Unterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 155.

39]

Donnerstag, den 10. August.

( Nachdrud verboten.)

Es lebe die Kunst!

Roman von C. Biebig. ,, Lokalfolorit hin, Lokalfolorit her! Meine gnädige Frau" Wadler zuckte die Achseln glauben Sie einem alten Theaterpraktiker! Lokalkolorit, was heißt Lofal folorit?!"

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1899

,, Sagen Sie mir eins", bat sie hastig, finden Sie denn den Schluß nicht gut?"

Aber ja dodj, freilich, ja!"

Sie fah ihn erstaunt an.

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Er lächelte schlau. Liebe, gnädige Fran, wenn wir vom litterarischen Standpunkt aus redeten aber so! So be­greifen Sie doch" er ereiferte sich ordentlich wir sind doch nun mal beim Theater, müssen den Theaterverhältnissen ch kann unmöglich nein, ich werde nicht" Rechnung tragen, volles Haus zu machen suchen, Stasse- Stasse! Habe ich's Ihnen nicht jleich jesagt?" fiel Goedeke trium- Wir müssen leben!" phierend ein. Warum die Aktion aufs Land verlejen? Den ersten Aft im Hinterhaus, den zweiten Akt im Vorderhaus, das macht sich) jut; fällt der olle Dialekt janz weg. Aber Sie wollten ja partout nichts ändern!"

" Sie werden sich doch entschließen müssen, meine gnädige Frau," sagte Wadler. Wenn ich auch nicht so weit gehe, wie Herr Goedeke dieser Dialeft ist unmöglich!" Aber die Bauern da reden doch so!" Sie wurde unge­duldig.

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" Ich war als Charakterdarsteller in Riga , in Wien , in Karlsruhe , in Frankfurt am Main , in Petersburg , in Hamburg , in New York engagiert, ich habe die größten Triumphe gefeiert-- ich habe überall nur wienerisch ge­sprochen!"

" Ja, Wadlerchen, Sie können was." Goedefe flopfte ihm vertraulich auf die Schulter. Was, wir beide? Wir find nämlich Landsleute," wandte er sich an Elisabeth, wir sind beide mit Spreewasser jetauft- ach so, Sie sind ja jarnicht! Na, schadt nischt, wir sind beide helle!" Er lachte wohlgefällig.

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" Leben!" sagte sie wie verloren und wir?" Sie müssen auch leben, natürlich! Aber lebt denn ein Autor, wenn er nicht aufgeführt wird? Was nüßt es hucu, wenn Sie nach Ihrem Tode aufgeführt werden. Bis dahin ist der Geschmack des Publikums vielleicht ein anderer ge­worden aber was haben Sie dann davon?! He?!" Er sah ihr forschend ins Gesicht.

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Jch tann nicht!" Sie sentte den Kopf.

,, Auf der Dialekt und Schlußänderung müssen wir be stehen. Nun?" Er war erstaunt. Elisabeth hatte sich erhoben und schritt der Thür zit.

" Ich empfehle mid)," sagte sie tonlos. Wir verstehen uns nicht. Ich will gehen."

Aber meine gnädige Frau!"

,, Was, was! d refomunandiere Sic, und Sie- Goedeke hielt sie mit Gewalt zurück.

Wir

Seien Sie doch nicht eigensinnig, gnädige Frau!" Wadler nahm ihre Hand. Schen Sie, wenn ich mich nicht für das Stück interessierte, wenn ich mir nicht was davon verspräche, Sie haben Wadler schien gar nicht zu hören und schwelgte in Er würde ich Sie ruhig gehen lassen, aber so- innerungen. Ja, das waren Zeiten!" Er lächelte eitel. Principien, schön; Sie wollen aufgeführt sein, schön. Wir Da fönnte ich Ihnen Geschichten erzählen, Geschichten!" haben aber auch Principien, wir müssen sie haben. Sein Mund spitte sich. Wenn Sie mich recht schön bitten, wollen Sie aufführen, schön; aber da müssen Sie von Ihren gnädige Frau, gebe ich Ihnen einen wirklich packenden Stoff, Principien ein flein wenig nachlassen, ein winziges Opfer aber" er flopfte sich auf den Mund, ein andermal, bringen gegenüber dem ungeheuren Risiko, das wir ein­ein andermal! Run zum Geschäft!" Sein Gesicht wurde gehen!" Er erschöpfte sich in einem Redejchwall, in Vei­wieder ernst. Noch eins, gnädige Frau! Cagen Sie mir spielen, Beweisführungen, Beteuerungen und schloß: Glauben Sie mir, wenn Sie feine Konzessionen machen, sind Sie tot. mur: warum, um alles in der Welt, dieser Schluß?!" Sie werden nie aufgeführt, nie!"

