Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 217.

Sonntag, den 6. November.

snif ind mod szin?

( Nachdruck verboten.)

25] Neu- Karthago .

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1898

Finger fuhren darauf herum wie auf den Fahrplänen in den Bahnhofshallen. Es roch nach Feuchtigkeit und ausgelöschten Bigarrenstummeln in dem ungelüfteten Schulzimmer, das noch der Duft von Butterstullen durchzog.

Noman von Georges Eekhoud . An Drückebergern, die sich der Abstimmung enthielten, Der Tag der Wahl war endlich herangekommen. Ein fehlte es nicht. Die jungen Leute von jeder der beiden Parteien, grauer Oktobermorgen. Seit dem Frühmorgen schon rufen die vor der Thür auf Wache standen, kannten indessen ihre Die Trommeln der Bürgergarde die Wähler an die Urne. Pappenheimer und schickten ihre Sendboten nach der Wohnung Die Stadt zeigte heute eine ganz ungewohnte Lebendigkeit, der Saumfeligen. Drinnen wickelten sich Namensaufruf und der die sich von dem geschäftigen Alltagstreiben, dem rührigen Vorbeizug der Wähler in jammervoller Gleichförmigkeit ab. Hin und Her eifriger Kaufleute und Kommis merklich unter- Nur ab und zu unterbrach ein ergötzlicher Zwischenfall das schied. Wähler im Sonntagsstaat verließen ihr Haus, unter langweilige Eineriei: einer, der versehentlich auf der Liste den Angströhren erblickte man die ernsten, etwas gezwungen nicht aufgeführt war, nahm die Sache frumm, Leute mit dreinschauenden Gesichter von Bürgern, die sich ihrer Würde gleichlautendem Namen führten eine Komödie der Frrungen und Verantwortung bewußt sind. Sie wanderten eiligen auf, hier rief man einen Todten zur Ausübung seines Wahl­Schrittes, den Wahlzettel in der Hand, den Wahllokalen zu, rechts auf, während man dort wieder einem Lebendigen aus­als welche Schulhäuser, Theaterfoyers und andere öffentliche einander zu sehen suchte, daß er von Rechts wegen auf dieser Gebäude dienten. Erde nichts mehr zu suchen hätte.

Junge Zierbengel, hoffnungsvolle Sprößlinge der reichen Die Stimmabgabe, Prüfung und Gegenprüfung dauerte Patrizier, das Autopfloch mit der blauen, die Parteifarbe repräsen- bis Mittag, daun begann man mit dem Zählen der ab­tirende Kokarde geziert, belegten sämmtliche Droschten mit Beschlag, gegebenen Stimmen. Noch ließ sich das Ergebniß nicht die zum Heranholen der kranken oder fäumigen Wähler be übersehen, ntan war vorerst nur auf Schähungen angewiesen. stimmt waren. Sie stolzirten mit gar gewichtiger Miene ein- Die Zahl der Wahlenthaltungen war nicht sonderlich groß. Die Leute mit den orangefarbigen Rosetten beklagten sich her, zogen hin und wieder ihre Listen zu Rathe, unterhielten sich im geheimnißvollen Flüsterton und tauten an dem Blei- über den Massenandrang der bürgerlichen Blusenmänner und stift herum, der später bei der Stimmabgabe zum Ankreuzen gleichzeitig auch über die Herren mit Glacéhandschuhen und der Nichterschienenen Verwendung finden sollte. Frühzeitig Dreimastern, dafür ärgerten sich die Blauen " wieder über schon waren die Onmibusse auf die vor der Stadt liegenden das Aufgebot der Baes" der Nationen, der kleinen Handels­Dörfer hinausgefahren, um die Wähler des Landbezirks ab- treibenden und Subalternbeamten.

zuholen. Sie tamen eben mit ihrer Menschenfracht beladen Kein Mensch ging nach Hause. Man mehr schlecht herangerollt. Verdugt und roth wie die Krebse standen die als recht in den von Gästen überfüllten Kneipen, Aufregung Bauern gemeindeweise in Gruppen beieinander, zwischen den und erwartungsvolle Spannung ließen die Kehlen trocken blauen Fuhrmannstitteln sah man zerstreut die schwarzen werden, die Durstigen berauschten sich an Bier und hoch. Soutanen der Pfarrer, die von einem zum andern gingen, tönenden Worten.

