagen entstieg und begrüßte ihn mit einer gewissen eilfertigen Geschäftigkeit, bevor der Schüler der Vorstadt die die hohen, hohen, rothen Fabrikschornsteine zu Gesicht bekam, die sich stolz in den Himmel emporreckten und deren verqualmte, rußgeschwärzte Köpfe dem Näherkommenden einen ironischen Willkommensgruß zuwinkten. Und dieser Stintgraben gab auch dem Scheidenden wieder das Geleite, wie ein herrenloser, räudiger Hund, der hinter einem mitleidigen Spaziergänger scheu einhertrottet.
Die dunkle, von stumpffarbigen Streifen durchzogene Oberfläche der trüben zähflüssigen Fluth schickte ihre verpesteten Dünste längs des Seuchenweges, der nach der Fabrik führte, in die Luft. Langsam und träge wälzte sich die widerliche Masse dem Flußarm zu, dessen Wasser sie verunreinigte. Das armselige Volk, das die Ufer des Grabens bewohnte, war ganz und Die Ferien verliefen wie die anderen auch, mit dem gar von der mächtigen Fabrit abhängig. Die Leute murrten einzigen Unterschied, daß Laurent in dem großen, neu ein- und schimpften daher wohl im stillen Kämmerlein, wagten gerichteten Hause noch mehr vernachlässigt und auf sich selbst aber nicht, ihren Unwillen lauten Ausdruck zu geben, und im angewiesen blieb als bisher. Er war fast so weit ge- Vertrauen auf diese feige Schwäche hatten die Besitzer bis kommen, die alten Möbel zu beneiden, die ausgedient zur Stunde die Kosten gespart, die ihnen die Ueberwölbung hatten und im Schatten und Staub der Dachkammern der Kloake verursacht hätte. Eine im Monat Auguſt ausder Ruhe pflegten. Erregten sie auch nicht mehr brechende Cholera- Epidemie rief ihnen indessen die leidige das Gefallen der Herrschaft, ſo ſetzte man sie doch Angelegenheit wieder nachdrücklichst ins Gedächtniß. Durch wenigstens nicht der Berührung mit ihren Nachfolgern die Miasmen des Schmußgrabens genährt und begünstigt aus, während es ihm, der nie in Gunst gestanden hatte, vor- wüthete die Seuche in der Umgegend der Fabrik behalten war, unter all den vornehmen Dekorationsstücken heftiger als in den meistbevölkerten Bezirken der und kostbaren Gewächsen als Aergerniß erregender Schandfleck Stadt. Die unglücklichen Vorstadtbewohner fielen wie eine klägliche Rolle zu spielen. Von Tag zu Tag tam es ihm die Fliegen. Aber obgleich die Ueberlebenden sich auch jetzt zu immer flarerem Bewußtsein, daß er in dieses reiche, hüteten, ein grollendes Wort über den Bestkanal laut werden aristokratische Milieu nicht hineinpasse. Wäre doch erst die zu lassen, hielten es die Dobouziez in Ansehung der dumpfen Zeit gekommen, die ihm das Recht und die Freiheit gab, sich Mißstimmung, die alle ergriffen hatte, doch für angezeigt, fich den anderen Enterbten, die seinesgleichen waren, zuzugefellen; bei den Leuten etwas beliebt zu machen und den Familien aber in Erwartung dieser Befreiungsstunde mußte er sich daran der Cholerakranken ein wenig unter die Arme zu greifen. genug sein lassen, so bald der Abend gekommen, seinen Winkel Aber dieser fast erzwungenen Freigebigkeit fehlte der rechte Taft unter dem Dach und die dorthin verbannten Sachen aufzusuchen. und die herzliche Gemüthsäußerung. Man hatte die liebensUnd doch, wie lang und eintönig ihm auch die Ferienzeit würdige, von wahrer Menschenliebe erfüllte Felicitas mit der erschien, kaum war er wieder in der Schule, so gewährte es Vertheilung der milden Gaben betraut, da das ihm ein eigenes Gefühl schmerzlicher Wollust, dieser grauen, Dobouziez'sche Faktotum durch dieses Liebeswerk stark in Anwiderwärtigen Stunden sehnend zu gedenken. spruch genommen war, so erfreute sich Laurent größerer FreiGerade die unerfreulichsten Momente, die ihm der Auf- heit als sonst. Er machte sich denn auch die Gelegenheit zu enthalt im Hause des Vormundes brachte, waren es, die sich muße und trieb sich nach Herzenslust im Freien herum. der Schüler mit besonderer Vorliebe ins Gedächtniß zurückrief, Der fahle, fupferfarbige Dämmerschein breitete seine und ebenso waren es in der Fabrik auch nur die häßlichen düsteren Schatten über die Landschaft, als er eines Abends Gegenstände, der Plunder und in die Ecke geworfene Abfall, gemüthlichen Schritts der Fabrik zuschlenderte. Als er in die deren er sich bei der Arbeit und in schlaflosen Nächten er- langgestreckte Arbeiterstraße einbog, über die hier und da eine innerte. Die Hyazinthen, die ihm ein Sinnbild der Er- I am langen Pfahl schaukelnde, rauchende Laterne ein trübes,