Unterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 74.
9]
Freitag, den 14. April.
( Nachdruck verboten.)
Der Schuldige?
Noman von Hector Malot.
tal 1899
"
ceremoniellen Diners, wohl aber die sogenannten Picnics", bei denen er, mit seinen Kameraden nach Herzenslust singend, schreiend, streitend, in Hemdärmeln die Ellenbogen auf den Tisch gestützt, aß und trank.
Seine Jugendfreunde hatte er nämlich auch nach seiner Verheiratung nicht ganz im Stich gelassen; alle Freitage trafen sie, wenn die Arbeit beendet war, zum Rendezvous ein, wo dann tüchtig, lange und geräuschvoll getafelt wurde. Nach Tisch begab man sich, um einige Gläser starken Liför zu trinken, zu Alphonse in der Rue des Charettes. Und wenn er dann des Nachts um ein Uhr nach Dissel zurückkehrte, fagten die ordinären und beißenden Gerüche, die von ihm ausgingen, seiner Frau, wo er den Abend verbracht hatte. Aber an diesem Freitag, als er um 6 Uhr Abends nach Hause kam, roch er nur nach Tabat. Er rief sofort seiner Frau zu:
Gleichwie Courteheuse sie bloß wegen ihrer Mitgift geHeiratet hatte, so hatte auch sie ihn nur genommen, um das Kloster verlassen und eine freie und angesehene Stellung in der Gesellschaft einnehmen zu können; denn trok ihrer romanhaften Gefchichten, die sie zum besten gab, war sie vernünftig genug, einzusehen, daß sie nach ihrer Mündigkeit entweder in den niedrigen, plumpen Lebenskreis ihres Onfels Benoit zurückkehren müsse, wo sie niemals einen annehmbaren Mann fände, oder daß irgend ein toller Streich sie nach Paris führen und in das leichtfertige Leben stürzen würde. Also konnte sie sich nur durch eine Heirat einen Platz im Leben sichern. Da Courteheuse der Bewerber war, so nahm sie ihn, ohne sich um die Eigenschaften des Mannes zu fümmern. Ziveifellos hätte sie vorgezogen, daß er hübsch, fein und distinguirt gewesen wäre, aber ihn wegen des Mangels dieser Eigenschaften abweisen wollte sie doch nicht; wie viele ihrer Mitschülerinnen, die wählerischer sein konnten, hätten noch weniger hübschere angenommen: vor allem nur er Heiraten!
Sie brauchte aber nicht lange Zeit, um einzusehen, daß der Manu, den sie genommen, ebenso wertlos ivar, als die Heirat, die sie gemacht hatte.
"
da dau
Da bin ich, um sie zu empfangen!" Und dabei zog er aus seiner Ledermappe ein mit grüner Serge umwickeltes Päckchen. Wen zu empfangen?"
" 1
Meine Diebe, wenn sie diese Nacht wiederkommen." Und packte einen Revolver aus.
,, Du hattest ja schon einen!"
,, Da habe ich nun zwei; dieser trägt weiter."
"
Du erwartest sie wohl heute Nacht, da Du so früh heimgefehrt bist?"
Warum nicht? Wenn sie aber kommen, so will ich schon mit ihnen fertig werden. Jedenfalls soll in Deinem Schlafzimmer und in dem meinigen ein Nachtlicht brennen bleiben."
"
"
,, Um ihnen den Weg zu zeigen?" frug fie harmlos. Wie dumm Du bist! Um sie fernzuhalten. Nichts stört Diebe mehr, als ein Licht in einer Behausung; sobald sie sehen, laufen sie davon."
Bezüglich des Mannes war ihre Enttäuschung sehr lebhaft gewesen. Sie hatte zwar beim ersten Blick in ihm den groben, ungeschlachten Bauernsohn erraten, allein trotzdem hatte sie sich eingebildet, ihn umformen zu können, indem sie ihn in sich verliebt machte. Da ihr dies aber nicht gelungen war, so hatte sie ihn folglich auch nicht geändert: seine Frau war sie ja, aber auch nichts als das. Meine Frau ist ein die Gegenstand zu meinem Gebrauch," wiederholte er ihr jeden es Augenblick, ohne daß je eine zärtliche Liebesbezeugung dieses ,, Also hätte ein Licht den Revolver unnötig gemacht." rohe Wort gemildert hätte. Eine Zärtlichkeit hatte er ihr nie Achselzuckend blickte er sie an. Die in Klöstern erzogenen zu teil werden lassen; ebenso wenig verlangte er eine solche Mädchen, dachte er bei sich, find doch wahrlich gar zu dumm; von ihr. Zwischen ihnen gab es niemals herzliche, lebhafte aber schließlich ist das gut für die Männer, denn darin liegt Regungen. Nie hatte er sie zur Vertrauten einer Hoffnung die beste Bürgschaft für ihre Ruhe.