Anweisungen gaben und die Stimmzettel ihrer Schutz- Nach dem Essen zog ein Theil nach der Grand Place vor befohlenen prüften. Vor den Thüren der Wahllokale das Lokal der Association", dem Klub Béjard's und seiner bildeten sich fleine Ansammlungen. Man las die Sippe, an dessen acht Fenstern des ersten Stockes die Wahl­noch feuchten Anschläge, in denen ein oder der andere der resultate der sechsundzwanzig Bezirke zum Aushang kommen Kandidaten auf ein ,, in letter Stunde versuchtes Wahlmanöver" follten, andere marschirten nach dem Hafenquartier vor die der Gegner aufmerksam machte, um dann noch einmal die Wirthschaft zum Weißen Kreuz", wo sich die Nationalisten", Hauptpunkte in knappen, pomphaften Worten zusammen zu Bergmans Parteigänger, zu versammeln pflegten. fassen. Fast alle diese Manifeste begannen mit dem traditio- Der feine Sprühregen, der auf die wartende Menge nellen Wähler! Man sucht Euch irre zu führen!" Händler niederrieselte, verhinderte nicht, daß sich immer mehr Neu­brüllten eben erschienene Extrablätter aus. An jeder Seite gierige einfanden, die dem schlechten Wetter mit stoischem der Thür stand ein Mann, ein Schild in der Hand haltend, Gleichmuth trotzten. Die Straßenhändler fuhren fort, die zug­das in Riefenlettern die Mahnung an die Eintretenden fräftigen Artikel des Tages, die blauen und orangefarbigen richtete, für die eine oder die andere Liste zu stimmen. Die Kofarden, mit lauter Stimme anzupreisen. Leute mit der blauen Kokarde wechselten mit denen, die die orangefarbige Rosette als Erkennungszeichen trugen, heraus­fordernde Blicke, die friedlichsten Spießbürger gefielen sich in Heldenhafter Pose und umklammerten mit zornbebender Hand den Griff ihrer Spazierstöcke. Man sprach viel und erregt, aber im leisen Flüsterton heimlicher Verschwörer.

Es lag etwas wie Gewitterstimmung in der Luft, und das Schweigen der nervös erregten Menge wirkte wie die Stille vor dem Sturm. Es hatten sich jetzt auch viele Ar­beiter, Studenten und andere eingefunden, denen der Zensus fein Wahlrecht gab. Unwillig, ihre Stimme nicht für Door den Berg abgeben zu können, hegten sie den sehnlichsten Wunsch, Inzwischen hatten sich die verschiedenen Bureaus konstituirt. ihrer Gesinnung auf andere Weise offenfundigen Ausdruck Die Vorsitzenden nahmen mit ihren beiden Beisitzern Play, zu geben. und die Wahlhandlung begann. Auf den in alphabetischer Die orangefarbigen Rosetten herrschten deshalb auch in Reihe erfolgenden Namensaufruf bahuten sich die Betreffenden der Menge vor. Die Arbeiter hatten sie an der Wolljacke einen Weg durch das Gedränge, um hinter dem Verschlage, befestigt. In der Nähe des Wahlbureaus, wo die Landleute hinter dem die drei Herren mit der steifen, würdigen Amts- wählten, war es im Laufe des Vormittags bereits zu Zu­miene versammelt waren, zu verschwinden. Auf dem Tische, sammenstößen gekommen. Die Leute mit den blauen Stitteln über dem sich die übliche grüne Decke breitete, paradirte der zogen es daher vor, den haßerfüllten Blicken, die ihnen die häßliche, würfelformige Kasten, den man Urne zu nennen Hafenarbeiter zuwarfen, auszuweichen, und nachdem sie ihre pflegt. Der Wähler hielt seinen vierfach gefalteten, mit dem Stimme nach dem Wunsche ihrer Pfarrherren abgegeben: Stadtwappen gezierten Wahlzettel dem Vorsitzenden, der hatten, schleunigst das Verdeck der Omnibusse zu erklettern, ihn über den Kneifer hinweg argwöhnisch musterte, die sie aus der ungaftlichen Stadt hinaus nach ihren Feldern einen Augenblick unter die Nase und steďte ihn und Wiesen zurücktransportirten.

dann bedächtig in den langöhrigen Schlik, der der Der Heerbann der Standesgenossen war in den Klub­Urne das Aussehen eines Brieftastens oder einer Spar- räumen der Association" um die Führer der Partei ver büchse gab. Auf manche der braven Leute schien der sammelt, die der Verkündigung der endgiltigen Wahlresultate einfache Akt über die Maßen Eindruck zu machen, sie verloren harrten. Aus dem Stimmengewirr flang Béjard's näselndes mit der Fassung zugleich ihren Spazierſtock, erschöpften sich in Organ scharf heraus, Dupoissy orakelte mit salbungsvoller berlegenen Verbeugungen und gaben sich erdenklichste Mühe, Weitschweifigkeit. Der Kampfesmuthige, brutale Saint- Fardier ihren Zettel in das Tintenfaß des Beisitzers zu praktiziren. sprach davon, diesen Bergmans und seine schmutzige Gefolg. Die nach dem Wartezimmer gewandte Seite des Ver- schaft einfach niederzufnallen, der frühzeitig gealterte schlages war mit den Wählerlisten beklebt. Kurzsichtige Dobouziez lehnte mürrisch und wortkarg in der Ecke, er grückten ihre Nase auf dem Papier platt, und schmutzige hatte für die Politik nur geringes Interesse und schimpfte

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