Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 157.

41] offendo

Sonntag, den 13. August.

( Nachdruck verboten.)

Es lebe die Kunst!

Roman von C. Viebig .

1899

innige Empfindung kam zu Wort. Oh, wie das strömte, so voll, so reich, so durchglüht von heiligem Feuer. Spott, Bitter­feit, Schärfe waren verschwunden, eine große, herrliche Leiden­schaft strömte aus dem Dichterherzen; sie drang zum Herzen, fie mußte zum Herzen dringen!

Die Souffleuse verstellte dem Direktor den Weg, gerade, Aus Ebels Augen liefen heiße Thränen, so hatte er nicht als er sich beruhigt drücken wollte. Die blasse, hagere Frau mehr geweint seit seiner Kinderzeit; ein Schluchzen erschütterte - sie war in ihrer Jugend eine reizende Naive gewesen ihn, er fühlte sich bis ins Innerste ergriffen, hingerissen und befand sich in großer Aufregung. Sie hatte eben gehört, beseligt zugleich. Das war seine Frau, seine Elisabeth, seine das Theater müsse geschlossen werden; nun hatte sie fein Künstlerin! So hatte er sie geliebt, so hatte er sie geahnt Engagement, die Sorge um das tägliche Brot war ihr zu Kopf- nun offenbarte sie sich! Er tastete nach ihrer Hand. Da gestiegen. In Todesangst flammerte sie sich an den Direktor, sie zuckte zusammen-

Es ist ja übrigens aber liebe Frau Direktor Schwert Durchaus keine

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fie weinte, fie flehte, fie drohte und verlangte mit lauter Anf der Bühne plötzliche Stille. Alle Mitwirkenden sahen Stimme Sicherstellung und Entschädigung. unverwandt nach einer Stelle hin; die Maschka war eben mit ,, Aber natürlich, liebe Frau- still! ausgebreiteten Armen auf die Thür zugeeilt, durch die der gar nicht davon die Rede, wir spielen- Bräutigam eintreten sollte verlangend stand sie da. Er trat Speihahn, ich habe wirklich keine Zeit!" nicht ein. Eine Pause tötlicher Verlegenheit entstand. Ver­feger fuchte vergebens sich zu befreien. gebens frächzte der sterbende Bauer, man hörte es dem Husten Beit!" an, der war hier ertemporiert. Die kleine Bremer hoffte Lorbeeren der Geistesgegenwart zu ernten, sie sagte mit ihrer weinerlichen Kinderstimme: Wo bleibt der Herr so lange?" Stummes Spiel.

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Meine Gage noch vom vorigen Monat!" Die Spei­hahn ließ nicht locker. Mit Gewalt mußte Wadler ihr den Rock des Direktors aus den Händen winden.

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Marsch, fort in den Kasten!" schrie er sie an. Wenn Sie nicht parieren, Speihahn, können Sie morgen gehen, marsch!"

Und das arme Weib schlich aus alter Gewohnheit davon wie ein getreuer Hund und verfroch sich in dem engen Soffleur­tasten.

Einige hatten die Speihahn gehört, ein banges Geflüster ging von Mund zu Mund. Eine allgemeine Nervosität be­mächtigte sich der Darsteller. Die kleine Bremer stand furz vor ihrem Auftreten an eine Kulisse gelehnt und weinte jämmerlich; der rote Schminkeüberzug auf ihren schmalen Bäckchen zeigte lange Streifen von den herunterrinnenden Thränen. rugs

Unruhe im Publikum.

Was war das? Wo blieb denn Schoenfließ?!

Ebel sah seine Frau an; sie war totenbleich geworden. Was ging denn vor? Er glaubte eine Unruhe und ein Rennen hinter den Coulissen zu vernehmen unten im Parkett, gerade dicht neben ihrer Orchesterloge, saßen zwei junge Leute, sie stießen sich an und machten impertinente Gefichter.

War ein Unglück geschehen? Es mußte doch etwas passiert sein!

Da, endlich! Der Bräutigam erschien! Wie ein Auf­atmen ging es durchs Publikum; da konnte auch dem Un­beteiligten der Angstschweiß ausbrechen.

Der schöne Egbert war doch einigermaßen betroffen; das Selbst zu der Maschka in die verschlossene Garderobe war ihm noch nie passiert, daß er die Klingel des war das Gerücht gedrungen; sie konnte mit ihrer Toilette Inspicienten überhört hatte er hatte sich eben so sehr mit gar nicht fertig werden.

Schoenfließ nahm sich vor, dem Direktor mal ordentlich die Meinung zu sagen hatte er sich darum die Tournee nach Amerika verschlagen? Er ging umher wie ein gereizter Löwe.

