Mnterhattungsbkatt des Horwärts Nr. 151. Freitag, den 4. August. 1899 (Nachdruck verboten.) 35) Es lebe die Vtmll: Roma» von C. V i e b i q. Auf dem Weg bis zur nächsten Pferdebahn-Hattestelle sprach man nur von dem Verstorbenen. Sörensen war gereizt und schalt auf Gott und die Welt.Die Dichterei, ja, alle Kunst ist ein verfluchtes Metier. Es ist am besten, man hängt's an den Nagel und sieht sich bei Zeiten nach was anderem um, das seinen Mann nährt, und wobei man sich nicht die Seele aus dem Leib schindet!" Er fuhr sich über die Augen.Da möchte man doch lieber Steine kloppen! Anner Stacke!!" Marie Ritter mußte lächeln trotz aller Betrübnis.Und doch war Erdmann glücklich!" sagte sie sanst.Er hat in seinen Träumen gelebt und ist in einem schönen Traum hin- über gegangen. Er hatte Atemnot, Heider und ich unter- stützten ihn.Höher, Kodes", sagte er,so-- ich fliege ah, lvie schön!" Wir hielten ihn noch in den Annen, als er längst tot war; wir ahnten es gar nicht, so friedlich war er entschlummert. Er lag da mit einem glück- lichen Lächeln." Marie Ritter reichte Ebel die Hand.Sic haben ihni so viele Freundlichkeiten erwiesen in der letzten Zeit, Herr Ebel, ihn: Wein geschickt und Früchte das waren ihm immer große Erquickungen." Elisabeth sah ihren Mann von der Seite an das wußte sie ja gar nicht I Er war rot geworden. Oh wie gut er war l Sie hing sich fester in seinen Arm; ihr war sehr elend. Eine grenzenlose Traner trug sie im Herzen, sie wußte selbst nicht, um was. Jetzt kam Heider hinter ihnen drein gelaufen, sehr erregt. Was sagt ihr?!" rief er ganz außer Atem.Stellt mich da der Kerl! Ist ein Reporter für irgend eine Zeitung, steckt hier die Nase herein, bringt dann eine Notiz und bekonimt seine paar Mark dafür. Muß hier bei dem Sauwetter herumpanschen, damit die guten Spießbürger sich morgen früh beim Kaffee bei der Beschreibung von eines Dichters Beerdigung ohne Geistlichen, ohne all den ge- wohnten Klimbim gruseln! Er war neugierig, wie eine Wachtel. Fragte mich aus, ob da nicht irgendwelche nach- gelassene!» Schriften wären, und so weiter, und so weiter. Er­fragte, da>var das Ende von weg!" Du hast ihn doch herausgeschmiffcn?" grollte Sörensen. Ich meine," verbesserte er sich,stehen lassen? Solang einer lebt, küinmern sie sich den Dreck um ihn. ist er aber tot. ja dann, jawoll, dann möchten sie das Geheimste ans seinem Schreibtisch herausschurippern. Kodes, Du wirst Dich doch auf so was nicht einlassen?" Doch!" nickte Heider. Sein blasses, verneintes Gesicht bekam einen getrösteten Ausdruck.Wenn doch mehr An­fragen kämen I Erdmann würde sich darüber freuen. Er war ein Idealist, es würde ihn» gut thun, daß wenigstens nach seinem Tod nach ihm gefragt wird. Er hat der Mittvelt nie gezürnt, daß sie sich nicht um ihn künimerte, er war nur böse auf die, welche die Kunst mißbrauchten. Ich sehe nicht ein, warum ich nicht alles, was ich kann, thun soll, um ihm die Freude zu machen? I" Sörensen brumncke Unverständliches und dann sagte er: Am Ende setzen sie ihm noch ein Denkmal auf irgend einer Brücke oder sonst wo. wo es nicht hinpaßt I" Er lachte kurz und trocken. Also tot. tot mußte man erst sein, um beachtet zu werden? l Elisabeths Herz knunpftc sich zusammen, wie im Traum hörte sie die Reden der andere»; sie dachte an ihr eigenes Geschick. Finster grollend sah der Himmel nieder, kein einziges Stückchen voi» klarer Farbe daran, alles wirr durcheinander, grau und schwarz; ringsum eine Einöde und Schmutz und Kälte. Eine trostlose Verlassenheit. An der Pferdebahn-Haltestelle trennte sie sich von ihrem Mann; es war schon»»der Mittag, und er mußte aus seine Bank eilen, er hatte sich nur mit Mühe frei gemacht. Fahre rasch nach Hause," sagte er besorgt zu ihr.Du siehst angegriffen aus; ziehe trockene Schuhe an. ich bitte Dich!" Seine Blicke suchten in ihr Inneres einzudringen. Mach' nicht so verzweifelte Augen!" stieß er plötzlich hestig