Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 215.

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Donnerstag, den 3. November.

( Nachdruck verboten.)

Neu- Karthago .

Roman von Georges Eekhoud .

1898

Ende der Welt geführt. fegung der Zugbegleitung änderte sich übrigens von Stadttheil zu Stadttheil. Längs des Hafens und der Baffins ging Laurent mit Matrosen und Schauerleuten, in der immeren Stadt schritten ihm Verkäufer und Ladenmädchen zur Seite, auf den vornehmen Boulevards waren es Herrchen aus der Gesellschaft und Angestellte der großen Firmen, die seinen Weg freuzten, und in dem Straßenlabyrinth Saint­André, dem Schlupfwinkel der armen Schlucker und Hunger­leider, schoben barhäuptige Burschen ihren Arm unter den seinen, und johlende Gassenjungen zogen und zerrten an ihm herum. Er aber dachte nur an Antwerpen und Rubens und hörte nichts als die Kantate, deren jubelnde Nythmen sein ganzes Sein erfüllten.

Die Menge und Zusammen.

In unmittelbarer Nähe des Rubens- Denkmals haben Chor und Orchester auf der stufenweise aufsteigenden halb freisförmigen Tribüne Aufstellung genommen, in deren Mitte der Komponist thront. Die durch Taue abgeschlossenen Gartenanlagen des Plakes find für die Honoratioren reservirt, während außerhalb dieser Demarkationslinie die Menge Straßen und Plätze überschwemmt, die Volksmenge, die sich ruhiger und gebildeter beträgt, als die bevorzugten Zuschauer und die auf­gebotene Macht der Polizisten und berittenen Gendarmen. Seit langen Stunden schon treten Arbeiter und kleine Leute Eine stolze Stadt bist Du, das ist wahr, aber Du bist mit philosophischem Gleichmuthe das Pflaster, ohne ihre gute auch die Stadt der ausgesprochenen Selbstsucht, die Stadt, Laune einen Augenblick zu verlieren. In diefes majestätische die in ihren Mauern ein Rudel Wölfe beherbergt, die in ihrer Schweigen erwartungsvoller Feierstimmung, über das wogende unstillbaren Freßgier einander zerfleischen, wenn sie mit den Menschenheer, das die herabsteigenden Schatten der Nacht Schafen aufgeräumt haben. Mit Deiner Entartung und liebfofend umfingen, fielen plötzlich die Fanfaren der Trom- Scheinheiligkeit, Deiner Zügellosigkeit, Deiner schreienden peten, die die auf der obersten Gallerie des Prunkfucht, Deinen lüsternen Trieben, Deinem Haß gegen die Thurmes dem Auge unsichtbaren Waffenherolde bliesen. wirthschaftlich Schwachen und Deiner Furcht vor der bewaff­Und die hellen Stimmen der Schwesterstädte Gent und neten Söldnermacht, gemahnst Du mich an Karthago . Brügge antworteten dem Anruf und begrüßten zu wieder- Und wer steht denn an der Spite unserer Stadtverwal holten Malen die mächtige Metropole. Ihren immer leiden- tung? Ein Haufen eitler, bornirter und aufgeblafener Bureau­schaftlicheren und gellenden Hochrufen folgte in gleichförmigem fraten, die mit dem Uebermuth frecher Suffeten*) schalten und Wechsel der rauhe Ton der Trompetenfanfare aus der Höhe. walten. Kennst Du den letzten Streich der Herren, Bergmans? Nach diesem Zwiegesang sette das Geläut der Glocken ein, Als sie eines Tages nichts mehr zu demoliren und zu bauen erst langsam und gedämpft, wie ein Vogel, der beim hatten, eine Thätigkeit, der sich rechtschaffene Kommunalbehörden dämmernden Morgen im thaugetränkten Unterholz erwacht. stets mit besonderer Borliebe widmen, beschließen die Braven, den dann immer lauter und heller die jubilirende Stimme er- Blauen Thurm", eins der letzten Denkmäler der Kriegs. hebend. Und jetzt stimmten auch Chor und Orchester die Fest- architektur des vierzehnten Jahrhunderts, die wir noch in hymne an. Europa befizen, niederzulegen. Alles was die Stadt an

