Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 148.

82]

Dienstag, den 1. August.

( Nachdruck verboten.)

Es lebe die Kunst!

Roman von C. Biebig.

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1899

Und nun war es da. Ermattet lag sie langgestreckt, ihr Atem ging ruhiger. Nun sah sie da war kein leeres Schwarz mehr; greifbar deutlich standen Gestalten vor ihr, lächelten sie an, traten dicht an ihr Lager und streichelten sie mit weichen Händen. Liebe uns, Du hast uns unter dem Herzen getragen!" Sie hörte die Stimmen sprechen, klar und deutlich lange Reden, Fragen, Antworten hier war Licht, dort Schatten, die Gestalten verteilten sich auf beide Seiten, und sie brauchte nur die Hand auszustrecken, um sie mühelos hin und her zu schieben, wie Figuren auf dem Schachbrett.

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Heute saß Elisabeth an ihrem Schreibtisch. Um sie her war es still. Sie hatte sich abgehetzt; das neue Mädchen wusch heute. Mit aufgestreiften Aermeln, bis zur Nasenspitze mit Seifenschaum bespritzt, setzte sie die Küche unter Wasser. " Sehen Sie sich vor, sehen Sie sich ja vor, das Wasser läuft sonst durch die Dielen in die untere Etage", hatte Elisabeth ,, Morgen, morgen!" Mit einem Seufzer der Erleichterung, gemahnt. Wir dürfen eigentlich gar nicht in der Küche mit einem Erlösungszug um den Mund war die Müde ein­waschen!" Der Junge bekam Backzähne und war sehr geschlafen. Nachdem sie längst schlummerte, schloß erst Ebel weinerlich; man konnte ihn keinen Augenblick verlassen, sonst die Augen. schrie er durchdringend. Mile mußte ihn hin und her tragen, auf ihrem Schoß schaukeln, mit ihm schäfern, sich ducken und Kuckuck spielen. Sie machte ein böses Gesicht, ihr Rücken war steif, das Kinderwarten wurde ihr sauer.

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Auch er hatte wach gelegen; er konnte nicht schlafen, wenn sie sich ruhelos warf. Nicht das Rascheln der Kissen, nicht der laute fliegende Atem seiner Frau störten ihn; etwas anderes ließ ihn auf jeden Laut horchen, gleich ihr mit " Ich wer's nich mehr lange machen", hatte sie zu brennenden Augen in das Dunkel starren. Wo waren sie Elisabeth gesagt. So leid mir's thut, Sie in Stich zu lassen, hin, jene Nächte, in denen sie sich an ihn geschmiegt? Von aber ich muß mich zur Ruhe sehen. Sie sitzen den ganzen Liebe hatten sie auch damals nicht gesprochen, aber doch Tag am Schreibtisch, Sie wissen nich, was das heißt, den waren die Nächte schön gewesen sie hatte ihm schweren Jungen schleppen. Und dann das junge Ding, ihre Gedanken anvertraut. Ihre Ideen erhielten Fleisch und die Bertha! Von so'ner Jöhre muß sich unsereins noch Bein, wenn sie sie vor ihm erstehen ließ; sie hatte oft gesagt, über den Mund fahren lassen?! Sie sagt, sie wäre die es werde ihr leichter sein zu schaffen, wenn er darum wisse. Köchin!" Nun ließ sie ihn nicht mehr teilnehmen. Es war Elisabeth mit Centnerlast aufs Herz gefallen Seit jenem Herbstabend im Theater war sie wortfarg wenn Mile ging! Wem sollte sie dann das Kind ander- und verschlossen. Sie brütete stumm, ganz in sich versunken. trauen? Mit Blitzesschnelle schossen Schreckensbilder an ihr Er sah wohl, es ging etwas in ihr vor, aber er fragte sie borüber- das Kind schreit es stellt sich im Bettchen nicht; er scheute sich, mit einem Wort das zu verscheuchen, aufes lehnt sich übers Gitter- es stürzt heraus, topfüber. was vielleicht erst im Aufdämmern begriffen war. So wartete Die Magd schäfert auf der Treppe, sie hört nicht; und die er und wartete trübe Tage, einsame Nächte. Er litt Mutter hört auch nicht, die sigt am Schreibtisch. Oder an mit ihr. der Straßenecke, wo die Menschen hasten und die Wagen vor- Elisabeth Reinharz schrieb ein Drama. Sie wußte nicht überrasseln, Schienen sich kreuzen, da steht das Mädchen und recht, wer ihr einmal gesagt hatte: Nur das Theater macht begafft die Schaufenster; sie achtet nicht auf das Kind, es berühmt!" Sie hatte das nicht vergessen. Und hatten nicht frabbelt auf dem Trottoir plumpe Füße sind seinen kleinen schon Mannhardts fie darauf hingewiesen, hatte sie nicht Händchen nahe- es wird gestoßen, getreten wo ist die dramatisches Talent? Sie war dessen sicher. Aber nur heim­Mutter? Die sitzt am Schreibtisch. Oder das Bübchen ist schon lich, heimlich! Reinem Menschen etwas davon verraten! Und älter, es friecht auf den Stuhl am Fenster- es guckt hinaus, der dann auf einmal dastehen als die große Frau, den Triumph Wind spielt mit seinen Haaren, und die Sonne vergoldet sein von Wlodzimira Starzynska noch übertrumphen! Was würde Gesichtchen- da, ein Lärm auf der Straße, Musik, Kindergeschrei! ihr Mann sagen? Sie wußte, er litt jetzt, aber dann Neugierig legt es sich über die Brüstung immer weiter würde er sich freuen und stolz auf seine Frau sein, immer weiter seine kleinen Beine zappeln in der Luft, sehr stolz! es lacht, es jauchzt,-- jetzt ein markerschütternder Schrei!-

