Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 82.

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Mittwoch, den 26. April.

( Nachdruck verboten.)

Der Schuldige? Soman bon pector Malot

Aber er kam nicht vorbei, obgleich er gemerkt haben mußte, daß sie ihm etwas sagen wollte.

Als sie am Montag darauf sich wieder an die Garten­arbeit begab, kam ihr Mann hinzu.

,, Was ergreift Dich denn für eine Tollheit, das Erdreich zu bearbeiten?" fuhr er sie heftig an.

" Ist es nicht die Jahreszeit dazu?" antwortete sie mit unschuldiger Miene, es ist eine Freude, bei diesem schönen Sonnenschein hier draußen zu sein."

"

,, Es ist also die Sonne, die Dich seit Sonnabend in dem Garten zurückhält?"

Sie wurde aufmerksam; es war charakteristisch bei einem Manne, der seiner Frau niemals die Ehre angethan hatte, eifersüchtig auf sie zu sein, jetzt zu bemerken, daß sie sich länger als gewöhnlich im Garten aufgehalten hatte, Sie stellte sich aber sorglos und erwiderte spöttisch:

" Der Regen würde es nicht thun."

" Ich glaube gerade, es wäre Dir einerlei, ob Negen oder Sonnenschein."

" Ich verstehe nicht; fannst Du mir das übersehen?" " Ich will sagen, daß, wenn sich eine Frau in den Kopf gefekt hat zu fofettieren, so vermag sie kein Wetter daran zu hindern."

sch bin die Frau, die kokettiert?"

" Jawohl, Du."

Jetzt galt es, durch Dreiftigkeit zu imponieren.

" Und mit wem?"

" Ich denke nicht, daß es Boulnois gilt."

Also wird es wohl Léon gelten; im Grunde, warum auch nicht? Der Cherubin ist allerliebst."

,, Gleichviel ob mit Léon oder Boulnois, Du gewarnt."

bist jetzt

,, Es wäre vielleicht geschickter gewesen, mich auf frischer That zu ertappen; das würde Dir ermöglicht haben, Dich scheiden zu lassen."

Wie immer, wenn sie von Scheidung sprach, wandte er ihr den Rücken.

Sie ſette noch einige Minuten ihre Arbeit fort, dann flüchtete sie sich in den Pavillon, um über die durch die grobe Beleidigung geschaffene Lage nachzudenken.

Wie jetzt La Vaupalière benachrichtigen? Es würde doch eine grausame Enttäusung für ihn sein, die Nachtlampe nicht um Mitternacht an ihrem Blake vorzufinden, und er könnte ihr darüber zürnen, ihn nicht benachrichtigt zu haben. Ohne Zweifel könnte sie ihm unter seiner Hoteladresse schreiben; aber dies war gefährlich, da die Postbeamten im Rufe standen, die Briefe zu öffnen.

Wie sie so nachdachte, ohne etwas Befriedigendes zu finden, sah sie La Vaupalière von seinem Pulte aufstehen und seinen Hut nehmen. Sicher würde er es einrichten, am Pavillon vorbeizugehen, und sie trat sofort auf den Balkon hinaus.

Sie hatte sich nicht geirrt. La Vaupalière ging den jetzt vollständig leeren Quai entlang und dicht unter dem Balkon hin.

Unmöglich für heute abend," sagte sie lebhaft, er will feinen Grog mehr nehmen. Sonntag nach der Vesper im Walde, auf dem Wege nach Grand Essart, warte auf mich im dichten Gehölz; wenn Du mich kommen siehst, zeige Dich."

Im Vorüberschreiten hatte er seinen Schritt verlangsamt, aber ohne stehen zu bleiben; jetzt setzte er seinen Weg fort und ging auf seinen Platz zurück; es war Zeit: ihr Mann tam eben aus dem Bureau.

XIX.

Es war ein dreister und gefährlicher Entschluß, denn an einen Sonntag im Frühling war man den Begegnungen vieler Spaziergänger von Rouen und, was noch gefährlicher war, solcher von Dissel ausgesetzt, die Frühlingsblumen zu pflücken kamen; da sie aber weder Muße noch Freiheit hatte, elvas Besseres zu wählen, so mußte sie dieses gefährliche

1899

Abenteuer eben riskieren. Einzig am Sonntagnachmittag war La Vaupalière Herr seiner Zeit, und auch sie war sicher, weder aufgehalten noch von ihrem Mann begleitet zu werden. Wenn man sie im Walde träfe, so würde das ein Zufall sein. Wenn sie ihr Mann wegen ihres verspäteten Nachhause­fommens fragen würde, so würde sie antworten so gut fie fönnte.