Der Dichter pries die große Handelszentrale in voll- Künstlern und Kunstkennern in ihren Mauern beherbergt, tönenden Strophen und bilderreichen, schwungvollen Gemein- geräth darob natürlich in Aufregung und sendet der Regent­plätzen, denen die ganze Szenerie, die Begeisterung der Menge schaft Petitionen über Petitionen. Und was thun unsere und Vyveloy's Musik erst die rechte Eindrucksmacht gab. Die Auguren angesichts dieses Proteststurmes? Sie geruhen, den fünf Welttheile waren herbeigeeilt, Antwerpen ihren Gruß zu bei solchen Dingen unvermeidlichen Viollet- Le Duc als Sach­entbieten, alle Völker der Erde zahlten ihm unterthänig verständigen zu befragen, und da auch dieser Archäologe den ihren Tribut, und nicht genug an Neuzeit und Mittelalter, Muth hat, anderer Meinung als die allwissenden handel. auch das Alterthum hatte sich zur Huldigung eingefunden. treibenden Stadtväter zu sein und, wie die ganze Künstler­Das Universum und die Zeit, Geographie und Geschichte, schaft, der Erhaltung des alten, ehrwürdigen Bauwerks das Unendlichkeit und Ewigkeit, alles mußte mithelfen, zum Ruhme Wort zu reden, so geht die hohe Obrigkeit über sein Gutachten der Rubensstadt sein Theil beizutragen. Der ganze Panegyrikus zur Tagesordnung über und beeilt sich, den Thurm nieder­athmete im grunde echten und rechten Antwerpener Geist, reißen zu lassen... denn von dem Maler nnd seiner Kunst war weniger die Und gleichwohl ist unser Antwerpen eine herrliche Stadt. Rede als von seiner Herkunft und seinen Glücksumständen. Du hast mit gutem Grunde seinen unbeschreiblichen An­Wenn der Dichter dabei auch des kriegerischen, heldenhaften ziehungsreiz gerühmt, Rombaut, einen Reiz, der selbst seine Flanderns gedachte, so geschah es nur, um es zu Füßen der ärgsten Widersacher verstummen läßt. Wir fönnen der Stadt Stadt Antwerpen figuriren zu lassen, und auch Gent und im Ernst nicht böse sein, daß sie diesem Geschmeiß von Prozen Brügge, die glorreichen, gesinnungstreuen älteren Schwestern, zu Willen ist. Wir lieben sie wie ein Weib, das uns mit im Triumphzuge des proßigen, übermüthigen Emporkömmlings feiner Sinnlichkeit bethört. Selbst die Elendesten unter ihren mit aufzuführen. Brügge und Gent ! Die kraftvollen Gemein- Bewohnern bringen es nicht fertig, ihr zu fluchen..." wesen, die ihre Freiheit so trogig vertheidigten und die wohl Es war Laurent Paridael, der seinem Herzen in eben­an ihrem Glanz verloren, aber an ihrer Ehre auch nicht einen vermeldeter Weise Luft machte, als er eines Tages im Wirths­Deut eingebüßt hatten, schmeichelten ihrer verschlagenen, hause zum Weißen Kreuz" mit Bergmans, Rombaut und liebedienerischen Rivalin. Rom beugte die Knie vor Marbol zusammensaß. Karthago ... Und die üppige, den Sinnen schmeichelnde

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Alle Wetter, unser junger Natiegast" geht ja Musit, die in ihrem stolzen Bau und farbenglänzenden Kolorit da hübsch ins Beug!" ins Zeug!" sagte Vyveloy. Und das an die kaiserlichen Buhlerinnen gemahnte, ließ diese Plünderung alles, weil er findet, daß ich in meiner Rantate den Lokal­und diese Entstellung fast als legitimen Aft erscheinen. Delila's patriotismus auf Kosten von Brügge und Gent zu sehr lasterhafter Glanz machte Simson's Elend vergessen! hervorkehre!"

Als der letzte Ton verklungen war, als die Musik noch Antwerpen wird sich schon wieder erheben!" warf Berg­einmal das Hauptthema der Kantate anstimmte, um beim mans ein. Die Stadt wird schon das Joch abwerfen, das Schein der Fackeln den Rückmarsch anzutreten, war Laurent man ihr aufgezwungen hat. Nicht lange mehr und sie wird so erregt und von der allgemeinen Begeisterung angesteckt, ihren wahren Kindern wiedergegeben sein. Du sollst sehen, daß er ganz unbewußt mit den Musikern Schritt hielt und Paridael, das Unabhängigkeitsgefühl macht sich bei der Masse wie die anderen mitmarschirte. Für den Augenblick war jeder immer stärker bemerkbar. Du wirst bald Neues hören, das Standesunterschied im Ueberschwang des Begeisterungs- versprech' ich Dir! Es weht ein frischer Luftzug, der unsere rummels vergessen: Arbeiter und Bourgeois zogen Arm in Jugend belebt und kräftigt. Hier handelt's sich nicht nur um Arm dahin und brüllten mit vereinter Lungenkraft die Jubel die schöne und stolze Stadt, wir haben auch ein nicht hymne mit. ninder interessantes Volf, welches es herzlich satt hat, sich von seinen erwählten Vertretern am Gängelbande führen und verhöhnen zu lassen!"

Laurent blieb unermüdlich und begleitete den Zug bis ans Ziel. Bei jeder Straßenkreuzung erneuerte sich die Menschenwoge, neue traten hinzu, andere blieben zurück, nur Laurent hielt aus. Vyveloy's Musik hätte ihn bis ans

*) Magistratspersonen von Karthago .