Nnterhaltungsblalt des Horwärts Nr. 210. Donnerstag, den 27. Oktober. 1898 (Nachdruck verboten.) 18] Meu" Roman von Georges Eekhoud . Bei den halboffiziellen Diners, die im Hause Dobouziez jetzt häufig stattfanden, hatte der junge Paridael auch die Be- kanntschaft Door Bergmans g-macht. Das freimüthige Wesen und die ungekünstelte Art seines Auftretens hatten den sonst schwer zugänglichen Laurent von vornherein für Berg- maus eingenommen. Die Vertrauten des Hauses nahmen nach wie vor keine Notiz von der Anwesenheit des armen Verwandten.„Sie erinnern sich doch noch, was ich Ihnen am Tage des Stapcllaufs des Schiffes prophezeit habe?" bemerkte Giua in scherzhaftem Ton zu Bergmanns.„Gewiß I" erwiderte Door.„Und ich muß sagen, daß mich der Bursche hier, auf den sich doch wohl Ihre Voraussage bezog, ungemein inter - essirt hat. Die paar Worte, die ich ihm entlockt habe, lassen auf eine Natur schließen, die das landläufige Durchschnittsmaß weit Überragt." Wenn Giua dieses Lob auch nicht ernst nahm, so ließ sie sich doch von Stunde an öfter dazu herbei, den Vetter in die Unterhaltung zu ziehen. So leicht sich Herr Dobouziez das vorgestellt hatte, ließen sich die Heirathspläne mit Gina übrigens nicht verwirklichen. Es gab genug Hindernisse, die sich der Sache in den Weg stellten, so reich und schön die Erbin auch war. Die Heiraths- kaudidaten gaben sich über ihren herrschsüchtigen Charakter, ihr aufbrausendes Temperament und nicht minder auch über ihre ausgesprochene Vorliebe für Tand und Prunk nicht un- berechtigten Befürchtungen hin. An Kourmachern fehlte es ihr freilich nicht, beständig scharwenzelte ein ganzes Heer von Süßholzrasplern um sie herum, die in Galanterien und Liebes- getändel einander überboten, aber sich wohlweislich hüteten, ernstere Schritte zu thun. Cora und Angela Vandcrling, Gina's jüngere Frcun- binnen, hatten sich inzwischen mit Athanasc. und Gaston Saint-Fardicr verheirathct. Sie belästigten ihre Freundin durch Mittheilungen über die intimsten Angelegenheiten des ehelichen Lebens und rühmten die Freiheiten, deren sich die verheirathcte Frau erfreut. Alle beide führten ihre fisch- blütigen Gatten nach Gefallen an der Nase herum und legten sich weniger als früher Schranken in dem zwanglosen Veilehr mit ihren Anbetern auf. Der alte Saint-Fardicr hatte in der Freude, die Söhne loszuwerden, dem einen ein Bankgeschäft eingerichtet und dem anderen eine Stellung als vereideter Taxator für Seebeschädigungen verschafft. Vanderling hatte seinerseits seinen Töchtern eine anständige Mitgift gegeben. Die beiden Ehepaare führten ein Leben im größten Stil, und die koketten jungen Frauen, deren Schönheit sich erst jetzt zu voller Blüthe entfaltete, überließen sich rückhaltlos allen Einfällen ihrer kapriziösen Neigungen und wetterwendischen Laune. Mit Bergmans zusammen zählte auch Bejard zu den ständigen Besuchern der Fanülie Dobouziez. Laurent war inzwischen über das Vorleben des Rheders unterrichtet worden und machte ihni gegenüber aus seiner Abneigung kein Hehl. In seinem unklaren Spiritismus fand er jetzt auch eine Er- klärung für die Erscheinung, die er seinerzeit gelegentlich des Ausflugs nach Hemixem auf der Scheide gehabt hatte. Nach Laurent's phantastischer Vorstellung ging von Freddy Bejard der todtbringende Hauch der Akreoliudämpfe aus und ver- körperte sich in seiner Person der böse Geist der männer- mordenden Maschinen, die Leben und Gesundheit der Ar- beiter bedrohen. Man kann daher ermessen, welche Qual es Laurent bereitete, mit ansehen zu müssen, wie dieses unheil- verkündende und verderbenbringende Wesen immer näher und näher an die strahlende Gina heranschlich. Bejard hatte eine leise Ahnung von den Gefühlen, die er dem menschenscheuen Schüler einflößte und machtesich einen Spaß daraus, ihn bei jeder Gelegenheit zu reizen, ohne indessen die gehörige Vorsicht außer acht zu lassen, wie es sich geziemt, wenn man sich mit einem Kettenhund herumneckt, der sich am Ende doch losreißen könnte. „Unser junger Brummbär sieht heute wieder einmal ver- teufelt ungemüthlich drein," sagte er oft zu Gina.