Hnterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 48. Mitttvoch, den 8. März. 1899 (Nachdruck verboten.) 6] Das Vluk. Roman von I. I. David. Aber noch einen anderen Stoff hatten die Mädchen, waren sie so unbelauscht und für sich. Es ist ein elendes Loos, das einer Bauernmagd gefallen ist; sie sieht genießen und soll entbehren. So stand ihnen Allen denn eine Fackel im Dunkel ihrer Tage: die Hoffnung, geheirathet zu werden, einmal am eigenen Herde, und mochte er noch so ärmlich sein, zu gebieten; ein Mittel wußten sie, das ihnen die Gegenwart erträglich machen konnte. Eine jede hatte ihren Burschen, von dem sie hoffte, er werde sie einmal heimführen, und der ihr zuweilen die Genüsse zugänglich machte, nach denen sie verlangte. Davon erzählten sie nun, von den Lustbarkeiten des Tanzbodens, von den Herrlichkeiten eines Jahrmarktes in der Kreisstadt, die Gabi noch nicht einmal betreten, so nahe sie wohnten. Die kleinen Geschenke, die sie' erhalten, wiesen sie ein­ander vor: das Band, den dünnen Silberreif, dem meist einVergißmeinnicht" in Wort und Bild er- höhte Bedeutung lieh. Und nicht ohne eifersüchtigen Neid vernahm Gabriele davon, die sich über Alles nach Musik, nach dem tollen Wirbel eines dörflichen Tanzes sehnte, nun sie der Winter stille zu sitzen zivang. ihr selbst die Freude nahm, die sie Sommers vom Himmelteichc laufend empfunden. Meinten sie aber völlig unbelauscht zu sein, dann wurden sie offener. Dann erörterten sie rückhaltlos die Gründe, warum gerade wieder eine ihrer Genossinnen so plötzlich den Dienst verlassen gemüßt. Denn es war sonderbar aber nirgends vergingen sich die Mägde so oft, wie in dieseni Hause der unbarmherzigen Strenge. Gabi wußte kaum mehr, wie viele Male sie in den wenigen Jahren ihres Hierseins das finstere:Das fällt wie das liebe x?ieh. Das vergißt um nichts Ehre und Seligkeit" ihrer Tante gehört, wenn wieder einmal eine ängstlich ins Zimmer gekommen war, um es mit rothgeweinten Augen zu verlassen. Hier aber lernte sie Sinn und Deutung dieser Worte begreifen, der ohnedies vieles fremd und nachdenk- lich erschien, woran ein Bauernkind von erster Jugend ab gewöhnt ist. Es geschah aber auch wieder, daß selbst das Surren der Spinnräder verstummte, daß alle achtsamst dasaßen. Dann hatte die Susanne das Wort. Die allein hatte mehr erlebt und niehr erfahren, als ein ganzer Haufen. Sie war hübsch gewesen.Guckt nur, Affen, ich war's. Es wissen mehr davon." Und sie hatte Verehrer gehabt mehr als die Anwesenden zusammen. Sie mußte zu fingern an­fangen, wollte sie die Zahl zusammenbringen, und langte nicht mit einer Hand dabei. Und sie geizte keineswegs mit ihren Erfahrnngen; das that sie auch mit Dingen nicht, die eine ihres Standes schwerer erschwingen kann. Sic erhob auch kein Lamento, war sie wieder einmal am Schlüsse einer ihrer Liebesgeschichten; es war nur eben nichts daraus geworden, sie hatte eben wieder kein Glück gehabt. Und doch wieder Glück. Dann lächelte sie eigen, und alle, bis auf Gabi, verstanden sie. Höchstens daß ein Mädchen die Schürze vors Ge­sicht schlug und ein bitterliches Schluchzen begann. Das störte die Redende weiter nicht; sie spann ihren Faden zu Ende nud meinte, sie könne mit ihrem Geschicke wohl zu­frieden sein. Oder hatte sie ihre Jugend nicht genossen? Flog nicht jetzt noch beim Erinnern an verhohlenes Glück ein ferner Abglanz besserer Tage über ihr verwittertes Gesicht? Um welchen Preis sie es erkauft wen ging es was an? Dann hatte sich in der Regel auch die Betrübte be- ruhigt, und nun erst fand sie ein gutes Wort für sie. Wer sich ausweinen will, bei dem Hilst kein Zureden; er hört's nicht einmal so recht. Ist mir auch nicht anders gegangen." Und schon als ihrer Trösterin hingen sie ihr an; hätte sie auch nicht vor ihnen gesessen, ein Sinnbild dessen, wie es einmal mit ihnen werden mochte, hätte sie auch nicht das Alles schon durchgelebt und verwunden gehabt, was sie noch erdulden zu müssen fürchteten. Verfing aber einmal gar nichts, wollte sich eine gar nicht faffen im Leide, dann pflegte sie der Gabi einen Wink zu geben. Stellte sich die in Positur, dann wirkte zumeist die Neugierde. Das Schluchzen