Unterhaltungsblatt des Vorwäris

Nr. 1.

Sonntag, den 1. Januar.

1899

( Nachdruck verboten.)

ab, haute ihn durch und gab ihm einen Thaler für das Ver­sprechen, daß er es nicht wieder thun wollte. Ein halbes

Herrn Birkendrath's Pensionäre. Jahr lang hatte das ganze Neft über den verrückten Kerl ge

1]

Roman von D. Eugen Thossan.

I.

Herr Zickendrath machte leise die Thüre hinter sich zu. Dann stand er einen Augenblick still und horchte. Drüben im Wohnzimmer raisonnirte seine Frau weiter, mit ihrer hohen hellen Stimme, die in der Erregung leicht kreischend wurde. Er hörte, daß sie ihren Gedankengang soeben wieder von vorn anfing. Wie die meisten Weiber. Von allen Kunstmitteln der Rhetorik halten sie das der Wiederholung für das wirksamste. Herr Zickendrath hätte an und für sich nichts dagegen gehabt. Er kannte das; in seiner sechsundzwanzigjährigen Ehe hatte er sich daran gewöhnt. Wenn nur das eine nicht gewesen wäre, dieses entsetzliche Gefühl, das ihn nun schon seit acht Tagen würgte, dieser eine elende niederträchtige Gedanke, der ihm früher nie gekommen war, der Gedanke: Sie hat Recht. Sie hatte Recht! Und deshalb war es ihm Bedürfniß gewesen, eine gewisse Entfernung zwischen sich und sie zu Tegen.

Er stand noch immer dicht hinter der Thüre. Es wurde ihm schwer, zu überlegen; aber er mußte doch. Ob er ab­riegelte? Das alte Schloß hatte die thörichte Angewohnheit, so übermäßig laut einzuschnappen. Wenn das die Frau hörte, aufmerksam wurde und herüber kam, dann war alles vorbei. Und wer konnte wissen, ob er so bald wieder in der Stimmung sein würde, seinen großen Plan auszuführen, wie gerade jezt? Indessen es war taum anzunehmen, daß sie kommen würde. Soweit er ihre Naturgeschichte kannte, brauchte sie jetzt noch mindestens eine Viertelstunde, bis sie ihrem redneri­schen Drang genügt hatte. Und in einer Viertelstunde- war alles geschehen.

Er riegelte also nicht ab.

Es war eine öde halbleere Kammer, in die er sich zurück­gezogen hatte. Links vom Fenster stand nur ein altes Schlaf sopha, durch dessen Blumenmuster die Zeit mit gütiger Unter­stützung jugendlich lebendiger Stiefelabjäße tiefe Furchen ge­rissen hatte, und rechts ein Büchergestell, welches mit einem Vorhang von grünem Zig seine ausgeräumten Fächer bedeckte. Früher hatte Karl, der Sohn, hier gehaust. Aber seit er zu einem Kaufmann in die Lehre gekommen war und im Geschäft schlief, waren das Bett auf den Boden und die Bücher zum Antiquar gewandert. Es war jetzt nicht mehr gerade sehr gemüthlich in dem kleinen Raum. Aber Herr Bickendrath fühlte das nicht.

lacht und sich darauf gespißt, daß er eines schönen Tages ein­mal den Anschluß an die Alte versäumen und richtig hängen bleiben würde. Aber den Gefallen that ihnen Günther nicht, dafür war er zu schlau.

Herr Zickendrath wischte sich mit dem Aermel den Honig­dicken Schweiß von der Stirn. Ihm war kläglich zu Muthe. Er und Günther Kraak in einen Topf geworfen! Ein ekel­hafter Gedanke! Er war doch ein reifer gesetter Mann, beinahe schon ein alter Mann, start in den Fünfzigern und vom Leben mitgenommen wie ein Siebziger. Und er meinte es verdammt ernst mit dem Tode. Seit drei Tagen war er damit beschäftigt gewesen, sich den letzten Trant anzusehen", ohne daß jemand etwas davon merken sollte. Es war fein leichtes Stück Arbeit gewesen! Dugendweise hatte er sich die Schwefelhölzer aus der Küche zusammengemaust, bis er es auf drei Schachteln gebracht hatte, die rothen Köpfchen abgeschabt und in schwarzen Kaffee geschüttet, zum Auflösen. Das mußte wirken. Er hatte es hundertmal in der Zeitung gelesen. Mit einer Schachtel war es schon oft mißglückt. Aber mit dreien das hielt kein Pferd aus! Und nun, wo die Arznei fertig war, nun hatte er nicht die Kurage, sie auszutrinken. Es war zu dumm.is biet

