Anlerhaltungsblatl des vorwärts Nr. 21:. Freitag, den 28. Oktober. 1898 (Nachdruck»erbaten.) 19] Nru�Vsvklzsgo. Roman von Georges Eekhoud . Eines Tages saß er der Kranken zur Seite im Winter- garten inmitten der einen betäubenden Wohlgeruch aus- strömenden Blumen, mit denen sich Gina zu umgeben liebte. Seit ihrer Krankheit hatte sie sich an Laurent's Gegenwart gewöhnt und ließ sich feine sorgende Aufmerksamkeit wie die eines Krankenpflegers gefallen. Gewöhnlich Pflegte er ihr vorzulesen, und es trug zur Unterhaltung der Kranken nicht wenig bei, ihre herrische Laune an dem Vorleser auszulassen. Heute Morgen besonders leistete er sich ein übriges an Un- deutlichkcit und Stotterei.„Was machen Sie denn nur heute, Laurent," nmrrte sie,„ich verstehe keine Silbe von dem, was Sie lesen I" Er ließ das Buch auf den Tisch sinken und ergriff die ab- gemagerten Hände des Mädchens.„Regina", stammelte er, „ich muß Ihnen etwas Ernstes, etwas sehr Ernstes mit- theilen---" Er hielt Plötzlich inne, sah ihr starr in die Augen und wurde über und über roth. Der Name Door Bergmans lag ihm auf der Zunge, ohne daß es ihm gelingen wollte, einen Ton herauszubringen. K? Banne eines unwiderstehlichen Dranges, der ihm die ruhige Ueberlegung verlieren ließ, sank er auf die Knie und bedeckte Gina's Hände mit glühenden Küssen und heißen Zähren. Die zu Tode Erschrockene wehrte die Liebkosungen des Zudringlichen mit aller Entschiedenheit ab und mühte sich, ihre Hände frei- zubekommen. Aber dieser Widerstand und die Abneigung, die er bezeugte, ließ ihn nur noch stünnischer werden. Er um- faßte die Taille des Mädchens und suchte es mit Gewalt an sich zu ziehen. In ihrer Bedräugniß stieß Gina einen mark- erschütternden Schrei aus, auf den die die Vorsehung reprä- sentirende Felicitas ungesäumt herbeieilte. „Das wird ja immer schöner I" kreischte das Faktotum und rang verzweifelnd die Hände. Laurent lief mit geballten Fäusten eilig davon. Der un- tadelige Hanssklave verfehlte nicht, der Herrschaft unverzüglich treuen Bericht über den Vorfall zu erstatten, was zur Folge hatte, daß Laurent auf der Stelle sein Ränzel schnüren und in das Institut zurückkehren mußte. Von dort aus schrieb der Sünder, der jetzt wieder ganz kleinmüthig geworden war und seine ungestüme Heftigkeit arg bereute, in der Unruhe wegen der Folgen, die die Auf- regung für Gina's Gesundheit haben konnte, einen Brief nach dem anderen mit der Bitte, ihm umgehend Nachricht zu geben. Die Briefe blieben indessen sammt und sonders un- beantwortet. Er bekam einen ordentlichen Ekel vor sich selbst. Mit Gina stand es gewiß nicht gut, und daran war nur er allein schuld. Nielleicht lag sie auf den Tod darnieder, am Ende war sie gar schon todt I Da er die peinigende Ungewiß- heit nicht länger ertragen konnte, verließ er eines schönen Tages heimlich die Anstalt und kam wie eine Bonibe ins Haus geplatzt. Der Telegraph hatte indessen Herrn Dobouziez bereits von der Flucht seincs'Mündels verständigt und die erste Person, der der Ankommende in der Fabrik begegnete, war der schreck- liche Saint-Fardier. „Da haben wir ja den Taugenichts!" schrie der Pascha und bezeigte nicht übel Lust den Ausreißer an den Ohren zu ziehen. „Ich beschwöre Sie, Herr Saint-Fardier, sagen Sie mir um Gotteswillen, wie es meiner Kousine Regina gchtl" stotterte Laflrcnt heraus. „Frau Bejard geht es um so besser, als sie fernerhin mit Lümmeln Ihrer Art nichts mehr zu thun haben wird., Frau Bsjard I Laurent hörte nichts weiter als diese beiden Worte und war so fassungslos, daß er sich nicht einmal vertheidigte, als ihm Saint-Fardier am Kragen packte. Gerade in dem Augenblick war auch Dobouziez herangetreten.„Lassen Sie ihn los," sagte er zu seinem Sozius,„ich werde mit dem Schlingel bald fertig sein I" Und zu Laurent gewendet fügte er ein herrisches„Kommen Sie mit ins Komptoir" hinzu. Laurent folgte mechanisch dem Voranschreitenden. „Hier sind hundert Frank!" begann der Vormund, als er vor dem Schreibtisch Platz genommen hatte.