Tag, Stunde und Ort ihres Stelldicheins waren festgesetzt; sie hatte nur noch darüber Sorge, was für Wetter sein würde. Sollte sie sich Sonnenschein oder Regen wünschen? Beim Regen hätten sie keine Begegnungen zu befürchten: der Wald würde verlassen, aber auch wie traurig sein!

Am Sonntag erhob sich die Sonne an einem heiteren Himmel und versprach einen schönen Tag; ihre Gedanken an den beschüßenden Regen wurden aufgegeben. Desto schlimmer, wenn man sie treffen würde!

Des Morgens die Messe, das Mittagessen, die Vesper wollten ihr ewig dauern, niemals war ihr die Zeit so lang erschienen; endlich verließ sie die Kirche und schlug den Weg nach Essards ein.

Wo würde sie Antonin erwarten? Sie wußte es nicht genau, aber sicherlich im dichtesten Gehölz, dort, wo man sich am leichtesten verbergen konnte.

Sie hatte sich niemals bei einer Gefahr so tapfer und forglos gefühlt, mit erhobenem Kopfe und strahlenden Augen schritt sie munter dahin, selbst ohne die Steile des Weges zu bemerken.

Als sie den Seitenpfad verließ, um auf den Hauptweg zu gelangen, bemerkte sie nur ganz in der Ferne da und dort einige Spaziergänger: also für den Augenblick war nichts zu befürchten. Lebhaft schritt sie in der Mitte des Weges und atmete wonnetrunken am ganzen Körper erbebend. Zum erstenmal sprach der Wald mit geheimnisvoller Stimme zu ihr.

An einem düsteren Tannendickicht angelangt, durch welches weder nach rechts noch nach links Blicke dringen konnten, hörte fie plöglich einen Ruf und sah gleichzeitig die niederen Zweige einer Lanne sich bewegen:

,, Hortense!"

Eiligst überschritt sie den Graben und ergriff zwei Hände, die sich ihr entgegenstreckten.

Hierher!"

Er teilte vor ihr die Zweige, die hinter ihr sofort wieder zusammenschlugen, und sie schritten auf dem mit getrockneten Baumnadeln bedeckten Erdboden hin, bis sie zu einem dichten Gebüsch kamen, wo sie vor fremden Augen und Ohren ebenso sicher, als in dem verschlossensten Zimmer waren; sie setzten sich nebeneinander hin, und er frug:

,, Nun, was ist denn geschehen?"

,, Küsse mich erst, ich werde dann sprechen; aber beruhige Dich sofort, ich habe Mittel gefunden, die Dinge zu arrangieren; wir haben übrigens Zeit vor uns."

" 1

"

Wie viel Zeit?"

So viel Du möchtest; ich kehre heim, wann ich eben heimkehren werde; es wird immer noch zeitig genug sein." Da sie keine Eile hatten, so konnte sie ihre Erzählung langsam, ohne etwas dabei zu vergessen, vorbringen. Als sie geendet hatte, frug er:

bei

,, Und Du hast einen Ausweg gefunden?"

"

" Ja. Du gehst noch heute Abend nach Rouen , um uns dem Apotheker einen Tropfenzähler zu holen."

Er sah sie verständnislos an.

Du weißt wohl nicht, was ein Tropfenzähler ist?" ,, Ei freilich; ein kleiner Glasapparat, um Medikamente einzugießen. Und was willst Du denn damit machen?" " Ich werde mich seiner bedienen, um ihm Fowlersche Tropfen einzuschenken."

,, Aber die enthalten ja Arsenit!" " Jawohl."

" Ihn tödten!"

" Dieselbe Jdee hatte ich; vierundzwanzig Stunden lang war ich entschlossen es zu thun, mein Plan war wohl er­wogen, wir waren frei; ich gestehe Dir, daß mir viel Straft nötig war, um darauf zu verzichten; der Gedanke allein, daß man nur dann zu großen Mitteln greifen soll, wenn die kleinen nicht hinreichen, hat mich zurückgehalten."