Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 6.

Son: itag, den 8. Januar.

( Nachdruck verboten.)

1899

Herrn Bikendrath's Pensionäve. Kopfe und wußte nicht weiter. Er hatte sich eingebildet, das

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Roman von O. Eugen Thossan.

Und nun saß er alter Kerl da mit seinem dicken rothen fleine Gebetlein, das er so oft gehört hatte, noch so zu stande bringen zu können; aber es ging nicht. Er konnte sich durch­So ähnlich gedachte er es bei sich auch einzurichten. Es aus nicht auf den richtigen Anfang besinnen. Als er schon war ihm deshalb nicht unlieb, daß Mutter erklärt hatte, sie daran dachte, einfach aufzuhören, fiel ihm glücklicherweise noch würde mit Manni hinterher besonders essen. Sie hätten feine der Schluß ein: Und ſegne, was Du uns bescheeret hast. Zeit, sich großartig an die Tafel zu pflanzen; sie selbst müsse Den hängte er in seiner Verlegenheit ohne jeden Uebergang anrichten, und Manni habe aufzutragen. Das stimmte ja auch an den verpfuschten Anfang und schloß mit einem lauten alles, es war ja sonst niemand da. Gewiß, wenn es sich hätte Amen!" seine verunglückte Produktion als Vorbeter. machen lassen, daß die ganze Familie zugegen gewesen wäre, es hätte auch sein Hübsches gehabt. Aber er war sich so seiner alles beherrschenden Stellung bei Tische sicherer. Wenn Mutter dabeisaß man konnte niemals wissen, was sie für Marotten bekam. Sie war manchmal erschrecklich rücksichtslos. Und der Respekt konnte dabei sehr leicht in die Binsen gehen. Mit den Jungens allein aber mußte sich die Sache ganz nach seinem Wunsch abspielen.

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Um halb eins verschwand er aus der Küche und ging nach hinten ins Schlafzimmer, um sorgfältig Toilette zu machen. Dabei entivickelte er eine so teuflisch feine Berech nung, wie sie nur einem fanatischen Verfolger seiner Pläne möglich ist. Die Pantoffeln behielt er bei, um alles Ge machte, Ueberoffizielle zu vermeiden; aber von Kragen und Stravatten wählte er das Beste aus und was er seit Jahren nicht gethaner fnöpfte weiße Stulpen ein.

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Mehrere Sekunden herrschte ein peinliches Stillschweigen rings um den Tisch; bis sich die Spannung in ein fröhliches Tellergeklapper auflöſte.

Herr Zickendrath war zwar froh, daß er noch so davon­gekommen war; aber ein leises Gefühl der Beschämung ver­anlaßte ihn doch, sein Gesicht dicht über den Teller zu hängen und seine ganze Aufmerksamkeit auf die Sagosuppe zu richten, die Mutter wieder einmal großartig gemacht hatte. Suppen waren ihre Forsche.

Plöglich klang ein dünnes feines Pfeifen über den Tisch. Herr Zicendrath fuhr verblüfft in die Höhe. Da saß Gustel, in seinen Stuhl zurückgelehnt, plätscherte nachlässig in der Suppe und erzeugte zwischen seinen zusammengebissenen Zähnen die unmanierlichen Töne, die Herrn Zickendrath so erschreckt hatten. Sein ganzes Gesicht zeigte dabei einen unverkennbaren Ausdruck von Verachtung. Er mochte keinen Sago.

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Fünf Minuten vor ein Uhr trat er auf den Flur hinaus und schwang eine große Schelle, die früher an der Eingangs- Der Pensionsvater und Tischvorstand wußte sich im ersten thür seines versubhastirten Hauses angebracht gewesen war Moment nicht zu rathen und zu helfen. Er wollte nicht gleich und so eigentlich zur verfallenen Masse gehörte. Er hatte sie zu Beginn seiner Erzieher- Laufbahn Skandal machen; ander­aber ohne Gewissensbisse entiendet und mitgenommen, jeits aber war das Benehmen des Bengels, der keinen weil er überzeugt war, daß er sie unendlich viel Sago mochte, so aufreizend, daß er sich nur mit Mühe be­besser gebrauchen könne als der neue Besizer. Nach dem er genugsam geläutet hatte, rief er mehrmals als Erklärung des plöblichen Lärmens: Zu Tisch! zu Tisch!" und begab sich darauf in das Wohnzimmer, wo auf der in blendendem Weiß prangenden Tafel bereits die Suppe dampfte.

Als die Jungen herunterkamen, erklärte er ihnen zu nächst, daß er in Zukunft nur noch schellen, aber nicht mehr rufen werde, wenn das Essen angerichtet wäre. Das Klingeln sei das umuumstößlich giltige Zeichen, daß alles bereit sei. Dann wies er einem Jeden seinen Platz bei Tische an, steckte die Serviette in den Halskragen und füllte die Suppe auf. Damit fertig, sah er sich die Jungen der Reihe mit prüfenden Blicken an und sagte schließlich in erustem Ton:

" Johannes, wollen Sie mal das Tischgebet sprechen." Johannes machte ein paar uatürlich große entfekte Augen, als ob ihm etwas Unerhörtes zugemuthet wäre, und fagte fein Wort.

