Anterhaltungsblatt des Vorwärfs

Nr. 188.

R

Dienstag, den 26. September.

1899

25]

Jofeph Coney.

( Nachdruck verboten.)

XIX.

Bereits nach drei Tagen befand sich Jos außerhalb Londons , auf dem freien Lande, wo er grüne Felder sehen und die Vögel auf den Bäumen singen hören konnte. Die Roman von John Law . Aus dem Englischen von J. Cassierer. Bäume hatten tahle Zweige, und die Landschaft sah fast ganz so aus wie im vorigen Jahre, als er sich auf den Weg So ging er weiter, bis er zu einer schönen alten Kirche nach London gemacht hatte; nur ging man damals dem fam. Gerade, als er sie erreicht hatte, begannen ihre Glocken Frühling entgegen, während man sich jetzt dem Winter zu läuten. Er blieb stehen, um zuzuhören. Es hörte sich so näherte. an, als ob der Glockenklang aus weiter Ferne von der Er hatte sich auf seinem Wege nicht sehr beeilt, dort ge­Lärmenden Stadt käme, wie das Echo von Glocken, die er bor schlafen, wo sich ihm eine Gelegenheit bot, und in den Langer Zeit gehört hatte, der Glocken feines Heimatdorfes. Kneipen, die er unterwegs fand, getrunken. Von seinem Er dachte an den Kirchhof, auf den seine Mutter lag, an Gelde besaß er nur noch einen Schilling. Aber auch jezt jenen stillen, friedlichen Ort, wo durch die dunklen Föhren beeilte er sich nicht. Er sah krank und elend aus. Oft mußte er der Mond auf die Gräber schien. Still und ge- tief Athem holen und dann machte ein heftiger Schmerz ihn rettet" stand auf seiner Mutter Grabstein geschrieben; fie laut husten. hatte es so gewünscht. Jett lag ganz gewiß John Patchett, Er ging eine fleine Strecke, blieb aber wieder stehen, der Pfarrer, neben ihr. Jos erinnerte sich des Tages, an um sich von einer Weidenheite eine Gerte abzuschneiden, die dem er im Pfarrhause war, um Abschied zu nehmen. ihm als Spazierstock dienen sollte. Auf seinen Stiefeln lag wohl einen halben Zoll hoch der Schmuß. An einen Zaun gelehnt, blickte er teilnahmslos in die Ferne. Kein menschliches Wesen und fein Haus war zu sehen, nur Felder, Bäume, Hecken und der graue Himmel, der die Erde in einen schweren Vorhang

Wie ein Blizz durchfuhr Jos der Gedanke:" Ich will wieder nach Hause gehen."

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Raum hatte er diesen Gedanken gefaßt, als es ihn auch schon trieb, denselben zur Ausführung zu bringen. Seine Mutter war tot, ebenso John Datchett. Er hatte zwar keine einzuhüllen schien. Sehnsucht, die übrigen Bewohner seines Dorfes wiederzusehen, Ein Knabe, der sein Butterbrot und sich dabei ein denn diese würden ihn ja doch nur auslachen, daß er ohne Liedchen pfiff, war jetzt sichtbar geworden. Ein Hund be­Geld wiederkäme. Aber der Gedanke an seine Heimat brachte gleitete ihn, und als dieser Jos' anfichtig wurde, bellte er ihm große Erleichterung. Er fühlte fich schwach und frank. und lief auf ihn zu, um ihn zu beschnuppern; schnüffelnd wandte Bolly hatte ihn betrogen. Diese geschäftige Stadt, in der sich er sich um und mit aufrecht stehendem Schwanze rannte er ihm doch keine Arbeit bot, wo seine Dienste doch nicht ge- wieder zurück. braucht wurden, wollte er verlassen; er wollte in seine Heimat zurückkehren, denn er fühlte sich so trank. Mag sein, daß ich dort sterben werde," sagte er zu sich.

"

Wie spät mag's wohl sein?" fragte Jos den Jungen. Kann's nicht sagen" war dessen Antwort. Es war wohl zwölf, als ich von Hause wegging, und ich mag wohl eine Stunde unterwegs sein."

,, Kann ich durch den Park gehen?"

Für Landstreicher und Wanderburschen ist er geschlossen." Jos wußte nicht recht, welchen Weg er einzuschlagen hatte.

