Anterhaltungsblatt des Vorwäris

Nr. 54.

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Das Blut.

Donnerstag, den 16. März.

( Nachdrud verboten.)

Roman von J. J. David.

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1899

Aber

schon wieder die Zunge; und so wußte sie nicht für sicher, ob das Ganze nicht vielleicht nur ein ahnender Traum ge­uwesen, ob sich Gabriele dann wirklich und zögernd zur Thüre hinausgestohlen. Auch die Susanne erinnerte sich Auf dem Hofe, in den Ställen ging derweilen Alles wie nachher, daß sich die Weinende etwa um die gleiche Zeit zu immer an solchen bewegten Tagen. Immer noch klang das ihr aufs Bett gefekt, bitterlich geschluchzt und allerhand ge stöhnende Gebrüll der kalbenden Kuh durch die Nacht, und die sprochen habe, das sie nicht recht verstehen gekonnt. Marie wollte verzagen, daß fie sich hierher gefesselt sah. das war erst, als es Morgen geworden und man die Endlich nach Mitternacht ward's ruhig. Für Ruppert freilich Flüchtige beim Frühmale vermißt hatte. Niemand dachte noch nicht; immer noch schleppten die Handwagen Ladung nach an eine Verfolgung: Soll hingeh'n, wohin sie mag, gefällt's Ladung Holz ins Brauhaus. Er aber erschien ganz unvermuthet ihr nicht mehr bei uns," entschied die Tante. Und als Rupert unter den Knechten, befahl und wetterte in jener Erregung, beifällig lächelte- denn er war überhaupt in jener in die ihn eine Arbeit, von deren Gelingen so Vieles abhängt Nacht nicht zur Ruhe gekommen und der Zorn über ihre Vor­und die so viele Umstände mißrathen lassen können, immer wigigkeit noch lebendig in ihm da wendete sie sich nach­in ihm berfekte. Da fnarrte das Thürchen von Salome's kleinem drücklich und langsam sprechend an ihn:" Du hast's ge­Garten. Gabriele hatte sich durch ihn geschlichen und wollte, wonnen. Aber weh dem, der schuld ist daran- verstehst da ihr der alte Weg nicht mehr zugänglich war, über den Hof mich? Jedem!... zurüd ins Wohnhaus. Die irren Lichter um sie her blendeten Sie machte feinen Versuch, das zu verheimlichen, was ge sie; die müde Abspannung ihrer Glieder war noch tiefer schehen. Keine Reise zu Verwandten wurde vorgeschützt, ver­geworden seither, und sie verzog ein wenig, ob sie wieder schmäht die wohlfeile Züge, mit der sich manch Andere hinweg­freien Athem und sicheren Tritt gewinne. So erfah fie geholfen hätte über die erste Zeit. Das Haus ahnte etwas, Rupert; die Verstörtheit ihres Wesens fiel ihm auf, und somit das ganze Dorf. Sie aber schwieg. Und mit ihr da. ein jäher Zorn darüber, daß fie in so später Stunde sich rüber zu sprechen, das hätte niemand gewagt, der Salome herumtreibe, rief in ihm mit einem dunklen Argwohn, was Lohwag auch nur ein wenig genauer fannte. Denn sie hatte sie aus dem Bette gejagt." Landstreicherin!" schrie er Gewalt über die Menschen; nun mehr denn je, da sie eine sie an, ,, was thust noch da? Marsch ins Bett!" neue Wunde empfangen. Ihre Tiefe ermaß sie selber noch Sie antwortete nichts und schrat nur in sich zu nicht; aber sie trug sie nach ihrer Weise und bedacht, sie sammen, wie ein Traumwandelnder, den man anruft. Er denen zu vergelten, von denen sie unversehens und hart war wurde noch heftiger: Hast nicht gehört?" und schüttelte geschlagen worden. sie an der Schulter. Da, im unklaren Bewußtsein, daß sie Derweilen zog Gabriele allein ihrer schweigenden Straße. sich irgend verfehlt, im Bestreben, das zu bemänteln, gab sie in den jungen Morgen hinein, der grau und ganz bewölkt ihm die dreiste Antwort:" Es geht nur die Tant' an, was ich überm Lande aufdämmerte. Nur gegen Süden zu, wohin sie thu'. Dich nichts." Rupert aber, im maßlofen Grimme schritt, lag ein fernes und unsicheres Streischen Licht. Sie denn es war vor den Knechten geschehen, die seine laute wollt's ein gutes Vorzeichen nehmen und tonnt' es doch Stimme herangerufen, und man munkelte ohnedies, daß wieder nicht. Gering war, was sie neben ihrer Schönheit an er ohmmächtig sei seiner Frau gegenüber schlug ihr Waffen besaß, den Kampf des Lebens aufzunehmen, den hart ins Gesicht: Da hast! Jetzt geh' Dich beklagen zur sie ersehnt und der ihr doch wieder unversehens auf Salome.. genöthigt worden war. Gering ihr Vertrauen in sich und ihr Muth um die Zukunft. Ihr Herz war schwer und das Angedenken an die eine, verspätete Liebkosung, die sie in jenem Hause erlebt, nagte und mahnte darin. Ihr Leben schien ihr zerstört. So flog sie aus, ein Vogel, der wohl einmal start von Fittichen und wehrhaft von Fängen gewesen. Aber im Bauer versessen, wußte er sie kaum mehr zu gebrauchen und der Flug, der ihr beborstand, war weit, endlos weit; unabsehbar ferne ein ungewissestes Ziel, das kaum gesparteste Kraft hätte erfliegen vermögen