„Jeden ersten des Monats werden Sie die gleiche Summe erhalten. Sie reprä- sentirt den Zinsbetrag aus dem Vermögen, das Ihnen Ihr Vater als Erbschaft hinterlassen hat. Sehen Sie zu, wie Sie durchkommen.... Viel Glück auf den Weg!... Und nun noch eins! Sie werden fortan mit keinem Mitgliede meiner Familie mehr irgendwelche Beziehungen haben... Unser Hans bleibt Ihnen in Zukunft verschlossen... Adieu!... Sie können gehen l" „Nicht wahr, Kousine Gina ist doch nicht Frau Bejard geworden?" wagte Laureut zu fragen, der den großen Bann, der eben über ihn ausgesprochen war, gar nicht weiter be- achtete. „Fran Bejard ist Ihre Kousine nicht mehr! Und nun nehmen Sie Ihr Geld und sorgen Sie dafür, daß ich nie wieder etwas von Ihnen höre!" Laurent war auf der Schwelle stehen geblieben. Herr Dobouziez hatte schon wieder vor seinem Arbeitstisch Platz genommen und nahm seine Arbeit so gleichmüthig wieder auf, als wäre gar nichts Besonderes vorgefallen, als hätte es sich einfach darum gehandelt, einen jungen Mann zu vcr- abschieden. Diese theilnahmslose Gleichgiltigkeit war ganz dazu an- gethan, Laurent zu verletzen und ihm die Lage in ihrer ganzen Klarheit zum Bewußtsein zu bringen. Seit einigen Sekunden glaubte er den Boden unter den Füßen zu verlieren und in einen Abgrund zu versinken, jetzt stieg er mit einem Mal wieder zum Licht und Leben empor. „Sei's darum", dachte er,„wenn denn einmal geschieden sein soll, kann's auch so geschehen." Er trat durch das Thor ins Freie. Als Gegenströmung der eben erhaltenen Eindrücke überkam ihn auf der Straße plötzlich eine nervöse Heiterkeit, die ihn alles im rosigsten Lichte sehen ließ. War er fortan denn nicht frei und sein eigener Herr? Keine Schule, keine Beaufsichtigung und lästige Bevormundung mehr! Und vor allem hatte es jetzt mit allen Gewissensbedenken, der Eifer- süchtelei und dem ganzen Liebeszauber ein Ende! Frau Bejard befreite ihn, wie er wenigstens im Augenblick glaubte, auf immer von Gina I „Und zu denken, daß diese Dobouziez mir allen Ernstes eine Strafe aufzuerlegen glauben, wenn sie ihre Hand von mir ziehen I" murmelte er im Ueberschwang jugendlicher Er- regung.„Und der rohe Patron, dieser Saint Fardier! Wenn mich die Nachricht nicht so niedergeschmettert hätte, ich hätte den Kerl erdrosseln mögen..." Er schritt längs des FabrikgrabcnS dahin:„Mit Dir bin ich nun auch fertig I Was auf dem Grund Deiner schlammigen Fluth fault, ist meine Vergangenheit... Eine Leiche, eine tobte Puppenhülle ist alles, was Du von mir zurückhältst. Deine Göttin heißt jetzt Frau Bejard. Es ist schließlich überall derselbe Morast, aber wenn ich die Sache recht bedenke, scheint mir Dein Schmutzwasser noch lange nicht so widerlich und ekelerregend wie gewisse Heirathen l" XI. Laurent fühlte sich als freier Mann und schlenderte mit stolz emporgerichtetem Kopf und selbstbewußter Haltung durch die Straßen seiner Vaterstadt. Zunächst drängte es ihm, sich so schnell als möglich eine Wohnung zu suchen. Das Handels- quartier im Zentrum der inneren Stadt gefiel ihm vor allen anderen. Er miethete schließlich ein Zimmer im zweiten Stock eines dieser malerischen Holzhäuser mit den spitz zulaufenden spanischen Giebeln am„Milchmarkt", einer engen Durchgangs- straße, die von früh bis abends von Fuhrwerken aller Art nicht leer wurde. Von Laurent's Fenstern sah man über die gegenüber liegenden Häuschen hinweg auf den Garten des Dom- Dechanten. Das mächtige gothische Schiff der Kirche wuchs über die Baumkrone empor. Einige Dohlen flogen krächzend um die Thurmspitze der Kathedrale. Hier im Dom war Laurent getauft worden, und gerade in dem Augenblick ließ das altbekannte, liebe Glockenspiel, die melodische Seele des Thurms, dessen Klängen er in seinen Kinderjahren oft genug gelauscht hatte, wenn er mit den Jungen der Nachbarschaft vor der Thüre spielte, eine alt- ... ,i,■
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15 (28.10.1898) 211
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