Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 44.
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Das Blut.
Donnerstag, den 2. März.
( Nachdruck verboten.)
Roman von J. J. David.
Die Frau wurde sehr blaß: ch hab' mich mein Lebtag jeplagt, und was Du hast, das hab' ich mitgeschafft. Und soll ch mir darum in meinem Hause sagen lassen, daß ich nichts taug'? Bin ich dafür alt geworden? Und warum? Weil ich so thun will, wie jeder Christenmensch thäte? Sag' Du, was Du willst da hat sich doch Manche in Seiden vor ihr zu schämen, und sie ist stolz und falvinisch blieben und hat ge hungert und sich nicht gemuckt. Oder hat sie Dich angebettelt? Und Du schimpfft sie ins Grab hinein? Und schreist mit mir, wie nie? Das ist schlecht, und Du bist's und sonst keiner mehr in dem Zimmer!"
Er lenkte ein: Und was willst Du mit dem Kind?" Brab soll sie werden, die Gabi!"
Und glaubst, Du kannst sie dazu machen? Bedenke, es wird sein Lebtag kein Bauernpferd englisch . Das Blut macht's da aus. Wird's bei Menschen auch nicht viel anders ſein."
Sie hielt noch eine Nuß in der Hand; so gewaltsam schlossen sich ihre Finger darüber, daß man es frachen hörte:" Brav will ich sie machen, oder sie soll mir nicht leben, die Gabi." Es klang wie ein Eid, und wer die Frau sah und wie ihre Augen flammten unter den grauen Haaren, der wußte, daß es ernst gemeint war.
Er zuckte die Achseln:" Thu', was Du mußt. Aber mein ist sie nicht."
" Soll's nicht sein. Hat man die verdorben durch Güte, wird man's hier nicht. Sie muß mir brav werden, die Gabi!"
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1899
wenn sie eine Tochter hatte die Todte aber Oh! Rupert hatte recht gehabt! Still, Gabi," fuhr fie, aus ihren Träumereien heraus, das Mädchen an, dessen schmale Wänglein sich in der neuen und raschen Lust des Fahrens geröthet hatten und das sich neugierig vom Site er hob. Es duckte ohne Besinnen nieder; nur rascher athmete es und schwieg.
Es war ganz dunkel, als sie heimkamen. Oft und oft hatte Rupert in jenen Stunden ausgespäht und ein ingrimmiges " Wo das nur bleibt? Das treibt sich in der Welt herum und liederlicht den Herrgott vom Himmel herunter" vor sich hingebrummt. Nun fam er der Letzte zum Wagen; aber gelassen bot er seiner Frau die Hand und fuhr dann damit prüfend seinen Pferden über die Rücken. Sie fühlten sich ein wenig feucht an, und„ Lump, wenn Du mir die Thiere noch einmal überhezen wirst!" wetterte er auf den Knecht los. Er fah nicht, daß neben Salome ein schmächtiges, etwa achtjähriges Mädchen saß, hörte kaum auf das:„ Das ist die Gabi, Rupert," seines Weibes. Nur flüchtig wendete er sich: So? Grüß sie Gott ", und ging in seinen kurzen und drollig breiten Schritten auf das Brauhaus los, aus dessen Schornsteinen starke weiße Wolfen gen Himmel qualmten. Rupert!" rief sie ihm nach. Er achtete nicht darauf. Rupert, ich hab' mit Dir zu reden!"
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Dann komm zu mir!" klang es schon ferne. Sie folgte ihm.
Gabi aber kletterte ungeschickt genug vom Wagen herunter; an das Trittbrett hielt sie sich, gudte sich mit großen, braunen Augen um, sah die fremde Welt und wußte nicht, was thun. Die Pferde wurden ausgeschirrt, verlöscht die Laternen auf dem Kutschbock, die eine Weile lang ihr Gesichtchen mit eigenem Schimmer übergossen hatten. Sie aber blieb immer noch allein, und es hungerte sie mächtig. Es ward völlig Nacht, und ihr bangte; unter den Nußbäumen war Kerzenlicht und ein lautes Wesen. Endlich klang es hart und scharf über den Hof herüber: Gabi, wo stedst Du?" und müde, zaghaft und unsicher trippelte sie dem Wohnhause zu, das fortab ihre Heimath werden sollte und ihr so ungaftlichen Empfang geboten hatte.
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Unter den Nußbäumen saßen noch zwei Zecher schweigfam. Nun stieß der Eine den Nachbar an:" Hast das Kind geseh'n? War das schön, Herrgott und Heiland!"
" Ich hätt noch zu thun, Johann." Wo denn wieder?