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Sie schrie nicht auf. Sie schlug nicht die Hände vor's so geschändete Antlig. Nur die Knie knickten ihr ein, nur die dunklen, sanften Augen sahen ihn an, so vorwurfsvoll und traurig, daß er den Blick lange nicht vergessen konnte. Dann stürzte sie ins Haus, in ihre Stube, durch die Küche, ohne für die Marie auch nur einen Gedanken zu haben. Es war der erste Schlag, den sie empfing und vor so vielen Fremden er­dulden mußte. Und neben dem Schmerze, dem tiefen Gefühl der Demüthigung war noch eine laute, gellende Sorge in ihr: Wenn es nicht bei dem einen Hiebe blieb? Wenn das fortab öfter, vielleicht gar täglich geschähe? Und wenn man erst erfuhr, was ihr diese Nacht sonst noch bedeutete? Und über diesem Erwägen tam ihr erst die klarere Erkenntniß ihres Vergehens.

Sie mußte fort, daran war kein Zweifel. Und sie zauderte auch nicht, das zu thun, was sie mußte. Aus dem ver borgensten Gefach ihres Schränkchens suchte sie das Leder­beutelchen hervor, das ihren kleinen Sparpfennig verwahrte. Dann sah sie sich grausend um in den öden vier Wänden, die ihre Jugend beherbergt und begraben, wendete sich zögernd, und die Schatten von einer ungewissen Zukunft bewegten und durchfröstelten ihre Seele.

IX.

,, Es wird wieder nur für Zwei gedeckt von heute," hatte Frau Salome zu Mittag nach jener Nacht, die Gabrielen's Flucht gesehen, der Marie geboten, als diese in gewohnter Weise drei Teller und drei Eßzeuge auf die bunte Wachstuch­Decke des Tisches stellen wollte. Das war der ganze Nachruf. den sie der Verlorenen hielt, und für die Welt ging das Haus der Lohwag nun neuerdings im gewohnten Geleise.

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Die Brauersfrau griff bei der Arbeit zu, wie sie's ge halten alle Zeit. Nur daß sie sich jetzt selbst um Dinge fümmerte, um die sie sich sonst niemalen angenommen hatte. Als könnte sie gar nicht genug zusammenscharren und weiß so schon nicht mehr, für wen," meinte die Susanne in ge legentlichen Konventikeln mit anderen Mägden oder mit Ortsinsassen. Aber das schabt, rein um den vollen Geldsack. Das ist wohl gar froh, daß man das Kind los hat, und fümmert sich wenig darum, ob's wo auf der Landstraße verhungert. Und ich bleib' auch nur, um zu seh'n, was für ein Ende das mit denen nimmt; ein gutes gewiß nicht." Man konnte kaum behaupten, daß die Susanne mit dieser Hoffnung allein gestanden wäre.

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Es wollte grauen, als Frau Salome aus dem traumbollen Schlummer erwachte, in den sie nach der Mühsal und den Auf­regungen der Nacht versunken. Ihr war, als fielen manchmal laue Tropfen auf ihre Hand; später bewußter geworden, fühlte sie, wie ein heißer und starke, häufige, fast leidenschaftliche Küsse darauf drückte. Sie war noch zu matt, als daß sie völlig flar geworden wäre; aber sie richtete sich ein wenig auf, und da sah sie ihr Pflegekind vor dem Bettrande knieen und un­abläffig weinen. Die Weichheit des Schlafes und die Milde, die es mit sich bringt, einem drohenden Verluste entronnen zu sein, waren Aber, mochte dem nun sein und werden wie ihm wollte, noch in ihr; so wurde sie nicht heftig wie sonst, sondern fuhr der im Hause fehlte etwas. man, so wurde das stille, feine Störerin sacht und unbewußt übers Haar: Gieb Dich ruhig, Gesichtchen vermißt, das so wandelbar von Zügen und so Kind. Ich wer's ihm schon zeigen, wenn Dir Einer was ge- lebendig von Mienen gewesen, daß man nicht zwei Tage than hat. Du bist mein," und sant wieder in die Kissen. Die Gleiche vor sich zu haben glaubte. Das wirkte häß­Dunkel bedünkte sie's dann, als wäre ihren Worten nur ein lich, als wäre etiva ein leerer Flecken an einer Wand, die stärkeres Aufschluchzen gefolgt. Aber der Schlaf band ihr sonst ein helles und fröhliches Bild geschmückt. Man braucht