„Sehen Sie nur, nüt welch blutgierigen Blicken er uns mustert! Der Köter beißt doch nicht etwa V An Ihrer Stelle würde ich ihm einen Maulkorb anlegen." Dafür näherte sich Laurent um so mehr Bergmans, von dem er wußte, daß er Bejard's Nebenbuhler war. Er hatte Door öffentlich reden hören und war, durch seine bilderreiche Sprache und durch seine hinreißende Beredsamkeit verführt, nicht nur sein Freund, sondern auch sein Parteigänger ge- worden. Und dennoch geschah es zuweilen, daß er so etwas wie Eifersucht empfand, aber diese Gefühls- rcgung hielt sich in so unbestimniten Grenzen, daß er selbst nicht anzugeben vermocht hätte, ob er im Grunde auf Gina oder Bergmaus eifersüchtig war. Eine harmlose scherz- hafte Bemerkung, die letzterer in Gina's Gegenwart machte, konnte ihn empfindlich verletzen. Er wandte dem Freunde dann den Rücken, schmollte ganze Tage lang und benahm sich ihm gegenüber noch störrischer als gegen andere, Ganz im Gegensatz zu Bejard, den solche kindischen Aus- brüche übellaunigen Umnuths überaus belustigten, pflegte Bergmans bei derartigen Gelegenheiten Laurent an sich zu ziehen und ihn mit einer solchen von Herzen kommenden Güte abzukanzeln, daß das Kind schließlich wieder gut wurde und wegen seiner Grillenfängerei um Verzeihung bat. Seit Laurent zum Jüngling heranreifte, hatte sich die Unklarheit seiner Gefühle für das junge Mädchen zur Be- gehrlichkeit gesteigert. Die Flegeljahre ließen die Kanten und Ecken seines Charakters noch schärfer hervortreten, und die Forderungen des Temperaments wollten sich mit der Zurück- Haltung und der angeborenen Schüchternheit seines Wesens schlecht in Einklang bringen lassen. Gina zürnte er nach wie vor, oder glaubte es wenigstens zu thun. Er bcurtheilte sie heute mit größerer Strenge und unver-söhulichcrem Groll als früher. Nichtsdestoweniger aber erfüllte ihn die Wahrnehmung, daß sie für keinen ihrer An- bcter tiefere Neigung zu empfinden schien, mit unverhohlenem Vergnügen. Er freute sich nicht nur über die höhnische Geringschätzung, mit der sie Bejard behandelte, sondern sah es auch gar nicht ungern, lvenn sie Bergmans zuweilen ordentlich ablaufen ließ. Allem Augenschein nach er- muthigte sie den einen so wenig wie den andern. ..Es ist doch ein grundschlechtes Geschöpf," sagte sich Laurent niit gemachter Entrüstung. die er sich mit Fleiß als Ausdruck seines gerechten Unwillens einzureden suchte,„an Door's Stelle würde ich einmal ein kräftiges Wörtlein mit ihr reden I" Aber argwöhnisch wie er war, klang ihm eines Tages auch wieder der warme, fast leidenschaftliche Ton, in dem sie sich mit Bergmans unterhielt, gar unangenehm ins Ohr. Er war so bestürzt darüber, daß er nach Bergmans Weggang Gina ohne weiteres fragte:„Sagen Sie einmal, Kousine, weshalb wollen Sie eigentlich Herrn Bergmans nicht Heirathen?" Sie lachte hell auf und sah den Frager mit großen Augen an.„Ich soll einen Mann vom Schlage dieses Volkstribunen Heirathen und die Bürgerin Bergmans werden? Köstlich I" rief sie mit so gut gespielter Aufrichtigkeit, daß sich Laurent gern übertölpeln ließ. So lebhaft er auch gegen Gina's harte Worte protestirte, im Grunde seines Herzens war er über die Ablehnung, die sie ausdrückten überglücklich. Sie machten ihn so sicher, daher den Muth fand, Bergmans heuchlerische Vorwürfe über das Schwankende und Bedächtige seines Vorgehens zu machen. Es geschah das ganz unbewußt und ohne Uebcrlegung. Sein diplomatisches Doppelspiel war ihm wahrhaffig peinlich genug, und er ärgerte sich nicht wenig, mit ansehen zu müssen, wie sich die Regungen seines Gewissens in den Schlingen lüsterner Falschheit verfingen und verstrickten. „Ich soll mich verheirathen, soll um Fräulein Dobouziez Hand anhalten? Das ist doch nicht Dein Ernst, mein Junge?" rief Bergmans, verblüfft über die Aussichten, die ihm der junge Paridael nicht ohne Herzklopfen soeben eröffnet hatte.„Wer zum Teufel hat Dir denn solch un- gehcuerliche Gedanken in den Kopf gesetzt! Vor allen Dingen ist das eine viel zu reiche Frau für mich I Wenn ich offen sein soll, muß ich Dir allerdings bekenne», daß ich sie auf- richtig liebe und ihre Nähe immer als ein großes Glitt empfunden habe. Wäre sie mir nur ein klein wenig entgegen ÜBEuHk
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15 (27.10.1898) 210
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