Unterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 20.

Freitag, den 27. Januar.

1899

( Nachdruck verboten.) Anstand den Wirth an dem Fäßchen, das er nicht zu bezahlen brauchte.

Herrn Bickendrath's Pensionäre. Roman von O. Eugen Thossan.

20]

Ihm that das Geschwät unendlich wohl. Sein Starrfinn war so ganz und gar gebrochen, daß er weiter nichts wollte, als sich irgendwo anlehnen und sich streicheln lassen. Nach etwas Weichem, Mildem verlangte ihn, das ihm die Seele fänftigte, nach dem Antheil eines Menschenherzens an seinem Wohl und Wehe nach der Vereinsamung der vergangenen Wochen. Und wer hätte ihm das besser bieten können, als ein lieblicher Mädchenmund, wenn er auch alltägliche Worte sprach. Wenn er nur überhaupt sprach, zu ihm sprach, nach dem er so lange Zeit für ihn geschwiegen.

rinnen vermag.

Troßdem war es anfänglich ziemlich ledern. Es wollte feine rechte Stimmung aufkommen. Gustel hatte sich gekränkt in eine Ecke zurückgezogen, weil Mutter Zickendrath mit auf­gehobenem Finger und warnender Stimme zu ihm gesagt hatte: ,, Gustel, nehmen Sie sich ja recht in acht mit dem Trinken! Sie wissen, Sie können nicht viel vertragen." Er machte einen Flunsch und grübelte über das ewige Räthsel, daß der Mensch seiner Vergangenheit nicht zu ent­der in die Gesellschaft von Burschenschaftern gerathen iſt. Johannes war ernst und förmlich wie ein Korpsstudent, Zuerst war er doch ein wenig erstaunt gewesen, als sie in der beständigen Furcht, die festliche Veranlassung könnte zu Er lebte nämlich Und Emil sah bedrückt und ängstlich aus. sich plötzlich so herzlich und theilnehmend gab. Aber bald ließ er sich's gefallen, ohne zu grübeln und zu einer allgemeinen tiefer gehenden Versöhnung führen. Und tritteln. Immer freier wurde ihm zu Sinn; als ob das fonnte unter Umständen bös für ihn ablaufen. Denn er es gar kein Gramen gäbe, war ihm zu Wuth; als ob hatte sich in der letzten Zeit trotz seines Respekts vor er weiter nichts zu thun hätte, als hier zu figen und Frizens Fäusten allerlei kleine Klatschereien und Zwischen­diefem füßen Wortgeplätscher stand zu halten. Seine Augen trägereien zu schulden kommen lassen... Es hatte aber vor­strahlten sie an, und ihre Hände hatten die Rollen getauscht. läufig nicht den Anschein.

Jeht hielt er die ihrigen in seinen Pranken und zermürbte Erst nachdem der Kantor sich eingestellt hatte, ging ein fie, ohne daran zu denken, daß er ihr weh thun könnte. Nur freierer Zug durch die Versammlung. Zuerst hatte er sich einen Gedanken hatte er, einen herrlichen, prächtigen, under- unter allen möglichen Vorwänden geweigert, zu erscheinen. schämten Gedanken, der von Sekunde zu Sekunde gewaltsamer Aber dem Drängen Frigens hatte er schließlich nicht wider­nach Verwirklichung drängte er mußte... mußte stehen können. Und das war ein wahrer Segen. Er war Mannichen, geben Sie mir einen Stuß!" flüsterte er gewissermaßen eine neutrale Persönlichkeit. Und indem er fich's gefallen ließ, daß man ihm zum Mittelpunkt der Unter­haltung machte, löfte er die geheime Spannung, die vorher über dem Ganzen gelegen hatte.

heiser. Sie fuhr erschrocken zusammen und floh von ihm weg in die andere Sophaecke; aber er rückte nach und ließ ihre Hände nicht los. Dabei nichte er immerzu und sie schüttelte Sen Kopf. Aber er nickte energischer als sie schüttelte. End­lich fragte er stotternd:

Würde es Ihnen denn das Herz so schwer machen?" Und sie schüttelte immer weiter. Da beugte er sich Da beugte er sich zitternd über sie. Als er in ihre angstvoll auf ihn gerichteten Augen sah, befiel ihn wieder Muthlosigkeit. Aber zurück konnte er nun nicht mehr.

Sie haben's doch selbst gewollt," murmelte er wie zur Entschuldigung.

Und dann war es geschehen. Manni sprang auf, wischte sich den Mund und lief mit einem schwachen Versuch, zu fichern, fort. Er aber fühlte sich furirt und stieg ins Gymnasium mit dem Bewußtsein, allen Eventualitäten gewachsen zu sein.

und das trug auch sein Theil dazu bei, die Geister zu Außerdem war das Bier Außerdem war das Bier frisch und wohlschmeckend,

entfesseln.

