Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 202.
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Sonntag, den 16. Oktober.
( Nachdruck verboten.)
VII.
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1898
Laurent lebhaft an sein Aussehen in der Fastnachtsmummeret, wenn ihn die gute Siska in der Maske und Verkleidung eines alten Herrn auf die Straße geschickt hatte.
Lange vermochten übrigens die jungen Herren SaintFardier's Laurent's Aufmerksamkeit nicht zu fesseln.
Die Schiffsglocke gab das Zeichen zur Abfahrt. Der LaufWie glücklich Laurent war! Man mußte ihn am steg wurde zurückgezogen, die Maschine dehnte und streckte Landungsplatz der Dampfer in seinen neuen Kleidern ihre Glieder, und die Herrschaften machten es sich auf dem paradiren sehen! Den Kopf stolz emporgerichtet, bewegte er Berbeck bequem, über das sich zum Schutze der vornehmen sich mit sicherem Selbstvertrauen und gefestetem Standes- Passagiere vor den zudringlichen Strahlen der Augustsonne bewußtsein, das er früher nicht gekannt, unter den eingeladenen ein Leinwanddach spannte. Ueber das Wetter konnten sich Gästen, deren Zahl sich auf mindestens dreißig Personen belief. die Ausflügler nicht beklagen. An dem türkisenblauen Himmet Die Damen in frischen, hellschimmernden Sommertoiletten, die war auch nicht ein Wölfchen zu sehen. Herren in eleganten Sommerfostümen, Strohhut und weißen Der breite, hellolivenfarbige Strom bot das gewohnte Piquébeinkleidern. Laurent war zweifellos der Bestgekleidetste fountägliche Aussehen. Gegen Norden ruhten im Hafen und unter ihnen, vielleicht zeichnete sich sein Anzug sogar durch ein in den Innenbassins die großen Handelsschiffe, die Dampfer Uebermaß an Eleganz aus; die beiden jungen Saint- Fardier's, und Segelschiffe, denen heute der größte Theil der Mannzwei von Stopf bis zu Fuß in schneeweißem Flanell gekleidete schaft den Rücken gekehrt hatte. Der Schiffsdienst ruhte, und Zierbengel, wechselten wenigstens ein gar verständnißvolles die Kolonne der Schauerleute feierte. Selten, daß die Lächeln mit Gina, als diese Laurent als einen halbzivilisirten Stauer noch auf einem Schiffe zu thun hatten, das Wilden vorstellte, und dieses Lächeln hätte den jungen Paridael Nachmittags in See gehen wollte. Sonst belebte den Fluß bei anderer Gelegenheit gewiß aus der Fassung gebracht, ausschließlich die Flotte der Vergnügungs- Fahrzeuge, die für denn es bewies nur zu deutlich, daß dieser streng forrette diese Sonderzwecke gebauten und aufgetakelten Rennyachten Salonanzug in Ansehung des Zweckes und der Zeit der Sportsleute und die kleinen Dampfboote, die den erholungsder Veranstaltung duraus nicht am Blaze war. bedürftigen Kleinbürger für billiges Geld nach den beliebten, Gaston und Athanafe Saint Fardier, die unzertrenn- am Scheldeufer gelegenen Ausflugsorten beförderten. Ganze lichen, stets gleich gekleideten Söhne des Pascha", Vereine, deren Mitglieder ausnahmslos im prunkenden waren zwei Finger derfelben Hand oder richtiger gesagt, zwei Sonntagsstaat erschienen, nahmen diese fleinen VergnügungsSpargelstangen aus derselben Büchse. Die schmächtigen, aus- dampfer an Bord. Eine überlaute, bon lärmender Aufdringlichgemergelten Kerlchen mit der bleichen ungefunden Gesichts- feit erfüllte Heiterkeit, ein fieberhaftes Hasten und Eilen belebte farbe umpanzerten ihren Hals mit hochragenden Stehkragen, all das fröhliche Volk der von der Kette befreiten Städter, die für deren übermäßige Höhe sie die hygienische Rücksicht auf die gute Gelegenheit wahrnahmen, sich als Seemannsdilettanten ihre empfindlichen Mandeldrüsen vorzuschützen pflegten.
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ihres Eintagslebens zu freuen. Die Familien versammelten sich an der Uferböschung mit lautem Hallo wegen eines Gegenstandes, der in irgend einer Kneipe versehentlich liegen geblieben war, und die in Reih' und Glied aufmarschirenden Gesangvereine be schleunigten ihre Schritte, so oft der Signalschuß der Strandtanone das Zeichen zur Abfahrt giebt und ein Dampfer vom Ufer abstößt, um mit majestätischer Bewegung die Mitte des Flusses zu gewinnen.
