Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 242.

Dienstag, den 13. Dezember.

( Nachdruck verboten.)

Die Badereise der Familie Hellvik.

6].

Von Alfred af Hedenstjerna.

1898

beben entronnen ist. Nur mühsam vermochte er seine blut­losen Lippen zu öffnen und zu stöhnen:

Frau Hellvik Sie haben mein ganzes Drama ruinirt!"

Frau Hellvik winkte ihrer Tochter:

Papa Hellvik drückte Onkel Gustav's Hand und flüsterte: Der Baron hat welchen auf dem Fenster... Nein, auf dem Schnell, Gerda, ein Glas Kognat für den Herrn Assessor.

..Wie schön sie heute ist! Meine liebe, liebe Emma!" Er erhielt keine Antwort. Erstaunt guckte Albert Hellvir andern... zum Bruder empor. Zwei Klare Thränen standen in Onkel Gustav's Augen, seine Lippen bebten, und er biß sich in die­selben mit seinen langen, grüngelben Zähnen, um seine Rührung zu unterdrücken. Die Herzen beider schlugen so, daß sie die uralten, lautgehenden, großen Spindeluhren in ihren Westentaschen übertönten.

Die alte Frau Christine, die Badefrau der Frau Hellvik, hatte auf der hintersten Bank einen Platz bekommen, da sie zur Generalprobe sich nicht hatte freimachen können. Die Alte weinte ganz laut über die traurigen Folgen der Misse­thaten der Eltern".

"

Ach, Sie brauchen sich nicht zit grämen. Mama ver­zu stellt sich ja nur!" tröstete fie der junge Arrl, der auf der Bank vor ihr saß.

So, ich habe das Stück ruinirt, sagen Sie? Ich glaube das nicht. Herr Assessor, und Sie dürfen mir deshalb nicht böse sein. Sie hörten ja selbst, Herr Assessor, vie fie klatschten. Es ist mir unmöglich, nicht zu helfen, wo ich kann. Und sie klatschten ja ganz gewaltig. Ich glaube, gute Menschen sehen es am liebsten, wenn es zum Schluß gut abläuft, Herr Assessor. Ich glaube, sie meinen, wir haben genug Elend im wirklichen Leben; aber dennoch bin ich, die schon ein wenig länger auf der Welt ist, als Sie, überzeugt, daß das Leben und die Welt und die Menschen weit besser sind, als man dentt! So und num trinken Sie einen Kognat, dann sind Sie lieb! Ich bin ganz sicher, daß ich ihr Stück nicht ruinirt babe!"

IV.

7730

Eine warme, milde Hochsommernacht lag über den herr­lichen Fluren von Gesundbrunn. Alle Blüthen dufteten noch frischer in dem Nachtschlummer. Alles war still und ruhig.

Dann fam, unter ständig steigender Erwartung nach jedem Aftschluß, endlich die große Schlußscene, in der die In der Villa der Frau Berg vernahm man keinen Laut, Freiherrin Laura Spadercreuß von ihren Kindern Abschied nur ruhige, stille Athemzüge. Da erhebt sich lautlos, kazen­nimmt und sich und sie zu lebenslanger Verzweiflung ber- leise eine feine Frauengestalt in ihrem weißen Nachtgewande dammt, und Hugo und Julie, das Herz voller Bitterfeit gegen vom Divan in der Fensterecke und lauscht nach dem Bett die Mutter, einzeln hinaus in die Welt gehen, ohne jede in der anderen Ecke, in dem ein rosiges Antlig, von blonden Hoffnung, je sich wiederzusehen, ohne Möglichkeit, etwas gegen Locken umrahmt, mit geschlossenen Augen in ficherer Ruhe das Leid auszurichten, das Schwester und Bruder miteinander liegt, während die Brust fich sacht in gleichmäßigen Athem­berbunden zügen hebt und senkt.

Die Schlußworte, die der Assessor schon im voraus mit einem noch nie empfundenen Schaudergefühl genoß, lauteten also: Freiherrin Laura( das Haupt auf die Platte eines Marmortisches gedrückt, mit tonloſer, versagender Stimme): Geht, meine Kinder! Kein Fluch von Euren Lippen könnte mich so schwer treffen, wie mein eigenes Gefühl, daß Ihr beiden Armen als schuldlose Opfer der Misse. thaten der Eltern gefallen seid...."( Vorhang.)

