Hlnterhaltungsblatl des vorwärts Nr. 146. Freitag, den 28. Juli. 1899 (Nachdruck vrrdotm.) Es lebe die Nunfl! SO) Roman von C. V i e b i g. »Das verliert sich in der Ehe scfort," hatte Frau Kiste- macher zu dem Bräutigam gesagt,»ich war gerade so: das macht die Verliebtheit!" Kistemachers erwiesen sich sehr treu; sie fühlten sich Elisabeth nun noch eine Stufe näher gerückt ein Geschäfts- mann, noch dazu aus kleinen Verhältnissen wie sie auch, das paßte.Sie haben das Rechte gethanl" sagte Kistemacher. .Eine solide Basis, liebe Freundin, dann blüht das Geschäft I" Er bot Ebel dasDu" an. Frau Kistemacher besorgte für Elisabeth alles; die Aus- stcuer an Wäsche, die ganze Wohnungseinrichtung. Tagelang lief sie umher, gehetzt wie ein Jagdhund mit langhängender Zunge, stürzte alle Äugenblicke zu Elisabeth hinauf, zeigte ihr Proben, dieses, jenes, kam mit Katalogen, mit Porzellan, mit Emaillegeschirr: füllte die kleine, stille Stube mit ihrem Ge- schwätz, lachte, stöhnte, je nach Bedürfnis, und stellte die Koch- töpfe auf den Schreibtisch. Elisabeth konnte nicht arbeiten; abends lag sie schlaflos im Bett und machte sich Vorwürfe darüber. Eine Reihe von Entwürfen, eine Kette von Ideen, die sie vorher gehabt, standen um ihr Bett ungeborene Kinder, die nach Leben schrieen. Sie versuchte zu schreiben, sie quälte sich; es gelang nicht. Aufgeregt warf sie die Feder hin, und dann beruhigte sie sich selber: bald war ja die Hochzeit, und da- nach würde sie wieder arbeiten ja, arbeiten! Sie be- schleunigte die Hochzeit, und sehnte sie mit Ungeduld herbei. Frau Kistemacher blinzelte dem Bräutigam zu. Hatte sie .nicht Recht gehabt? Eine sehr verliebte Braut! Ebel war kein anspruchsvoller Bräutigam, tagsüber war er auf der Bank, nur abends wollte er gern bei seiner Braut sein. Er führte sie auch ins Theater, und da fiel es ihr auf, welch natürliches und gesundes Urteil er hatte; sie freute sich darüber, es war ihr eine Genugthuung, und doch dort trafen sie andere, die verdarben ihr das Ver- gnügen. Elisabeth war bekannter gewesen, als sie selbst es geahnt; man glotzte sie an, sie, die aufkommende Berühmt- heit, am Arm des simplen Menschen, des Bankbuch- Halters! Sie merkte die Verwunderung an jedem Blick, an jedem Gruß. Eines Tages erhielt sie die erste schlechte Recension; Maier schickte sie ihr, ebenso, wie er ihr die guten gesandt hatte. Er schrieb freundlich an den Rand:Man nmß auch solche Käuze hören. Lachen Sie!" Es war das erste scharf Tadelnde, was sie über sich las da stand vonmaßloser Ueberschätzung",Geschöpf der Clique", und so weiter. Sie war außer sich. Frau Kistcmacher, die gerade in höchst wichtiger Mission, mit den ersten Mustern der Bettwäsche, kam, wurde beiseite geschoben.Sehr schön, sehr schön, bitte nachher, nachHerl" sagte Elisabeth und lief zu Marie Ritter; die war nicht zu Hause. Dann ging sie zu Heider; seit dem Weihnachtsabend war sie nicht mehr hier hinaufgestiegen. Auf den Treppen wieder Kindcrgequarr, hinter allen Thören Poltern, Töpfe- klappern und Gesänge. Selbst die Ziehharmonika piepte wieder. Alles wie damals nur der Weihnachts­geruch fehlte, dieser süße Duft; und in ihrem Herzen fehlte auch etwas. Das pochte wohl ebenso rasch wie damals, vielleicht noch rascher, aber nicht in ahnungsvoller Erwartung, nicht in unbestimmter Sehnsucht. Kein bräutliches Gefühl war in ihr sie dachte nur an ihre Recension. Stürmisch nahm sie Stufe um Stufe. Sie riß an der Klingel und siel Heider fast in die Arme; sie hielt ihm die Kritik vor die Augen. Er sah sie verwundert an.Und darüber erregen Sie sich so? Pfeifen Sie darauf! Diese Kritik hat ein Ihnen persönlich Uebelwollender geschrieben, darauf will ich wetten I Hahaha I" Er konnte lachen?! Uebrigens ist bei aller Bosheit ein Körnchen Wahr- heit darin. Die Clique ist mächtig, auch bei Ihnen ist sie's gewesen l" Bei mir?" Sie mußte laut lachen, das war denn dcch zu abgeschmackt. Wie konnte