hervor. Machte sie denn verzweifelte Augen? War es schon so weit mit ihr. daß man ihr die Verzweiflung vom Gesicht ab- las? Sie zwang sich zu einem Lächeln, und hielt es die ganze Zeit über während der Fahrt in der Pferdebahn fest. Sie wußte nicht, wie traurig dies Lächeln aussah Augen, die wie erloschen immer vor sich Hinblicken, eine vornüber geneigte Gestalt, herabgezogene Mundwinkel, die Gesichtsfarbe sehr bleich und dann dieses Lächeln! Was sollte sie zu Hause? Ihr Stück war fertig, aber sie hatte keinen Mut. es jemandem einzureichen. Sie fühlte, wenn man ihr diese Arbeit tadelte, gar zurückwies das würde sie nicht überleben, nein, das nicht! Es war ein Teil von ihr selbst, ein Stück ihres Herzens, Blut und Schmerzen ihr Glaubensbekenntnis. Wenn man das zurückwiese, woran sie so gearbeitet hatte, Tag und Nacht wenn man das mit einem kritischen Lächeln beschallte, was ihr heilig war, es gar verhöhnte nein, das konnte sie nicht ertragen! Lieber hielt sie es verborgen in dem geheimsten Winkel ihres Schreibtisches, sagte keinem etwas davon, zog es nur bei verschlossenen Thüren hervor und hielt dann Zwiesprache mit ihren» Werk, berauschte sich daran und wiegte sich in übertriebenen Hoffnungen. Nein, nein, es heimlich halten, es keinem verdammenden Urteil aussetzen l Dann würde sie selbst verdammt sein. Und doch, Ruhe hatte sie auch so nicht. Immer schwebte es ihr auf der Zunge, davon zu sprechen; sie hatte schon die Lippen geöffnet, da hielt eine Scheu sie im letzten Augenblick zurück. Es prickelte ihr in den Fingerspitzen, das Manuskript hervor» zuholen:Seht, das habe ich geschrieben!" Ach, es war eine Qual! Sie sehen so sehr blaß aus," sagte Heider. Er hatte sie begleitet; wie ehemals gingen sie mit einander über die Straße.Sie sind doch nicht krank?" Sie schüttelte den Kops.Nein, nicht körperlich krank, aber" und dann brach es plötzlich aus ihr heraus mit Sturmes- gewaltich leide!" Sie glaubte sich in jene erste Zeit fröhlicher Kameradschaft wieder zurückversetzt, in der sie ihm gegeirüber mit ihrem Vertrauen nicht zurückgehalten; sie erzählte ihn» von ihrem Stück, von ihren Qualen, und sie schloß:So habe ich denn kein Vertrauen mehr zu meiner Arbeit. Zu all dem, was ich gelitten habe wer kann die tausend Qualen nennen! ist noch der Zweifel gekommen, und der ist schrecklicher als alles andere l" Sie riß sich den Schleier herunter, mit einem unterdrückten Schmerzenslaut hielt sie die Hand an die Stirn. Manchmal glaube ich, ich werde verrückt!" Lassen Sie mich Ihr Stück lesen!" sagte er dringend. Und wenn Sie es tadeln? l" Sie sah ihn mit glühen- den Augen an. Lassen Sie es mich nur lesen!"" So kommen Sie gleich, gleich Sie sollen es gleich lesen!" Sie faßte seine Hand und riß ihn mit sich über die Straße.Wir dürfen keine Zeit verlieren, fetzen Sie sich in mein Zimmer, lesen Sie es da. Ich will warten, bis Sie es gelesen haben, eine Stunde, zwei Stunde» ich habe schon so lange gewartet, rasch, rasch!" Er folgte ihr willig; hier war keine Zeit zu verliere«, das sah er. Das Wasser ging ihr bis an die Kehle. Er saß an ihrem Schreibtisch und las, von der kleinen Lampe hell beleuchtet. Sie hockte in einem Winkel des Zimmers ganz im Dunkel, müßig die Hände im Schoß zu- sammengekrampft und beobachtete ihn, belauerte seine Mienen; bei jedem wohlgefälligen Nicken atmete sie tief auf. Es war ganz still im Zimmer; man hörte nur das Wenden der Blätter und leise zitternde Atemzüge. Draußen wurde es ganz dunkel; hier innen stand die Zeit still. Anfänglich war es Heider sehr schwer geworden, mit Aufnierksanlkeit zu lesen, seine Gedanken»vandelton ein­same Wege zurück zum öden Kirchhof im sturmdurchbrausten Feld; bald er hätte es nicht für möglich gehalten waren all seine Gedanken, all seine Empfindungen hier bei diesen Worten. Er las und las, er war im Bann; eine große Leidenschaft schlug ihm aus diesen Blättern entgegen, ein helles Flamme�-