Nr. 15. Freitag, (Nachdruck verboten.) ZAott�ronÄVe. 15] Roman von O. Eugen Thossan. Als Herr Zickendrath sah, daß von Fritzen ein feierliches Eingestündniß seiner Schuld nicht zu erwarten war, nahm er die Miene des weisen und überlegenen Mannes an, der auf die Thorheitcn der Jugend mit lächelnder Verachtung herab- blickt. Auf eine Kraftprobe mochte er es doch nicht noch einmal ankommen lassen. Fritze aber sah in dieser Taktik nur die Schwäche, nicht die Klugheit, und wurde in seinem Sieger- bewußtsein bestärkt. Als drei Tage so hingegangen waren, klopfte es des Abends leise an Fritzens Zimmer. Er war allein, da er Emil noch zu einer Besorgung in die Stadt geschickt hatte. Die Schmidt's pflegten nicht anzuklopfen, es mußte also ein seltener Besuch sein. Rasch knöpfte er die alte Joppe über daS rothe Wollheind, fuhr in die ausgetretenen Pantoffeln, die er vorher unter den Tisch geschlenkert hatte, und rief herein l Manni!... Donnerwetter! Für Damenbesuch war er eigentlich auch so noch nicht recht angezogen. Die Beinkleider, der Fessel der Hosenträger entledigt, suchten sich bei jeder seiner Bewegungen ihrem Be- ruf zu entziehen, und die Joppe konnte beim besten Willen nicht mehr für salonfähig gelten. Außerdem niußte sie etwas Besonderes haben, sie kam sonst nie um diese Zeit in die Schülerzimmer. Aber da war nun nichts mehr zu machen. Vor allen Dingen mußte dafür gesorgt iverden, daß sie Platz nahm, damit er sich auch setzen konnte. Aber sie dankte. Das war sehr unangenehm. Er half sich indeß, so gut es ging, indem er sich mit seiner Rückseite stramm wider die Kante des Tisches lehnte. So konnte nichts passiren. Also— was ihm die Ehre verschaffte? Von Ehre wäre gar nicht die Rede, gab sie etwas spitz zur Antwort, sondern von seinem Muckschen mit dem Vater. Er müßte doch einsehen, daß das nicht so weiter ginge. „Weshalb soll es denn nicht so weiter gehen? Mir thut das keinen Schaden." Er war auch ein bischen ärgerlich auf sie. In die Mei- nnngsvcrschiedenhciten der Männer sollen sich die Weiber nicht einniischen, das war seine Ansicht. Mannt wurde betrübt.„Aber mir ist es doch so schrecklich." Das gab ihm einen Stich durch's Herz. Es fehlte nicht viel, so wäre er auf sie losgestürzt, um ihr die Hände zu küssen oder sonst etwas Dunimes zu thun. Er besann sich jedoch noch zur rechten Zeit, daß daS in anbetracht seiner BeklcidungSzustände einfach unmöglich war, und blieb steif wider den Tisch gedrückt stehen. Manni nahm seine Regungslosigkeit für Verstocktheit und begann sich nach der Thür zurückzuziehen. Da rief er schnell: „Ja, Fräulein Manni, was soll ich denn thun?" „Was Sie thun sollen? Das können Sie sich doch an den zehn Fingern abklaviren." „Nein, das kann ich wahrhaftig nicht. Sagen Sie's mir! Und wenn's zu machen ist, dann wird's gemacht." „Aber ich bitte Sie! daß man Ihnen das sagen muß, das ist ja gerade das Schlinune. Wird's Ihnen denn nur so schwer?" „Was denn?" „Na— den Vater um Verzeihung zu bitten." Fritze mußte sich mit beiden Händen an der Tischplatte festklammern, um den unumgänglich nöthigen Rückhalt nicht wieder zu verlieren. „Um Verzeihung bitten I Aber wie komme ich denn dazu? Ich habe ihm ja gar nichts zu Leid gethan." „O ja, das haben Sie wohl. Sic haben ihn angeschnauzt, daß es nicht mehr schön war. Wir haben's bis in die Küche gehört, die Mutter und ich." „Aber er hat mich doch zuerst angegriffen. Er hat mich ungerecht behandelt, und das ertrag' ich nicht. Ich ertrage es einfach nicht. Daß er immer Alles mir aufpacken will und den Johannes schont. An dem hat er einen Narren gefressen, ill des Horivärks 20. Januar. 