Und wie seine Augen verlegen in der Stube umherliefen, fielen sie auf die halblange Pfeife, die in der Ecke zwischen dem Fenster und dem Büchergestell lehnte. Da ergriff ihn eine tiefe Rührung, ein gewaltiges Mitleid mit sich selbst. Alles, was noch schön und behaglich gewesen war an seinem; armen Dasein in diesem letzten schrecklichen Jahr, das schien beim Anblick der Pfeife wieder in ihm wach zu werden, sich lockend vor ihm aufzubäumen. Die Stunden, in denen er von dem lieben Qualm umhüllt den ganzen Jammer vergessen hatte- er konnte nicht widerstehen. Mit zitternden Händen griff er nach dem dünnen Rohr, faßte er nach dem kleinen Stopf mit dem himmelblauen Vergißmeinnichtstrauß. Der war noch fast bis zum Rande gestopft. In der Aufregung der vergangenen Tage hatte er nicht einmal ans Rauchen gedacht. Wiechanisch holte er sein Feuerzeug aus der Tasche, fuhr mit dem Hölzchen behutsam an der Rückwand seines baufälligen Hosengebäudes entlang, und schon gaukelten zwei drei blaue Ringe durch die Kammer.

Wie eine ungeheuere Erleichterung fam es über ihn, wie eine Befreiung. Als ob ein furchtbares Unglück an ihm vorbei­gegangen wäre. Es war ja zwar nur hinausgeschoben, die Katastrophe; aber zehn Minuten hatte er ja wohl noch Zeit. Er langte hinter die grüne Gardine und holte eine große, Länger hielt der Tabat so wie so nicht aus. Es war am weiße Porzellantasse ohne Henkel hervor. Die trug er sorg- Ende auch würdiger so. Man konnte doch nicht so aus dem fältig zum Fenster und setzte sie auf dem Fensterbrett nieder. Leben gehen, wie ein Stück Vieh, ohne sich gewissermaßen Dann rührte er lange und umständlich mit dem kleinen ver- noch einmal klar geworden zu sein, was man that. Er bogenen Blechlöffel drin herum. Und plötzlich, mit einem that's doch nicht in der Uebereilung, es war ein wohl über­heldenhaften Entschluß, klopfte er den Löffel auf dem Rande legter und wohl vorbereiteter Schritt! Und friedlich, ohne ab, ergriff die Tasse und führte sie zum Wunde.

Aber mitten auf dem Wege hielt er mit einem leichten Schauder inne, schüttelte sich noch einmal und setzte das Gefäß wieder hin.

Er schämte sich, schämte sich erbärmlich seiner Schlapprig feit; aber es war doch verflucht schwer, so mit einem Male... wenigstens ein paar Minuten mußte er sich noch göten, noch einmal Luft schnappen.

..

Groll sollte es doch geschehen; er wollte ja niemand damit tränken, wahrhaftig nicht, nicht einmal seine Frau. Das lag ihm ganz fern, das wäre kindisch gewejen. Obgleich sie es eigentlich nicht nöthig gehabt hätte, ihm das immer wieder vor den Kopf zu sagen, was er selbst deutlich genug fühlte; daß er nämlich überflüssig war, aber total überflüssig auf der Welt im allgemeinen und in seiner Familie im be. sonderen. Er war feine Stüße für sie, nun, da das " Jawohl, Luft schnappen! Wie Günther Kraak!" Unglück hereingebrochen war, sondern nur noch eine Als ob ihm das jemand zugeflüstert hätte, der hinter ihm Last mehr. Er wußte es ja. Ju den letzten acht Tagen stand und sich über seine Feigheit lustig machte. Er sah sich hatte er es sich eingestanden, nach und nach nur, und wider­scheu um und trat schnell ein paar Schritte ins Zimmer zurück. strebend, wie ein Ertrinkender, der sich an jeden Strohhalm Aber es half nichts, die Erinnerung war da. Günther Straat flammert. Aber zuletzt war er doch versunken, in der fürchter­war eine Jugendbekanntschaft, ein Nachbarssohn, der von lichen Welle der Erkenntniß: Sie hat Recht. Deshalb stand seiner Mutter höllisch knapp im Taschengelde gehalten wurde. er ja hier und hatte den schwarzen Kaffee vor sich. Dem Eigentlich mit Recht; denn er war ein richtiger Lumprian, Hausherrn" stand mit blauer Schrift auf der Taffe. Das war wenn er welches hatte. Aber Günther war anderer Ansicht; wie Hohn... Aber, was war dabei zu machen? Es war eben und er wußte sich zu helfen. Regelmäßig jede Woche ein Unglück. An der Erziehung lag's. Es lag überhaupt alles einmal hing er sich auf, wo es gerade paßte: auf dem Boden, an der Erziehung. Wenn man das früher gewußt hätte! Aber im Keller oder im Holzstall, das war ganz egal; wenn nur da hatte es sein Vater an ihm verfehlt. Er hatte ihn sozusagen die Alte in der Nähe war und sein Röcheln und Stöhnen überhaupt nichts lernen lassen. Es war ein glücklicher Wiensch hören mußte. Und regelmäßig kam die Alte dazu; wenn er gewesen, der alte Zickendrath. Oder vielleicht hatte es an der scheinbar zum letzten Mal nach Luft schnappte, schnitt sie ihn Zeit gelegen, die so ganz anders geworden war. Jedenfalls

"