Es war noch keine halbe Stunde verflossen, da hatte Guftet seinen Grimm verwunden und stellte Friedrich den Großen dar. Dann sang Johannes auf vielseitigen Wunsch das Reiterlied, diesmal, da das Klavier nicht zur Hand war, ohne Begleitung, was den Kunstgenuß bedeutend erhöhte. Mit Er hatte sich seinen Stuhl zwischen den Ofen und das Kanapee rauschendem Beifall belohnt, kehrte er auf seinen Platz zurück. geschoben, da, wo Manni in die Ecke gelehnt saß. Und die Beiden thaten immer intimer, je höher die Wogen der Luftig­feit gingen. einander tuschelten, lachten, auſtießen und sich dabei tief in Frize sah es mit steigender Verwirrung, wie sie mit Nachmittags um vier Uhr war die Qual zu Ende. Er die Augen guckten. Anfänglich war sein Aerger übertroffen hatte bestanden, als zweitlegter. Noch so eben mit durch- worden von dem Erstaunen über dieses Benehmen Manni's. gekommen. Denn bei dem Letzten war es eigentlich nur durch Er verstand sie nicht. Heute morgen noch... und nun so?! ein Wunder zu erklären, oder durch den Umstand, daß er bei Dann war das Stadium der reinen durch keine andere Em­einem Professor in Pension war und jährlich zwölfhundert pfindung getrübten Erbitterung gekommen, und zuletzt mischte Mark zahlte. sich wiederum ein anderes Gefühl hinein, eine weiche, nach Thränen lüsterne Wehmuth. Also doch verscherzt! Die Entfremdung konnte wohl auf Augenblicke überwunden werden, zu tilgen war sie nicht mehr. O du mein zerbrochenes Saitenspiel!" dachte er mit den stimmungsvollen Lieblings­worten des Kantors. Und das alles um einer Hoje willen, die ohne Hosenträger nicht sizen wollte!

Aber Friken war das Alles nun mit einem Male ganz egal. Er war durch, es lag hinter ihm, das war die Hauptsache.

Als er aus dem Gymnasium trat, nahm er seine bunte Müße vom Kopf und warf sie mit mächtigem Schwung durch ein offenstehendes Fenster in ein leeres Klassenzimmer. Dann ging er baarhäuptig nach Hause.

XIV.

Am Abend wurde das obligate Fäßchen aufgelegt. Das ganze Haus war geladen und erschienen.

Große Ereignisse schwemmen kleinliche Bedenken schnell hinweg. Und ein großes Ereigniß war es ohne Zweifel, das erste bestandene Examen in der Pension Zickendrath. Der Chef des Hauses empfand sogar etwas der Dankbarkeit von weitem Aehnliches gegen Frigen, daß er es nun doch noch geleistet hatte.

Als ihm Manni von des Kandidaten eigenen Befürchtungen erzählt hatte, am Vormittag, da war ihm brühsiedend heiß geworden. Es wäre doch eine elende Blamage für die Pension gewesen, ein miserabeler Anfang und eine schlechte Empfehlung für die Zukunft. Nun aber waren seine Gewissensbisse jäh verflogen, es war alles gut abgelaufen, man konnte Staat mit der Pension machen. Und er spielte mit Würde und edlem

Ein plöglich sich erhebender Lärm riß ihn aus seiner wehleidigen Versunkenheit. Emil hatte ihn heraufbeschworen: Angestachelt durch den Beifall, den die Vorführungen seiner Pensionskollegen gefunden, hatte er sich zu einer gewagten Improvisation hinreißen lassen. Er war auf das Faß ge­flettert, hatte sich rittlings darauf gesetzt und mit dem Zon eines Ausrufers auf dem Jahrmarkt bekannt gemacht, er sei jetzt Mephistokles" und werde alsbald durch die Dede fahren. Aber sein unüberlegter Scherz rief nur allgemeine Entrüstung hervor. Man erklärte ihn für ein Ferkel und zog ihn gewaltsam von seinem Sig herunter.

Und dann stand der Kantor auf, um eine Rede zu halten. ,, Verehrte Festversammlung!" fing er an. Eigentlich bin ich durch Anlage und Neigung mehr ein Einsiedler als ein Gesellschaftsmensch und am allerwenigsten berufen, unter jungen Leuten zu reden, die sich auf der Stulturstufe der Fidulität befinden. Aber an meines jungen Freundes Ehren tag" er reichte Friken über den Tisch hinweg die Hand

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