schwieg, die Schürze sank nieder; Aller Blicke weilten auf der zierlichen Gestalt des Mädchens, das den Kopf zur Seite neigte und nun Verse deklamirte, die es kaum und heimlich aus den Büchern gelernt, die ihm Herr Glogar im Verborgenen zugesteckt. Denn er war nicht für einseitige Verstandesbildung;Lektüre er- zieht" war einer seiner Grundsätze. Ob Gabi das Ge- lesene auch verstand? Darum sich zu kümmern, hatte er die Zeit nicht; ihm genügte, konnte sie ihm in einer ver- hohlenen Minute Gedichte, die er ihr geliehen, wieder her- sagen. So erklangen denn, verwunderlich genug, die pathetischen Verse Schillcr's in dieser mährischen Spinnstube und fanden Gehör. Oder ein kleines, doch wohllautendes Stimmchen sang gedämpft und um so mehr mit Empfindung Volkslieder. Woher die Gabi zuflogen, das hätte Nie- mand sagen können; aber jeder Ton, jedes gereimte Wort hafteten bei ihr, daß es ordentlich ein Staunen war. Danach rühmten Alle ihre Kunst; in vollem Zuge schlürfte sie das Lob, fühlte sich bewundert, die Erste, bis sie wie trunken ward davon. Und nun, mit jähem Sprunge ans wehmüthigen und klagenden Lauten zum tollsten Uebermuth, begann sie, das meistbelobte ihrer Stückchen zum Besten zu geben. Sie äffte Herrn Glogar nach in Worten und Bewegungen und machte das wahrhaftig wunderwürdig gut. Nicht ohne geheime Gewissensbisse, nicht ohne sich jedesmal nachträglich die schwersten Vorwürfe zu machen. Denn sie wußte, daß sie der Lehrer gern hatte, und pflegte das sonst zu erwidern; sie kannte die Macht einer Thräne, die stumm in ihrem Auge glänzte, über ihn. Aber sie konnte sich nicht helfen: der Mann war ihr un- endlich drollig, und sie vermochte, wo sie es durfte, einer Laune desto minder zu widerstehen, je beklemmter und gehaltener sie sich sonst fühlte. Und das rufende Mahnen in sich beschwichtigte sie mit dem Vorsatze, ihre Aufgaben so besser zu machen, vielleicht gar eines seiner Lieblingsgedichte mit allerschönster Betonung ihm vorzusagen. Das machte ihn ja immer vollends glücklich. War aber auch das vorüber, die Zeit zum Schlafengehen gekommen, die Lampe verlöscht, das letzte Flüsterlvort ge- tauscht, dann huschte sie wiederum ihrer verstohlenen Wege heimwärts. Hinter ihr klang manchmal ein kleines Kreischen; sie wendete sich nicht, sie kannte das: die Brauers- knechte verstellten den Mädchen den Weg und trieben ihre Späße mit ihnen. Sie aber eilte in ihr Bett; Schlaf fand sie freilich keinen. Denn nun begannen die Dinge, die sie kaum vernommen, erst ihr wirres Spiel in ihr. Noch sann sie wenig darüber nach, aber Ahnungen kamen ihr doch schon und bewegten insgeheim ihre Seele. Sie aber liebte das; diese ruhelosen Nächte, in denen ihr jeder Laut bekannt war. Sie sah in die Nacht; da glitzerte der Rauhreif auf den Bäumen; da gurgelte, ihrem überfeinen Ohr vernehmlich, der.Bach unter seiner Eisdecke; da klangen gewohnte Schritte; sie unter- schied jeden danach, und jeder war ihr im guten oder bösen Simie wichtig; da bläffte der Hofhund sein kurzes, böses Bellen, das sie so haßte. Und dennoch fteute sie sich wieder darauf; sie erschrak gerne, sie liebte es, wenn ihr Herzschlag jählings stockte, um dann doppelt stürmisch wieder ein- zusetzen. So schuf sie sich selber Schrecknisse, um sich ängstigen zu können davor, um ein lüsternes Grausen. Die ganze Natur lebte ihr, aber sie lebte nicht in der Natur, die der Seele Gabi's fremd und feindselig gegenüberstand. Oder sie wog die Neigung der Pflege-Eltern ab das Einzige, womit sie jemals rechnen lernte. Rupert sah sie doch wohl nicht ungerne; er hatte ihr selbst eine Freude gemacht einmal. Er war hcimgcritten gekommen, und wie sie vor der Thüre stand, da hob er sie vor sich aufs Pferd und um- trabte den Hof. Ihre Wangen hatten geglüht, Alles jauchzte in ihr; aber sie hatte diese Lust hart mit Fasten, mit dem Auswendiglernen von Bibelversen büßen müssen. Das ward ihr von Salome gethan, und sie konnte es nicht verbinden noch vergessen. Gegen die Wohl- thaten, die ihr allstündlich vorgezählt wurden, empörte sich ihr junger Stolz, und sie sann ob Plänen, wie das wettzumachen sei. Sie fand nicht einen, und so. in Betrachtung und TräuiNfiN