"
oder einer Enttäuschung gemacht, niemals sie über irgend Celanie hatte geglaubt, der Herr werde in Rouen etwas befragt. Die einzigen Anspielungen auf die Zukunft bleiben, und deshalb ein Abendessen zubereitet, wie es nach drehten sich um den Tod des Onkels Benoit, dessen Erbschaft dem Geschmacke der Herrin war. Als nun Courteheuse sich es ihnen dann möglich machen würde, das Bureau in Dissel zu Tische setzte und erfuhr, was man ihm vorsehen werde, zu verkaufen und nach Rouen überzusiedeln. konnte er feine schlechte Laune nicht unterdrücken.
Ste
Hinsichtlich der Ehe war ihre Enttäuschung noch viel Nichts als Aal, anstatt eines schönen Truthahns-, peinlicher gewesen. Als junges Mädchen hatte sie in der der Abstand war zu groß! Um feinen Verdruß zu Heirat die Freiheit der Frau mit Besuchen, Empfängen, Diners, bemeistern, trant er im Laufe des Abends im Pavillon einen Bällen und schönen Loiletten im Gefolge erblickt. Aber Grog nach dem andern, rauchte dazu beständig seine Pfeife gerade Courteheuse faßte das eheliche Leben von ganz ent- und fluchte unaufhörlich auf die Regierung, welche die ehrgegengesetter Seite auf: Verkehr hielt er nur mit feinen lichen Bürger nicht gegen das Diebesgesindel beschütze. Stlienten aufrecht; nach seiner Ansicht kosteten die Diners wie sollten aber heute Nacht nur kommen! Er würde auf sie übrigens auch die Toiletten nur viel Geld und brachten schießen, wie auf wilde Tiere. Mit seinen beiden Revolvern nichts dafür ein. Sie hatte also eine Art Gefangenschaft, und seiner Jagdflinte würde er sie schon gehörig zurichten. eine ebenso traurige und einförmige, wie die des Klosters, zu ertragen, ohne daß ihr jemand mehr Aufmerksamkeit geschenkt hätte, als wenn sie ein Eichhörnchen oder ein Aeffchen gewesen wäre.
Als an andern Morgen die Arbeiter der elektrischen Werkstätte kamen, dachte er nicht mehr an seine gestrige Enttäuschung, und zwanzigmal im Tage verließ er seine Arbeit, um ihnen zuzusehen, wie sie ihre Drähte Iegten. Er ließ Damals hatte sie ganze Tage im Pavillon auf deni Divan sich von ihnen die Geheimnisse der Elektricität erläutern. liegend zugebracht, wo sie nur durch das Gehen und Kommen Sie beluftigten sich über seine Unwissenheit und suchten ihn der Eisenbahnzüge, das Vorbeifahren der Schleppdampfer und zu bestimmen, sich außer der elekrischen Klingel auch noch Rähne auf dem Flusse aus ihren Träumereien herausgerissen elektrische Beleuchtung zuzulegen; diese, sagten sie, vervollwurde. Wie oft hatte sie sich wütend auf dem Divan herum- ständige erst das Läutwerk: sobald die Klingel ihren Lärm gewälzt, das Taschentuch in den Mund gepreßt, um die beginne, könnten Lampen das ganze Haus, den Garten und Schreie zu ersticken, die sie nicht mehr zurückzuhalten ver- Hof erhellen, und dann könne man die Diebe wie die Spatzen mochte! Würde dieses erbärmliche Dasein denn niemals zusammenschießen. Das war für Courteheuse freilich sehr verenden? Wie oft, wenn sie dem Pariser Zug nachblickte, be- lockend, allein als Mann, der zu rechnen weiß, begnügte er reute sie, sich dummerweise verheiratet, anstatt in ein Abenteuer sich vorerst doch mit dem Läutiverk. gestürzt zu haben. Was aus ihr auch geivorden wäre, wenigstens hätte sie gelebt, während sie hier abstarb.
Und wenn sie nun ihren Liebhaber nicht mehr sehen konnte, fing dieser Todeskampf wieder von neuem an.
X.
Es geschah selten, daß Courteheuse des Freitags zeitig nach Dissel zurückkehrte. Er liebte zwar nicht die großen
Hortense richtete kein Wort an die Arbeiter und schenkte ihrem Thun nicht die geringste Beachtung, als ob es für fie ganz gleichgültig wäre. Im stillen suchte sie aber ungeduldig uach einem Mittel, um ihre Stelldicheine mit La Vaupalière auch ferner zu sichern; vergeblich! Wie langsam verstrichen ihr die Tage! Hier war er, nur einige Schritte von ihr, und faum vermochte sie, wenn sie durch den Garten ging, einen flüchtigen Blick mit ihm zu wechseln, in welchem sie ihm ihre