Die Wittwe Saint- Fardier, die Großmutter der beiden Gecken, hatte als die Maitresse eines gichtischen und fast idiotischen Edelmannes ihren starken Einfluß dahin geltend gemacht, daß der willenlose Liebhaber seine einzige Tochter, ein sanftmüthiges, gehorsames Geschöpf zwang, mit dem Sohne seiner Kontubine eine Heirath einzugehen. Die Lüfternheit des„ Paschas" ließ sich demnach auf die moralische Belastung zurückführen, und auch das Leiden, das die junge Frau Saint- Fardier schon vor Die Dampfyacht, auf der sich die Dobouziez's mit ihren der Zeit dahingerafft hatte, war ein Erbtheil von väterlicher Gästen eingeschifft hatten, gehörte Herrn Béjard, einem reichen Seite. Athanafe und Gaston hatten von der Mutter das ge- Rheder und Exporteur der Stadt, der der angesehenſten einer winnende Aeußere und das vornehme Wesen geerbt, in geistiger unter feinesgleichen war. Er hatte das elegante und geHinsicht waren sie indessen dem alten Baron La Bellone, räumige Boot den Dobouziez's liebenswürdigst zur Verfügung ihrem Großvater mütterlicherfeits, nur zu ähnlich, und gestellt und als Entgelt dafür die Einladung zur Theilnahme die Ausschweifungen des Vaters hatten ihnen zudem an der Luftfahrt angenommen. jenes Kainsmal aufgedrückt, das den Könige von Frankreich dahinwelten ließ.
Stamm der Zu Laurent's großer Freude lichtete die Yacht endlich die Saint- Fardier Anker.
verkörperten diese kläglichen Sprößlinge eine Fleisch Die Schelde! Mit welchen Gefühlen der Bursche den und Blut gewordene Anklage und lästige Gewissens- Fluß begrüßte, der wie ein alter lieber Bekannter an die mahnung. Von der Wiege an war er ihnen schon gram ge- Beit gemahnte, als der Vater noch unter den Lebenden wesen, aber sein Widerwille war im Grunde stärker als sein weilte. Wie oft waren die beiden Paridael's nicht unter den Haß und deshalb hatte er sie nie zu züchtigen gewagt. Er breitästigen Bäumen der Quaistraße dahingewandelt und hielt sie sich möglichst vom Leibe, vertraute sie fremden Leuten hatten in einer jener Herbergen gerastet, die des Sonntagsan; bersah sie reichlich mit Taschengeld, schickte sie auf Reisen, nachmittags solchen Zulauf hatten, daß die Gäste, die durch furz, that alles, um sie so wenig wie möglich zu Gesicht zu die dichtbelagerte Thür nicht in's Haus gelangen konnten, gebekommen. So waren sie denn ihren eigenen Weg gegangen, nöthigt waren, den Weg durchs Fenster zu nehmen, das sie auf wie der Alte den seinen ging, sie nahmen ihre Mahlzeiten einer gegen die Mauer gelehnten fleinen Stehleiter erkletterten. nicht im väterlichen Hause ein, hatten ihre besondere Aber war es erst einem einmal geglückt, an einem der Wohnung, und betrachteten den Vater nur als einfachen Tische in der Wirthsstube ein Plätzchen zu erobern, dann ließ Bankier, mit dem sie obendrein geschäftlich nicht so gern wie mit dem Kassirer der Fabrik verkehrten. Es war wahrhaftig nicht des Vaters Schuld, wenn sie sich unter diesen Verhält nissen nicht zu elenden Subjekten, sondern nur zu faden Lebemännern entwickelt hatten, die wohl stark von sich eingenommen, im übrigen aber recht harmlose Gesellen waren. Laurent ist das erste Mal auf einem Schiff und die neuen Ihrem lieben Bapa brachten sie, nebenbei gesagt, dieselben Eindrücke, die auf ihn einstürmen, lassen ihn den trüben Gefühle entgegen, die er ihnen gegenüber empfand. Die an- Gedanken, die da in ihm lebendig werden, nicht weiter nachrüchigen Praktiken des„ Paschas" trieben ihnen die Schamröthe hängen. Mit der toketten Bewegung eines Vogels, der erst ins Gesicht. Am liebsten vermieden sie es, von ihm zu sprechen, seine Schwingen probirt, ehe er sich in die Lüfte erhebt, und in den Patrizierfamilien, in denen sie verkehrten, bezogen hat sich die Yacht grazios ein paar Mal im Streise gedreht, sie sich als Empfehlung auf den Namen der Mutter und ließen um dann die Mitte des Flusses zu gewinnen und mit Bollfich Saint- Fardier de la Bellone nennen. dampf ihren Kurs zu steuern. Das Panorama der großen
es sich hier auch gut sein, und der Anblick der Uferstraße, auf der sich die Spaziergänger schoben und drängten, und des von zahlreichen Segeln belebten Flusses bot reichlich Zerstreuung und Unterhaltung. Wie viele Jahre waren vorüber gegangen, feit er den lieben Strom nicht mehr gesehen hatte!
Der Anblick der gebrechlichen, lächerlich herausgepukten Stadt mit den gewaltigen, fühnen Proportionen ihrer MonuJüngelchen mit den verrunzelten Greifengesichtern gemantelmente. zieht an den staunenden Augen Laurent's vorüber.