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Goedeke

Sagte ich's nicht, sagte ich's nicht?!" Goedeke zappelte mit Händen und Füßen. Janz meine Meinung! So abrupt! Sehen Sie, Konzessionen, Ronzessionen!" Optimistischer, optimistischer! Ein freundlicher Blick in die schnappte nach dem Wort, wie ein gieriger Hecht nach der Bufumft! Verlobung, Hochzeit oder Rindtaufe muß sein, ein Angel. Wo ist meine Tabelle?" Er suchte im Zimmer lücks Prognostifon!" herum. Konzessionen- da steht's schwarz auf weiß, schwarz auf weiß!"

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" In der That!" Wadler wandte sich dringend an Elisabeth. Durch diesen Schluß gefährden Sie den ganzen ,, Lebendig tot!" murmelte Elisabeth vor sich hin. Nein Eindruck Ihres Stückes. Meine langjährige Praxis lehrt mich, ich kann, ich kann den Schluß nicht ändern!" Sie hob die daß Stücke mit einem solchen Schluß, bei den man nicht recht Hände wie zu einer stummen Bitte und krampfte sie dann fann Sie schwankte." Ich-- nicht!" weiß, was mun eigentlich wird, durchfallen."

Aber das fami sich doch jeder denken! Sind denn Tanter Idioten im Theater?!" Elisabeth sagte es schärfer, als sie es eigentlich beabsichtigt hatte; es fuhr ihr so heraus.

,, Sie sind naiv!" Wadler Yachte." Denken, denken-! Das ist doch ein bißchen viel verlangt; denken soll das Publikum auch noch, wenn es sich) amüsiert?!"

Sie sah ihn groß an. Amüsieren-?! Sie sollen sich ja gar nicht amüsieren!"

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Er lachte herzlich. Gnädige Fran. Sie sind noch sehr jung in der Praxis. Zu einem guten Bühnenschriftsteller ge­hört vor allen Dingen eine gewisse Coulanz, cincin- wir wollen sagen: ein allgemein menschliches Entgegenkommen, cine Rücksichtnahme auf die Wünsche des Publikums!" ,, Und wenn er die nicht hat?"

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,, So wird er ewig durchfallen!"

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ineinander.

stieß sie hervor.

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,, Sie werden müssen!" Wadlers Stimme flang ganz fühl. Andernfalls fönnen wir uns zur Aufführung nicht verpflichten." Sie schanderte- nicht aufgeführt?! Ein Zittern überlief ihre ganze Gestalt. Nicht aufgeführt! Sie wurde totenblaß, öffnete den Mund und schloß ihn wieder, ihre Lippen zudten wie im Stramps; sie versuchte zu sprechen, die Stimme versagte ihr noch einmal; jegt flang es heiser: Den Dialekt- den" fie würgte jedes Wort mit Gewalt Sie- wünschen!" den Schluß- wie­heraus

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Die Proben hatten ihren Anfang genommen; in dieser Saison noch sollte das Stück der Reinharz zur Aufführung fommen. Fällt es durch, thuts um die heiße Zeit nicht viel Schaden", hatte Wadler zu Goedefe gesagt, macht's was, in's Vergnügen!"

So," sagte sie finster. Und dann: Ich ändere meinen fann es Schwertfeger vielleicht noch' rausreißen. Also' rin Schluß nicht. Ich kann ihn nicht ändern!"

Aber hören Sie mal!" braufte Goedeke auf. Wadler machte eine beschwichtigende Handbewegung. Sie wollen doch, daß wir Ihr Stück aufführen, gnädige Frau?"

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Sie nickte stumm. " Ja", er zog die Achseln hoch ,, wenn Sie den Schluß nicht ändern wollen, ist es für uns unmöglich. Es ist so wie so schon ein gewagtes Unternehmen; aber dann haben wir einen Krach aus dem ff."

Goedeke war von einer wahrhaft aufopfernden Liebens­würdigkeit. Er hatte bemerkt, daß Wadler etwas von dem Stück hielt, nun begleitete er die hochgeschätzte Autorin bei ihren Besuchen.

Erst war Egbert Schoenfließ zu berücksichtigen. Dieser versprach sich etwas von der Rolle; er würde in der Gestalt des modernen Salonmenschen eine famose Leistung geben, und aussehen würde er! Müder Augenaufschlag, nachlässig ver­führerische Bewegungen himmlisch! Egbert Schoenfließ

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