er das sagen?! Sie wurde böse. Lache doch!" hatte auch ihr Bräutigam gesagt, als er spät am Abend zu ihr kam; er hatte viel zu arbeiten gehabt, hungrig und müde saß er nun in der Sosa-Ecke. Mile brachte das Abendessen herein; gleich würde Frau Kistemacher kommen, die sich als Anstandsdame opferte. Elisabeth schob die Schüssel zurück.Hier, lies erst!" Er las.Lache doch!" sagte er und lachte selbst dabei. Wenn sie Dich angreifen, mußt Du etivas wert sein. Un- bedeutende greift man nicht so an." Sie beruhigte sich und lehnte den Kops an seine Schulter. Elisabeth, nieine Elisabeth," flüsterte er,bald meine geliebte Frau!" Zärtlich streichelte er ihre Wangen. Sie versanken beide in Träumereien; das Essen aus dem Tisch dampfte nicht mehr, es war schon kalt geworden. Plötzlich richtete sie sich auf.Ich werde arbeiten," sagte sie hart, ich werde ihnen zeigen, wer ich bin!" Eine gereizte Entschlossenheit klang aus ihrem Ton. ihre Augen fuhren un- ruhig umher.Bald sind wir verheiratet, und dann" sie hatte ihn zerstreut angesehen, ihre Blicke schienen sich einzu- bohrendann kann ich arbeiten!" Nun hatten sie schon ein Kind. Der Knabe schlief fest, als die Eltern an sein Bcttchen traten. Wie hübsch war er! Sein blondes Köpfchen lag in die Kissen eingewühlt, und zwei geballte Fäustchen zeigten sich oben auf der Steppdecke. Ebel zog seine Frau näher heran.Sieh mal. was er sich für rote Bäckchen geschlafen hat! So prächtig gesund sieht er au?- Er kniete hin und küßte die kleinen Fäuste. Um Eltfabeths Mund irrte ein flüchtiges Lächeln, sie stand in Gedanken, das Gesicht geradeaus gerichtet. Sie war nicht mehr in dieser kleinen Stube, in der Windeln am Ofen trock- neten und der ruhige Atem des schlafenden Kindes einzig zu hören war sie war weit weg. Sie sah die wechselnden Bilder auf der Bühne und hörte den Beifall des Publikums. Sic sah sich selbst an der Rampe erscheinen, sich verneigen sie sah nicht den Zuschauerraum, der sich endlos im Schein strahlenden Lichtes dehnte, in dem immer neue Köpfe auf­tauchten, immer neue Gestalten Reihen, endlose Reihen --- das war die ganze Welt! Alle Menschen drängten herzu, sie lauschten ihren Worten, und ihre Worte zündeten ein Feuer an, das da brannte wie Osterfeuer auf den Bergen. Die Herzen brannten, Tausende von Augen blickten zu ihr auf, Hände reckten sich ihr entgegen--- Sie schrack zusammen. Ebel hatte ihre Hand gefaßt.Laß doch, Wilhelm!" Pst I" Er wies auf das schlafende Kind, das zu träumen schien; es bewegte die kleinen Lippen und lächelte. Sie sah es an mit krauser Stirn. Da lag es so un­schuldig, und es hatte ihr doch so viele Schmerzen gemacht, sie gehindert, gehemmt; ihre Schwungkraft gelähmt vor seiner Geburt und n a ch seiner Geburt--? Bereitete es ihr von seinem ersten Schrei an nicht jeden Tag neue Sorgen? Der kleine Körper wollte gepflegt sein, der kleine Geist auch schon. Es war ihre Pflicht, sich dem zu unterziehen, sie war moralisch dazu gezwungen. Und doch war noch anderes da, was sie mächtiger zwang, gebieterischer, was sie zum Schreib­tisch riß, ihr befahl, wie ein Herr seinem Leibeignen, ihr die Feder in die Hand preßte:Schreib!" Gewiß liebte sie ihr Kind. Sie drückte es oft an sich in stürmischer Zärtlichkeit und küßte sein flaumiges Köpfchen, legte seine Händchen an ihre Wangen, an ihre Stirn, streichelte seine nackten Beinchen, seinen sammetweichen kleinen Nacken wer konnte sagen, daß sie ihr Kind nicht liebte? l Es schnitt ihr durchs Herz, wenn sie es rufen hörte; es war an die Thür gekrochen, lieber Gott, auf allen vieren!Mam! Main!" Und nun hatte es sich gestoßen sich weh gethan! Es weinte. Und sie preßte die Hände an die Ohren, und starrte auf das Papier oh, das Weinen drang doch bis zu ihr.Mam! Mam!" Nein, nichts hören! Immer fester die Ohren zugehalten, nicht gehört, nicht gesehen, nicht auf­gesprungen, gar nicht gemuckt I--- Sie sah auf ihren Mann nieder.Laß das Kind schlafen",