Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 99.
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Mittwoch, den 24. Mai.
( Nachdruck verboten.)
Der Schuldige? Stoman bon Sector Malot XV.
Als La Vaupalière an jenem Tage, an welchem ihm seine Frau die Heirat ihres Onkels Gibourdel mitteilte, zu ihr sagte, daß er sehnlichst wünschte, sie nicht mehr zu sehen und nicht mehr von ihr sprechen zu hören, war er vollkommen aufrichtig gewesen, und seine Worte hatten seinen Gedanken und seinen Wunsch ausgedrückt.
Aber wenn er sich mit einer moralischen Trennung begnügen wollte, statt der gesetzlichen Scheidung, die er mit Freuden hätte aussprechen lassen, so geschah dies, weil er hoffte, der Abbruch des gemeinschaftlichen Lebens würde ihm einstweilen Ruhe bringen, bis er sich an das Tribunal wenden könne, um seine volle Freiheit zu erlangen.
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Leider hatte aber diese Kombination keineswegs die Wirkungen, die er von ihr erwartete, hervorgerufen. Die Verbindungsthür zum Zimmer seiner Frau war allerdings für immer geschlossen, aber an der anderen Seite jener Thüre schlief darum doch ganz ruhig eine Frau,- die seinige während er darüber aufgebracht war, sie so nahe zu wissen. Im täglichen Leben vermied er zwar jede Gelegenheit, sich mit ihr allein zu befinden, das Wort an sie zu richten, sie anzusehen, wenn sich ihre Wege kreuzten, aber das alles verhinderte nicht, daß sie ihm bei Tische gegenüber saß, und daß er, wenn Eingeladene ihr Tete a Tete unterbrachen, mit ihr sprechen, ihr zulachen, sie anhören mußte, als ob noch eine Vertraulichkeit des Herzens und Gedankens zwischen ihnen beiden bestände! Dies war eine Marter für ihn, deren Entsetzlichkeit er sich nicht vorgestellt hatte.
1899
Anstatt diesen akuten Zustand zu heilen, verschlimmerte ihn die Zeit im Gegenteil mit jedem Tage und trieb ihn, als das Uebelbefinden sich regelmäßig wiederholte, auf den höchsten Grad.
In der That mußte La Vaupalière die Wiederholung dieser Krankheitszufälle als äußerst charakteristisch für die Lage ansehen: es handelte sich jetzt nicht mehr um Befürchtungen, die man wohl hegen, aber nicht aussprechen konnte, sondern es lagen unbestreitbare, materielle, brutale Thatsachen vor, die sich nicht auf die Seite schieben ließen.
Daß nicht er allein von solchem Unwohlsein ergriffen worden war, sondern daß dasselbe sich auch bei dem Zimmermädchen wiederholt eingestellt hatte, war keineswegs geeignet, ihn zu beruhigen. Ein so diabolischer Geist wie Hortensens, war aller möglichen Erfindungen fähig. Der Notar erinnerte sich daran, wie sie ohne weiteres die Wirkung des Sulfonals an Fauchon hatte erproben wollen, warum sollte sie jetzt nicht ebenso gut auf den Einfall gekommen sein, das für ihn bestimmte Gift zuerst an dem Mädchen zu versuchen? Und warum sollte sie nicht auch, um den Verdacht abzulenken, sich selbst eine schwache Dosis des Giftes verabfolgt haben, um durch Hervorrufung eines leichten Unwohlseins den Glauben zu erwecken, es handle sich um einen Unfall, von welchem drei Angehörige des Hauses betroffen worden seien? Jeder andere mochte einen solchen Unfall für möglich und für wahrscheinlich halten, nur er nicht, der die Vergangenheit kannte: es war ihm unwohl, folglich mußte er vergiftet sein. Warum sollte sie auch mit ihm anders verfahren, als sie mit Courteheuse verfahren war? Jener erste Gatte stand ihr bei ihrem Liebesabenteuer im Wege, und sie schaffte ihn bei seite. Weshalb sollte sie ihn, den zweiten Gatten, respektieren, da sie ihn doch nicht ausstehen konnte? Treibt nicht ein Verbrechen mit Notwendigkeit zu einem anderen, namentlich, wenn das erste straflos geblieben?