Aber ohne Geld konnte er doch nicht dorthin gehen; er mußte doch unterwegs etwas zu effen haben, selbst wenn er sich den ganzen Weg durchfechten" wollte. Fünfunddreißig Meilen ist ja teine so große Entfernung, aber doch für einen zu viel, der sie mit leerem Magen zurücklegen soll. Dann Er war wohl in den Dörfern, die seiner Heimat benachbart fiel es ihm ein, daß seine Uhr noch beim Pfandleiher war. Er hatte inmer gezögert, fie zu verkaufen, denn sie war das legte, das er noch von seiner Mutter hatte. Er wollte jett das Geld, das er für seine Uhr bekommen würde, dazu be­muzen, um sich am nächsten Tage auf den Weg in die Heimat zu machen.

waren, und auch in den Marktflecken gewejen, aber niemals hier. Elmsworth lag sechs Meilen von der nächsten Eisenbahn­Station entfernt, und seine Bewohner waren von dem Einflusse der Städte noch unberührt. Die Frauen gingen felten in die Stadt, um Einkäufe zu machen, denn im Dorfladen konnten fie alles, was sie brauchten, haben, und ein Fuhrmann Als er mit sich im Klaren war, London wieder zu verbrachte ihnen einmal in der Woche frisches Fleisch. Die Lassen, überkam ihn eine seltsame Beruhigung. Er mußte der Männer kamen wohl bisweilen in eine benachbarte Stadt, Tage gedenken, die er mit seiner Mutter in einem kleinen und mehrere waren auch schon einmal in London gewesen. Landhause verlebt hatte, und auch seines Arbeitsplates im Dorfe erinnerte er sich. Im Dorfe hatte er alles gemacht, von der Wiege bis zum Sarge, und nicht wenig hatte er sich auf seine Geschicklichkeit eingebildet. Erst als er nach London fam, gelangte er zur Erkenntnis, daß er ja doch nur ein Dorf Handwerker sei". Da unten hatte man ihn für einen lugen" jungen Mann gehalten, für einen, dessen Verstand sich über den der gewöhnlichen Leute erhob. Bis zu seiner infolge schlechten Geschäftsganges erfolgten Entlassung gab es teinen Hoffnungsfreudigeren jungen Mann als Joseph Coney. Er ging von der Kirche weg und suchte ein Nachtquartier zu finden. Ich mußte morgen sehr früh auf sein," sagte er sich. Und beim Weitergehen muß er der alleinstehenden Frau ge­Denken, die still und gerettet" auf dem Dorfkirchhof lag.

Er war nicht überschwenglich in seinen Gefühlen; aber er hatte von jeher die größte Liebe zu seiner Mutter gehabt. Nachdem ihn Polly betrogen hatte, war die Erinnerung an die alleinstehende" Frau wieder mächtiger in ihm geworden, und zahlloser Züge. liebevoller Zärtlichkeit, Kleiner Aufmerk famkeiten, die seinem Gedächtnis schon fast entfallen waren, mußte er wieder gedenken.

Elmsworth lag auf einem Hügel und war von dichten Waldungen umgeben. Der Gutsherr war ein alter Herr von konfervativen Gewohnheiten. Das Wild hatte bei ihm gute Tage. Er wollte nicht einmal seinen Bächtern erlauben, Staninchen zu schießen. Die Rebhühner flogen in seinen Gärten herum und die Hasen wurden nur durch das Läuten einer großen Glocke erschreckt, die an jedem Morgen und Abend es den Arbeitern anzeigte, wann sie mit der Arbeit beginnen und wann sie aufhören sollten. In seinen Gutshäusern wohnten gegen fünfhundert Arbeiter, die so unter einander geheiratet hatten, daß fast jeder des andern Verwandter war. Zwei foder drei Landwirte hatten Kleine Güter gepachtet; aber die Landwirtschaft rentierte nicht, und viele Gutshäuser standen leer. Nicht weit von der Kirche befand sich das Pfarrhaus, ein kleines, weißgestrichenes Ge­bäude, an dessen Wänden sich Wein und andere Schling­pflanzen emporrankten. Im Pfarrhause war auch ein Saal vorhanden, der den Dorfbewohnern zu Beratungen und ge­selligen Zusammenfünften zur Verfügung stand. An regnerischen Sonntagen gestattete der Pfarrer den Methodisten in diesem Saal ihren Gottesdienst abzuhalten, und wäre es nicht des Bischofs wegen gewesen, so würde er sogar nichts dagegen gehabt haben, wenn der Methodisten- Paftor von seiner eigenen Kanzel herab gepredigt hätte.

Sein Weg führte ihn zu einem Schuppen, der von einem Eisengitter umgeben war. Innen standen verschiedene Bagen, und Jos bemerkte, daß unter dem Size des einen Stroh Ein Parkthor stand offen, und obwohl ein Anschlag be­Lag. Jos stieg über das Gitter und Kletterte in den Wagen. fagte, daß Landstreichern und Wanderburschen" der Eintritt Und als er schon darinnen lag, mußte er noch seiner Mutter nicht gestattet sei, trat Jos doch ein. Der grüne Rasen er­gedenken, die bereits sechs Fuß unter dem Rasen lag. streckte sich weiter, als das Auge reichte; verdorrte Farne Morgen", fagte er sich, verkaufe ich meine Uhr und gehe und abgefallene Blätter lagen in dichten Haufen unter nach Hause." I den Bäumen. Planlos ging Jos weiter, und als er