Das Publikum im Zuschauerraum wurde ungeduldig. Man fächelte sich, man wedelte mit Taschentüchern, mit den Theaterzetteln- unerhört- in dieser Bruthike! Warum fing man denn noch nicht an? Wie ein dumpfes Grollen stieg es herauf vom Parkett, herunter von den Logen; men mán jah jich gereizt um, schon gelangweilt, man gähnte, man machte fanle Wizze.

Jetzt endlich das dritte Klingelzeichen. Endlich rauschte der Vorhang auf.

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dem Direktor gezankt. Als gewandter Künstler zog er sich aus der Affaire. Einige virtuose Stückchen halfen ihm über die Verlegenheit weg. Die Maschka war wütend, die brillanteste Scene hatte er ihr gestört. Bei der Umarmung niff sie ihn heimlich; die unterdrückte Wut gab ihrem Spiel natürliche Leidenschaft. Ausgezeichnet!" flüsterte man im Publikum. Sie hatte bei ihrem Abgang auf offener Scene einen Applaus.

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Und jetzt- der erste Aft war zu Ende- Ebel lauschte jekt mußten Beifallsstürme losbrechen! Num-? keine Hand rührte sich. Stille. Eisestälte.

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Kistemachers tamen in die Loge; sie waren ziemlich lau. ,, Schade," sagte Frau Kistemacher, daß das passiert ist ersten Aft, sonst war es recht hübsch."

Und Herr Kistemacher bemerkte in tröstendem Ton:" So was kann ja inimer mal vorkommen, regen Sie sich nur nicht auf, liebe Frau Ebel, im zweiten Aft flatschen wir desto mehr."

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Oh, aber ich Sie irren, gerade ein bißchen Unter haltung thut gut!"

Vornübergeneigt, mit weitaufgerissenen Augen starrte Ebel auf die Bühne Gott sei dant, das erste Wort! Es leuchtete wie ein erlösender Blitzstrahl in die schwüle, bange Atmosphäre des Wartens. Eine unerhörte Angst hatte ihm das Herz zu sammengeschnürt, er fühlte die drohende Ungeduld des Wenn sie nur gegangen wären! Elisabeth stand da ohne Publikums, ohne sie recht zu sehen er zitterte um die ge- ein Wort zu erwidern und ließ Frau Julies Redeschwall über Liebte Frau. sich ergehen; diese kam vom Hundertsten ins Tausendste. Sie Sie saß ruhig da, scheinbar teilnahmslos, als ginge sie war gerade bei Gretchens Censur zu Oktober angelangt, als das da auf der Bühne gar nichts an. Aber jekt sah er's: Ebel sich höflich an sie wandte: ch muß Sie schon bitten, ihre Brust hob sich unter zitternden Atemzügen, ihre Hände liebe Frau Kistemacher- es ist besser, meine Frau bleibt hatten sich krampfhaft fest umeinander geschlungen, fie be- jetzt allein." zwang sich nur äußerlich. Seine Aufmerksamkeit war geteilt zwischen ihr und der Bühne; bei jeder geringsten Bewegung, die sie machte, heftete sich sein Blick forschend auf sie hatte sie etwas auszusehen, gefiel es ihr nicht? Aber allmählich nahm ihn die Handlung, auf der Bühne mehr und mehr ge- Wie unhöflich! Frau Ristemacher äußerte ihr Mißfallen fangen; er achtete weiter auf nichts anderes. Das war ganz unverhohlen vor der Logenthür. Weißt Du, Hans, seine Elisabeth, die da oben sprach verschwunden die ich glaube, er ist eifersüchtig auf Dich! Und gleich so Bretter, die Menschen, das ganze Theater-- ein freier empfindlich!" Horizont that sich weit auf, das war Geist von ihrem Geist, Ristemacher zuckte die Achseln. Bei halbgebildeten wie ein starker Hauch grüßte der ihn. Er hatte es beim Lesen Leuten wirst Du immer Eifersucht und Empfindlichkeit gar nicht so empfunden ha, das war fühn! Mit kecem Spott weg über die Kleinlichkeiten des Lebens- das brauchte fich die sogenannte Gesellschaft nicht eben hinter den Spiegel zu stecken, das war fast zu scharf! Aber nun, eine große,

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Das weiß ich besser!" sagte er ungeheuer bestimmt. Elisabeth muß allein sein."

finden!"

Nun begann der zweite Akt. Die Statisten standen wie die Stöcke; feiner von ihnen rührte sich. Sie erschwerten den Künstlern ihre Aufgabe. Die