Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 4.

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Donnerstag, den 5. Januar.

( Nachdruck verboten.)

Herrn Birkendrath's Pensionäre. Roman von O. Eugen Thoffan. ,, Gewiß, gewiß, die Erfahrung, die Erfahrung..." " Jawohl, ohne Zweifel. Die Erfahrung ist ein weiteres unumgängliches Erforderniß. Und doch, lieber Herr..?..?" Bickendrath."

lieber Herr Zickendrath, mit der Erfahrung selbst ist es auch noch nicht gethan. Ich will gern glauben, daß Ihnen eine gewisse Erfahrung in dieser Beziehung nicht ab­geht.. Sie haben selbst Kinder?"

Herr Zickendrath nickte blos. Er war schon wieder über feinen Rededrang hinaus.

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1899

Der Bleistift war abgebrochen. Herr Zickendrath sprang diensteifrig mit dem Stümpfchen herbei, das er sich in die Westentasche gesteckt hatte. Der Direktor stand auf. Herr Zickendrath war gleich stehen geblieben. 3d yout

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" Ich werde sehen, was sich thun läßt," wiederholte der Direktor. Die Verhältnisse sind ja wirklich derart, daß man helfen muß. Und dann habe ich doch auch aus unserer Aus­sprache vorhin die Ueberzeugung gewonnen, daß ich es mit einem Manne zu thun habe, der für pädagogische Dinge ein lebhaftes Interesse hat. Wenn Sie sich in zweifelhaften Fällen an mich wenden wollen" Herr Zickendrath nickte schnell drei Mal hintereinander ,, ich stehe jeder Zeit zur Ver­fügung." Er reichte Herrn Bidendrath die Hand hin. Also vorläufig... Gott befohlen!. Ich werde an Sie denken, Verlassen Sie sich darauf!"

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Aber das

Schön. Also aber sehen Sie, die Erfahrung an und für sich, eine ungeordnete Menge einzelner Erlebnisse, nicht Herr Zickendrath schüttelte mit inniger Dankbarkeit die wahr? ich möchte sagen, ein Chaos, ein Tohuwabohu. Was dargereichte Hand und ging zur Thüre. Ünterwegs drehte er diesen Dingen erst den erzieherischen Werth verleiht, das ist sich noch verschiedene Male im Kreise, um dem ihm langsam die Uebersichtlichkeit, die Ordnung, wir Schulmänner sagen: folgenden Direktor mehrere Abschiedsverbeugungen zukommen das System. Das System allein schützt vor Willkürlich zu lassen, und dann war er draußen. feiten, vor Fehlgriffen, mit einem Wort: vor dem Er athmete tief auf, als sich die hohe Flügelthür hinter Dilettantismus in der Pädagogit. Denn, sehen Sie was ihm geschlossen hatte. Die Pause war zu Ende, tiefe Stille wir mit dem Verhältniß von Analyse und Synthese herrschte auf dem Korridor, nur ab und zu von einem lauteren bezeichnen, ich meine den inneren Zusammenhang zwischen Wort aus den Klassenzimmern unterbrochen. der erworbenen Wissenschaft der Erziehung und der praktischen schreckte ihn jekt nicht mehr. Er blieb ruhig stehen, bis er Anwendung auf das Erziehungsobjekt, das Verständniß für sich gesammelt hatte. Dann fiel ihm sein Stummel ein. Den diese geheimnißvolle und doch so unendliche wichtige Wechsel- wollte er nicht im Stiche lassen. Aber auf dem Fensterbrett wirkung, das ist es eigentlich, was den Erzieher macht. Aus lag er nicht mehr. Er suchte in den Ecken, auf dem dem System ergiebt sich ganz von selbst dasjenige, was wir Boden, nirgends etwas zu sehen. Hinausgefallen konnte Pädagogen die Methode nennen." er auch nicht sein. Mit einem Male ging ihm ein Licht auf. So ne verwünschten Bengels! Da that allerdings Er­ziehung noth. Mausen thaten fie auch, Bigarrenstummel maufen, wahrscheinlich, um sich Nachmittags im Stadtwald daran gütlich zu thun. Gucke da! Ob man ihnen das mit Methode abgewöhnen konnte?"

Der Direktor sprach das Wort Methode" mit solchem Nachdruck aus, daß Herr Zickendrath aus seinem Hindusseln auffuhr.

" Jawohl, die Methode", sagte er fleinlaut. Und dann ließ er den Direktor weiter reden. Das machte sich der denn auch in ausgiebigem Maße zu Nutz und sprach und sprach.

Herr Zickendrath aber versant je länger je tiefer in einen Abgrund von Traurigkeit. Er verstand nicht den zehnten Theil von dem, was der Mann da ausframte, aber das eine verstand er nur zu gut: der Direktor wollte nicht, er ver­weigerte feine Unterſtüßung.