Es war eine schwere Fahrt, die Salome Lohwag noch des gleichen Tages antrat. Sie hatte sich wohl dazu herausgepugt, und Rupert, der um den Wagen herumschlich, um ihr fein gewohntes: Mußt Dich nicht tummeln mit dem Heimtommen, aber schon gar nicht", zum Abschied nachzurufen, staunte ordentlich, wie stattlich und Herrenmäßig sein Weib einherschritt. Selbst etwas Schmuck hatte sie angelegt und freute sich, daß der Pächter sein schönstes leichtes Gespann hatte aus dem Stalle ziehen lassen. Man sollte fehen, daß es ordentliche Leute waren, zu denen die Gabi fam. Aber eine Freude hatte sie nicht mit sich; stumim fuhr sie durch das blühende Seit wann fümmerst Dich schon um Mädeln, wenn sie Land, durch die Städte und Flecken, mit denen es überfäet noch so klein find?" lachte der Andere. Ober denkst Du an ist. Oft wurde fie ehrfürchtigst gegrüßt, wenn ihr Wagen an die Zukunft? Aber wir könnten geh'n, meinst nicht? Es einem der Wirthshäuser längs der hohen weißen Straße vor- wird mir wieder zu spät sonst, und ich hab morgen zu überfuhr. Das hatte sie sonst erfreut: das waren ihnen schaffen. Zahlen kann ich so wieder, gelt Franz? Gehst pflichtige Leute, und sie wußte von Jedem, wie hoch er bei mit heim?" ihnen im Schuldbuche stand, und konnte so im Fahren berechnen, um wie viel ihr Einfluß und damit ihr Vermögen gewachsen war. Heute ließ sie's gleichgiltig, immer Keine Antwort tam; der Größere ging langsam und für ernster und finsterer sah sie darein, und wendete sie sich sich dorfwärts. Dabei fuhr er sich manchmal mit der Hand rückwärts und fah nach dem Brettchen, das bestimmt war, über's glattrasirte Gesicht und pfiff leise, doch nachdrücklich mit Gepäck beladen zu werden, dann seufzte sie wohl gar. die Melodie eines Chorals vor sich hin. Er hatte eine beAber noch strenger schaute sie in die Welt, da sie am achtenswerthe Fertigkeit darin, sie so zu ändern, daß sie noch nächsten Tage heimfuhr. Sie war länger fortgeblieben, als vollkommen kenntlich blieb und dabei dennoch einem Gaffensie gedacht; doch nicht das war es, was sie also verstimmte. Hauer bedenklich ähnelte, und das war immer ein Zeichen Ihr war wie Einem, der unversehens in eine Pfütze getreten. allerbester Laune bei Herrn Franz Rüttemanni. Ein häßlicher Geruch, ein häßlicheres Erinnern verfolgte sie. Nicht an das, was sie vor Gericht zu thun gehabt; rasch und sicher, eine fluge und in Geschäften befahrene Frau, hatte sie das abgewickelt. Aber der Bilder im Hause" des Theater Direktors fonnte sie nicht ledig werden, in jener einen, engen Stube, die überfüllt war mit Stram, mit liederlich herumliegenden fremdartigen Gewändern, mit freischenden Kindern; von der aus man auf die Bühne mit ihrem armseligen Gerümpel fah ein großer Vortheil, verehrteste Gönnerin, insonderlich die Leitung der Proben anlangend", hatte der Direktor versichert- in der immer und garstig der Brodem schwälender Del Tampen athmete. Dort hatte sie ihr Schwesterkind gefunden; Sie konnte den Ekel nicht einmal dann verwischen, wenn sie auf die Kleine schaute, die in dürftiger Anmuth neben ihr saß, in ihrem schwarzen Kleidchen, das wunderlich genug Aber Gabi klagte darum nicht. Sie wagte das nicht, zusammengeschneidert war; nicht den Groll gegen die Todte, weil sie Niemanden sah, der ihr hätte helfen können. Einem wenn sie des annoch leeren Brettchens in ihrem Rücken stärkeren Willen war Gewalt über sie gegeben worden; der gedachte. Die ärmste Bauernmagd sparte und scharrte, I hatte ihr alsbald gezeigt, wie starr und unbarmherzig er diese
III.
Es wird immer ein Tag der Entscheidung für das Leben eines Menschen sein, wann er sich zum ersten Male seiner Vergangenheit bewußt wird. Unglücklich das Kind, bei welchem dies eintritt, denn ihm sollte eigentlich blos die Gegenwart gegenwärtig sein; ihr hat's zu leben: denn die Sorge um das Stommende gebührt dem Vollkräftigen; über Gewesenem sinnen, ist Sache des Greises, der gerne wüßte, wie und von welchen Wurzeln er also geworden ist, wie er sich fühlt. Und wenn Gabi's Antlig zu Zeiten einen müden und alten Zug wies, der fremd genug zu seiner Lieblichkeit stand, dann hatte die erste Nacht im neuen Heim daran zu arbeiten begonnen, und was ihr folgte, ihn vertieft und vollendet...