1899 meinetwegen. Er wird schon noch einmal sehen, was er an ihm hat, an dem— na, davon will ich nicht sprechen. Mir kann's ja gleich sein. Aber mich kann er nicht leiden, das weiß ich wohl und deshalb hackt er auf mich ein, sobald es was zu hacken giebt; nur deshalb. Und das laß ich mir nicht gefallen." Manni konnte ihm nicht so ganz Unrecht geben. Sie wußte, daß der Vater gegen ihn eingenommen war und einen Pik auf ihn hatte. Aber sie war gekommen, um jeden Preis eine Versöhnung herbeizuführen. Deshalb fuhr sie ein- dringlich fort: „Und wenn er selbst im Unrecht war, durften Sie ihn doch nicht so anfahren. Das geht einfach nicht." Fritze lachte.„Es ging ganz schön, meine ich. Das ist nun mal nicht anders bei mir: Wer mich haut, den hau ich wieder." Der unbestrittene Sieg, den er damals davongetragen, stieg ihm wieder zu Kopfe. Manni überhörte absichtlich die ungünstige Wendung, die das Gespräch für ihre Absicht nehmen wollte. Sie machte das halb schmollende, halb lockende Frätzchen, das junge Mädchen anzunehmen pflegen, wenn sie in der Verfolgung ihrer Ziele den unfruchtbaren Pfad der Logik verlassen und den Gegner auf die blumige Au ihrer persönlichen Anmuth zu führen suchen. „Thun Sie's doch, bitten Sie ihn doch um Verzeihung!" bettelte sie.„Oder sagen Sie ihm wenigstens, daß es Ihnen leid thut— oder sagen Sie nur überhaupt was, es ist ja ganz gleich, nur ein gutes Wort!" Aber der Dickkopf war nicht so leicht mürbe zu kriegen. „Wenn er mir zuerst Unrecht gethan hat. dann muß er auch zuerst mir ein gutes Wort gönnen. Nachher komm ich an die Reihe." In Manni stieg der Aerger wieder hoch. So ein Brummbär! Nicht einmal auf den Ton reagirte er. Eigentlich schon mehr Flegel. Aber sie beherrschte sich noch einmal und sagte milde: „Er ist doch so viel älter als Sie." Damit aber hatte sie ganz daneben geschossen. „Nee, Fräulein Manni," entgegnete er mit dem ganzen Selbstbewußtsein seiner neunzehn Jahre;„das zieht bei mir nicht. Mann ist Mann. Die Jahre machen dabei gar keinen Unterschied. Ich habe in meinein Leben schon viel alte Esel kennen gelernt, daß ich vor dem Alter an und für sich noch lange keinen Respekt habe." Er meinte es wirklich ganz allgemein. Aber sie hörte nur die Beziehung auf ihren Vater heraus. Sie war wüthend. „So?" rief sie.„Also so kommt's raus I Ich danke schön! Das ist auch eine Ansicht. Und meine Meinung will ich Ihnen nun auch sagen: Ein eingebildeter dummer Junge sind Sie— und weiter nichts. Damit Sie es nur wissen!" .„Schrumm— war sie raus. Vor der Thüre wartete sie einen Augenblick, ob er nicht hinter ihr hergestürzt käme. Aber er konnte ja nicht. Selbst wenn er gewollt hätte. Und er wollte gar nicht einmal. Er wußte überhaupt nicht, wie ihm geschehen war. Er war starr. So hatte er sich den Ausgang nicht gedacht. Er hatte sich nur nicht so ohne Weiteres klein kriegen lassen wollen. Hinterher, wenn sie noch ein Weilchen recht schön gebeten hätte, vielleicht— aber so? Nee I Und eine elende Wuth packte ihn, gegen sich selbst, gegen Manni, die dumme Gans, gegen den alten Zickendrath, den verbohrten Kerl mit seinem Erziehungs» datterich, gegen alle Welt. Die Wuth erstickte ihn bald, er mußte sich Luft der- schaffen. Es half alles nichts, er mußte abräumen. Er legte den rechten Arm lang ausgestreckt auf den Tisch und kehrte mit einem mächtigen Schwung Alles auf die Erde, was darauf lag: Bücher, Tinteufaß, Federn und Bleistifte, Hefte und die Hosenträger. Nur die Lampe schonte er, soviel Uebcrlcgung wußte er sich zu bewahren. Aber daß er sie zu schonen genöthigt war, das raubte der Erleichterungskur ein gut Theil von ihrer Wirkung. Er mar noch nicht gesättigt. Da kam Emil, das Unglückswurm, nach Hause. Ueber ihn ergoß sich nun der ganze Wildhgch seines Zornes� Wo er
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16 (20.1.1899) 15
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