Der Direktor hielt Wort.

III

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Und mit ungewohnter Hellsichtigkeit sah er in einem Augenblick die Folgen voraus, sah er tief hinein in die schreck­liche Perspektive, die sich vor der Familie aufthat. Vielleicht hatten die Mutter und Manni inzwischen schon eine Wohnung gemiethet, und darin konnten sie dann zu Michaeli ohne Schüler siten und an den Fingern saugen, und zu Neujahr war keine Miethe da, und dann kam der Gerichtsvollzieher dem Klubhaus der Gesellschaft Konkordia" und war durch und nahm die Möbel er vergaß vollständig, wo er war, und wischte sich quer über die Augen, weil sie überzulaufen drohten.

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Das sah der Direktor, und es brachte ihn total aus dem Konzept. In fein System drang plötzlich ein Fremdkörper ein, etwas rein Menschliches, ganz und gar Unwissenschaft liches, eine Mischung von Mitleid und Neugier, die sein Lehr­gebände von Grund aus aufweichte. Er brummte einiges vor sich hin, was einen Uebergang vorstellen follte und sagte dann in einem weniger lehrhaften Ton: Darf ich mich nun etwas nach Ihren häuslichen Verhältnissen erkundigen?"

Herr Zickendrath gab Auskunft, zuerst zögernd, zurück haltend, in dem Bestreben, von seiner bürgerlichen Wohl­ansehnlichkeit so viel zu retten, wie zu retten war; als aber der Direktor auf seine Auseinanderseßungen einging und mit allerlei Fragen nachhalf, da verrieth er denn so nach und nach doch alles, die ganze Misere und die ganze Hoffnung der Familie.

Der Direktor fah sinnend zum Fenster hinaus. Hm... Ja, das ist ja alles recht schön. ich wollte sagen, das ist ja recht traurig.... Hm... und Sie meinen, wenn Sie vier Schüler hätten, könnten Sie durchkommen?" Herr Zickendrath schöpfte wieder Hoffnung. Für den Anfang, Herr Direktor. Später... Gott , dann wird sich ja schon Alles machen."

Hm!... ya... Ich werde sehen, was sich thun läßt... Darf ich mir Ihre Adresse notiren?"

Anfangs Oktober konnte die Pension mit vorläufig drei Schülern eröffnet werden. Außerdem war noch ein After­miether mit der Wohnung übernommen worden, der Kantor emer. Tripps, der sich nach mehreren Probemittagen auch in ganze Kost bei Frau Zickendrath gab. So konnte man dem Winter wenigstens ohne drückende Sorgen entgegensehen. Die Wohnung selbst lag fünf Minuten vom Gymnasium entfernt in einer stillen Seitenstraße, die nur auf einer Seite bebaut war. Gegenüber befand sich ein großer Garten mit ausgedehnten Rasenflächen und hohen Bäumen. Er gehörte zu ein Eisengitter auf niedriger Mauer gegen die Straße abgeschlossen. Das Haus, in das Zickendrath's ihren Einzug gehalten hatten, war nicht neu, was den Vorzug hatte, daß die Zimmer ziemlich klein waren und deshalb gut ausmöblirt werden konnten. Außerdem zählte es nur drei Fenster Front, trug ein Stockwerk und oben darauf neben dem Spißboden noch ein aufgesetztes Zimmer, einen sogenannten Thurm. Im Thurm wohnte der Kantor, zu ebener Erde die Familie Bidendrath, und im Mittelgeschoß hausten die Pensionäre. Wenn nicht der Kontrakt mit dem Besizer aller dieser Herrlichkeiten gewesen wäre, hätte sich Herr Zickendrath wieder für einen Hausbesizer halten können. Es war ihm alles unterthänig, das Haus mitsammt dem kleinen Vorgarten, dem mit Sandsteinen gepflasterten Hof an der Rückseite und der dahinter liegenden grünen Wildniß, die im Miethskontrakt den Namen der große Garten" führte.

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Was die Pensionäre betrifft, so waren da zuerst die Ge­brüder Schmidt, Johannes und Gustav, genannt Gustel. Sie waren die Söhne eines mittleren Gutsbesitzers aus der Um­gegend und hatten ihr ganzes Mobiliar selbst mitgebracht mit Einschluß des Stiefelfnechts und eines nicht näher zu be­zeichnenden anderen nöthigen Hausgeräths. Johannes hatte es bereits zum Obersekundaner gebracht, und Gustel beehrte die Untertertia mit seiner Zugehörigkeit.

Der Dritte im Bunde war Emil Schönfeld, ein kleiner quecksilberner Kaufmannssprößling aus Damberg an der Saale , wo sein Vater ein Schnittwarengeschäft besaß. Er stand im