Allerdings hatte seine Drohung, sich an einen Chemiker
Eine derartige Trennung mochte bis zu einem gewissen Punkte für Eheleute erträglich sein, die nach einigen Jahren mehr oder minder glücklicher Ehe. bei völliger Gleichgültigkeit zu wenden, seine Krankheitszufälle für den Augenblick beangekommen wären, aber einem Manne und einer Frau fonnte sie nicht genügen, die, seitdem sie sich öfters unwohl fühlten, nicht erst nach einem Grund suchten, sondern zunächst einander des Meuchelmordes anklagten, und dabei alles, was der eine an Verachtung gegenüber dem anderen auf dem Herzen hatte, sich ins Gesicht schleuderten.
endet, allein wer bürgte dafür, daß sie nicht lediglich, angesichts der Gefahr, ihre Methode geändert habe? Einen Beweis für diese Annahme erblickte er darin, daß er binnen furzem aufs neue Magen- und Kopfleiden empfand, und daß sich dabei kein Erbrechen mehr einstellte. Dieses Uebelbefinden mußte eine Ursache haben, und er hätte blind sein müssen, wenn er nicht diese Ursache auf den Vorteil von Hortense zurückgeführt haben würde. Da galt es nun, schleunigst einen Entschluß fassen, bevor er auf dem Friedhofe den Plaz neben Courteheuse einnähme! Dies war sein Hauptgedanke des Nachts, wenn ihn die Magenbeschwerden nicht schlafen ließen.
Gab es etwas Schrecklicheres für ihn, als diese Beschuldigung, die sie mit einer solchen Frechheit gegen ihn erhob, mit einer Frechheit, welche bei einem zurechnungsfähigen Geschöpf ein Symptom des Wahnsinns gewesen wäre, aber bei ihr nur ein Zeichen verderbter Einbildung war, denn so wie er sie jett fannte, zweifelte er nicht daran, daß sie selbst fast glaubte, was sie sagte:" Damit es einen Courteheuse gäbe, müßte Ein einziges Mittel bot sich mit logischer Sicherheit dar: ein La Vaupalière da sein!" so schuf sie sich eine Mitschuld Hortense frei zu machen, um es selbst zu werden. Dies aus eigener Erfindung, weit mehr, um sich das Recht zu war aber nur möglich, wenn er ihre Mitgift zurückerstattete, geben, ihm zu mißtrauen und ihr zu verachten, als um sich selbst und er mochte noch so sehr rechnen, sein Haben, das für unschuldig zu erklären, denn darüber machte sie sich zweifelhaft war, gegen seine sicheren Passiva abwägen, so teine Sorge. stellte sich doch heraus, daß er, selbst wenn er sein Bureau für einen sehr hohen Preis verkaufte, doch immer noch seiner geschiedenen Frau eine bedeutende Summe schulden, also der Sklave jener Elenden bleiben würde. Das Einkommen seines Bureaus hatte sich, seitdem er dasselbe übernommen hatte, erheblich vermindert, einerseits, weil er die Notariatsgeschäfte nicht auf die gleiche einträgliche Weise wie sein Vorgänger betrieb, und andererseits, weil die ländliche Bevölkerung, aus der sich seine Kundschaft rekrutierte, durch die Ackerbaukrisis der letzten Jahre verarmt war. Sein Notariat war infolge dessen nur noch halb so viel wert, als zur Zeit, wo er es übernommen hatte, und er war mithin durchaus nicht im stande, sich von seiner Frau zu befreien, ja selbst ihr am Tage der Scheidung eine annehmbare Sicherheit zu bieten.
Um dieser Pein zu entgehen und um sich zu betäuben, hatte er die Liaison mit Rosa Mialoux wieder angeknüpft; er verbrachte die ganze Zeit bei ihr, die er seinem Bureau entziehen konnte, speiste so oft als möglich bei ihr zu Abend und kehrte erst spät in der Nacht zurück, wenn es in seinem Hause stille war und er versichert sein konnte, daß seine Frau schon schlafen gegangen.
Wenigstens sah er sie auf diese Weise so selten als möglich, aber ihr nicht begegnen, hieß noch nicht sie aus dem Wege schaffen; sie befand sich zwei Schritte von ihm unter demselben Dache und mit etwas Aufmerksamkeit konnte er dieses Ungeheuer atmen hören, dem er seinen Namen gegeben und mit dem er sich auf solche Art verbunden hatte, daß er nicht wußte, wie er die Kette, die den einen an den andern fesselte, zerreißen könne; dieser Gedanke war ein schreckliches Alpdrücken, das ihn des Nachts laute Schreie ausstoßen machte, und sie pflegte dann am andern Morgen mit teuflischem Lachen zu ihm zu sagen:
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,, Du weißt, daß man diese Nacht schon wieder im Hause geschrien hat. Du solltest Dich über dieses Schreien beunruhigen. Berraten sich nicht auf solche Art die Verbrecher, welche Gewissensbisse empfinden?"
Ein einziges Mittel zeigte sich seinem verzweifelten Verstande, um die fehlende Summe zu erlangen: Rosa Mialour zu heiraten.
Ohne Zweifel war dies für sein bürgerliches Gewissen und seine notariellen Gewohnheiten ein fühner Schritt; aber war es am Ende nicht noch besser, der Mann einer Schauspielerin zu werden wie wenig Schauspielerin sie auch gewesen war als der Mann einer Giftmischerin zu bleiben?
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