Herr Zickendrath nahm einen Anlauf, um seine Auf forderung mit dem gehörigen Nachdruck zu wiederholen. Als er aber dieses weit aufgerissene Augenpaar starr auf sich gerichtet sah, wurde er ängstlich, stotterte, suchte einen Ausweg, glitt weiter au der Reihe entlang und fragte un sicher: Oder, Gustav, wollen Sie so gut sein?"

herrschte.

In diesem Zwiespalt der Gefühle kam ihm ein Bundes­genosse von einer Seite, an die er nie gedacht hätte. Johannes nämlich, der den ungünstigen Eindruck von vorhin zu verwischen wünschte, ramite den Missethäter mit brüder licher Nachdrücklichkeit in die Seite und schnaubte ihn an: Na, wirst Du min bald das Plentpern lassen und anständig essen?"

,, Das ist doch meine Sache!" entgegnete Gustel höhnisch. Wenn ich essen will, dann ess' ich; und wenn ich nicht will, lass' ich's bleiben."

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Du schänist Dich wohl gar nicht. Was soll Herr Zicken­brath von Dir denken?"

Gustel streifte den zum Zeugen seiner Ruppigkeit an­gerufenen Hansvater mit einem Blick, der nichts weniger als bange Ehrfurcht ausdrückte, mur so ganz obenhin, als ob er sagen wollte: Wohnen da auch noch Leute?" und gab einen Laut von sich, der ebenso gut für ein unterdrücktes Niesen wie für ein halb innerliches Hohnlachen gelten konnte.

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Johannes sah die Ehre der Familie Schmidt durch die Frechheit seines Bruders bedenklich gefährdet und wurde grob. Baß auf, mein Sohn!" knirschte er und versette dem Un­botmäßigen einen zweiten Stoß in die Rippengegend. Guſtel ließ den Löffel in die Suppe fallen, daß es über den ganzen Gustel grinste nur dazu, aber so infam dummfrech, wie Tisch spritzte, und wandte sich wuthentbrannt gegen den An­nur ein Untertertianer grinsen kann, der soeben zum Bewußt- greifer. Und es wäre ganz bestimmt zu einer solennen sein seiner männlichen Würde und Bedeutung erwacht ist. Seilerei gekommen, wenn nicht Herr Zicendrath, der sein Der kleine Emil aber rutschte in seiner grenzenlosen Angst, ganzes Ansehen schwinden fühlte, mit aller Macht den Griff daß die Reihe nun an ihn kommen würde, beinahe unter seines Tranchirmessers auf die Tischplatte gestoßen hätte, den Tisch, so klein machte er sich hinter seinem Suppenteller. dreimal hinter einander. Herr Zickendrath erkannte mit Blizesschnelle, daß da augen­blicklich nichts zu machen war, und daß jeder Versuch, einen Druck auszuüben, die Lage nur noch gefährlicher machen würde. Er neigte also kurz entschlossen selbst das Haupt, faltete die Hände über seiner Serviette und sprach:

Liebster Jesu, wir sind hier"

Die beiden Kampfhähne erschraken und ließen von ein­ander ab. Immerhin wäre abzuwarten gewesen, ob die Er­nüchterung von dauernder Natur war; wenn nicht das Auf­treten Manni's sofort die ganze Situation verändert hätte. 44Sie brachte nämlich die Gaus.

Da wußte er auch schon, daß er verkehrt angefangen hatte. Du lieber Himmel, das war ewig lange her, daß bei ihm kein Tischgebet gesprochen worden war. Als Manni noch in den ersten Jahren die Schule besuchte, hatte sie mit find licher Hartnäckigkeit stets daran erinnert, eingedent der Er­mahnungen ihrer Lehrerinnen, und dann selbst ihr Sprüchlein vergnügt hergeplappert. Aber nach und nach war das alles eingeschlafen und in Vergessenheit gerathen.

Eine Gans, wenn sie schön braun gebraten auf den Tisch tommt, wirkt allemal versöhnlich. Wenigstens auf alle die­jenigen, welche Aussicht haben, etwas davon zu bekommen. So geschah es auch diesmal. Gustel löffelte in der Gile noch die Hälfte seiner Suppe aus, Johannes vergaß die bedrohte Schmidt'sche Familienehre, der kleine Emil setzte sich wieder in sein natürliches Größenverhältniß zum Tische und Herr Bickendrath recte die mit Messer und Gabel bewehreten Arm, daß die frisch gestärkten Stulpen luftig klapperten.