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Sie war voll von einem fieberhaften Schaffensdrang. Wenn nur nicht die häuslichen Kümmernisse gewesen wären, Elisabeth fühlte es eiskalt über ihren Rücken rieseln. Sie diese störenden Kleinigkeiten des alltäglichen Lebens! Man ging noch einmal hinein zu ihrem Kind und starrte es an, wurde aufgehalten, gehemmt, heruntergerissen von der Höhe; als sähe sie es zum letztenmal; sie strich über das blonde man brauchte dann Stunden, Tage, um mühsam wieder Röpfchen, niete nieder und preßte den Kleinen an sich hinaufzuklimmen. Iange, heftig. Dann ging sie, mit zusammengezogenen Der erste Aft war fertig, und nun arbeitete Elisabeth Brauen und einem Zug um den Mund, als litte sie förper- am zweiten. Es war ihr heute schwer geworden, sich hinein­liche Schmerzen. zufinden was mochte das Mädchen in der Küche anstellen, Sie faß am Schreibtisch, die Feder in der Hand. Um und ob das Kind ruhig war? Sie las die Seiten wieder sie kein Laut, und doch in ihrem Ohr fortwährend der und wieder durch, die sie gestern geschrieben hatte. Das durchdringende Schrei einer Kinderstimme. In der Nacht konnte ihr nicht genügen; sie fette stärkere Lichter auf, und hatte sie wach gelegen, die Hände auf die Brust gedrückt, wie dann gefiel es ihr ganz und gar nicht. Nein, so ging das um das unbändige Klopfen des Herzens niederzuhalten. nicht! Sie verdarb alles, was sie gestern gut gemacht hatte. Nebenan in der Wohnung, auf der anderen Seite des Korri- Unwillkürlich dachte sie an diese Kritik, an jene- welche dors, schlug die Uhr drei. Sie hörte es deutlich durch die Wand; ebenso ein behagliches Dehnen im Bett; wie die Bett­statt fnackte, jetzt ein Gähnen und Schnarchen. Das war die Stunde vor'm Morgengrauen, in der die Glücklichen schlafen; fie tonnte nicht schlafen. Mit brennenden Augen starrte sie ins leere Schwarz. So hatte sie Nächte gelegen.

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Es wollte sich in ihr etwas losreißen, es rang nach Ge­staltung, es formte sich und zerging wieder und formte sich von neuem in anderer Gestalt; sie warf sich ohne Raft auf ihrem Lager hin her ihr Kopf glühte, ihre Pulse Hämmerten, hinter ihrer Stirn tobte eine Flucht gehetzter Gedanken. Sie stemmte sich auf die Hände und saß halb­aufgerichtet, den Mund geöffnet, die Augen ins Dunkel ge­bohrt es wühlte in ihr und drängte zum Licht, sie fühlte Schmerzen in Leib und Seele, schneidend wie bei der Geburt eines Kindes.

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Fehler sollte sie doch vermeiden? Sie fröstelte, wurde bleich und abgespannt von allem Aendern und wieder Aendern. Aber endlich hatte sie sich gefunden, die störenden Gedanken ver­schwanden, nun konnte sie arbeiten.

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Mit

Auf ihren blassen Wangen zeichnete sich eine heiße Röte ab, die Feder flog über das Papier. So war's Recht! Sie fühlte eine Wollust, das niederzuschreiben, hier alles zusammen­zutragen, was sie gesehen, empfunden und verachtet hatte. Einmal mußte es heraus, sie erstickte sonst daran. fatirischer Schärfe zeichnete sie die Schwächen der Gesellschaft; unerbittlich sahen ihre Augen; grausam wahr stellte sie die Gestalten hin, hart wie das Leben selbst. Die Kunst darf feine Rücksicht kennen!

Sie hatte den Kopf fühn erhoben und sah kaum aufs Papier das fonnte sie schaffen, wirklich sie?! Oh, sie war doch etwas! Allen Kleinmut fühlte sie abfallen, sie

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