-

Das Mädchen auf dem Divan scheint mit diesem Bilde, wie schön es auch ist, nicht zufrieden zu sein; sie schüttelt ungeduldig den hübschen Kopf und legt sich mit einem Seufzer wieder hin. Dann erhebt sie sich wieder, läßt ihre weißen Füßchen auf den Boden herabgleiten, schleicht leise zum Bett, umschlingt den Hals, der zu dem schönen Kopf gehört, mit ihren Armen und drückt einen Kuß auf die halboffenen Lippen. Das schlafende Mädchen fährt zusammen und murmelt erschreckt:

,, O, wie können Sie's wagen, Herr Pastor... Mein Gott, Gerda, Du bist es...?"

Die schlanke, weiße Gestalt schlüpft ins Bett, schlingt die Arme um die Liegende, verbirgt das Geficht an ihrer Brust und flüstert: So, Deine Seele und Gedanken weilen auch daheim, Aennchen?"

"

Anna reibt etwas verdrießlich den Schlaf aus den Augen und sagt:

Bis dahin war alles, wie gesagt, vortrefflich gegangen. Aber als nun Frau Hellvik, Herzensfroh, daß alles so glück­lich abgelaufen, den überfüllten Saal sah und an den großen Ueberschuß für den wohlthätigen Zweck dachte und dabei fühlte, daß doch sie es eigentlich war, die den Tag gerettet hatte, und sich mystische Gefühlsfäden von ihrem eigenen Herzen zu dem Albert's, der Kinder und Onkel Gustav's draußen im Saal hinspannen, und als sie dann die thränenerfüllten Augen der armen, schönen Oberstin und des fo reizend liebenswürdigen Barons hier oben fah da schauderte sie plöglich zurück vor der gemeinsamen Grausam­teit der Vorsehung und des Assessors, ihr gutes Herz schwoll über, sie konnte sich nicht länger beherrschen, öffnete ihre Arme und rief: Nein, Ihr seid genug geprüft, geliebte Kinder! Schon gestern Abend ward es mir klar, daß unser Leid auf einem wunderbaren Frrthum beruht und daß Hugo garnicht mein rieb sie mit zornigem Eifer. Sohn ist, sondern der einer lieben, geliebten Jugendfreundin, die auch in dem Hause in der Schmiedegasse Unterkunft ge­funden hatte!... Umarmt Euch, Kinder! Seht, so ber- den zeiht ein barmherziger Gott die Missethaten der Eltern!"

Nein, ganz und gar nicht! Ich finde es ganz be zaubernd hier, aber ich träumte jezt gerade, ich wäre zu Hause und einer gräßlichen Unannehmlichkeit ausgesett..." Daß Pastor Fridolin Dich füßte?"

Hu!"

" Ja, Aber wie in aller Welt fannst Du das wissen?

Sie führte den weißen, runden Arm an die Lippen und

Machst Du Dir denn gar nichts mehr aus dem Pastor?" Anna Hellvik richtete sich auf und strich das Haar mit Händen zurück.

"

Es ist so sonderbar, Gerda! Wir haben niemals ein­ander etwas verborgen, und Du weißt, zu Hause glaubte ich, ihn leiden zu können. Aber hier ist es so herrlich, es gefällt mir so gut, seit sie über Mama nicht mehr so lachen und niemand Onkel Gustav etwas übel nimmt. Ich habe an Pastor Fridolin schon lange nicht mehr gedacht, weißt Du!" ,, Aber Anna! Du hast Dich doch wohl nicht in den Baron verliebt?"

Eine furchtbare Bewegung entstand. Die Oberstin und der Baron hatten freilich die Geistesgegenwart, sogleich ihre Kindergesichter an dem üppigen Busen der Mutter" zu ver­bergen und ihr Lachen zu ersticken, aber draußen im Saal tämpften die Wogen der Begeisterung einen harten Strauß mit denen des Erstaunens und der Empörung, bis alles in einen donnernden Applaus erstarb, der gar fein Ende nehmen wollte, obgleich es an bielen Orten üblich ist, dergleichen bei Dilettantenvorstellungen ganz wenn Du willst." zu unterlassen", stand in dem Seestadter Tageblatt.

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"

Aber als der Vorhang zum letzten Mal zusammengezogen

Anna unterdrückte ein Richern und flüsterte:

Nein Liebste, den kannst Du ruhig für Dich behalten, Da ist es also Herr Nilsson?"

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" Hu, wie warm es hier ist! Warum spukst Du eigentlich

war, stand der Assessor Halldelin bleich, ganz verstört, mit hier so in der Nacht herum, Gerdachen?"

sprühenden Augen und sich sträubenden Haaren mitten auf Gerda schwieg lange und beharrlich. Schließlich der Bühne, wie ein Mensch, der mit Lebensgefahr einem Erd- 1 murmelte fie: