Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 238.

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Mittwoch, den 6. Dezember.

( Nachdruck verboten.)

Eheleute Strouhal. Erzählung von M. A. Simácet. Deutsch von Franka Hájet. VIII.

1899

Hinter der Fabrik bog die Straße nach rechts um. Vor ihnen, in der Höhe eines Menschen blinkte ihnen ein grün­liches Licht entgegen, dem sie immer näher famen. Tonik, der mit Bartscha und Betuschka jezt voranging, blieb bei diesem Lichte plöglich stehen. Die Mutter, die ihnen folgte, erkannte bald das Hindernis. Vor ihnen kreuzte eine Eisen­bahn die Straße, der Uebergang war mit einem herab­Der frisch gefallene Schnee bedeckte die ganze Straße, so gelassenen Schlagbaum versperrt. Von der nahen Station daß es schien, als sei es da unten auf der Erde heller als ertönte ein greller Pfiff der Lokomotive, bald auch das oben. Kaum daß man die Umrisse der kahlen, die Straße 3ischen des Dampfes und das Schnauben der Maschine. einfassenden Bäume unterscheiden konnte. Einen nahenden Die zwei großen roten Laternen an der Stirn der Lokomotive Wagen konnte man eher hören als sehen, obwohl die Straße tamen immer näher, leuchteten durch die Nacht, und das sich schinirgerade hinzog. Aus der Finsternis leuchteten nur Busten der Maschine verwandelte sich allmählich in ein lang­die großen Fenster der Zuckerfabrik hervor, um welche sich gezogenes Donnern; gleich darauf sauſte an der wartenden zahlreiche kleine Häuschen gruppierten wie die Küchlein um Frau und den Kindern der lange schwarze Zug vorüber, die Mutterhenne. So schien die Fabrikfolonie eine kleine, dessen erleuchtete Fenster wie die feurigen Schuppen einer erleuchtete Stadt zu bilden. Aus dem hohen Schornstein stieg Rieseneidechse erschienen. Dies Gepolter des vorübersausenden eine weißliche Rauchwolfe hervor, die der Wind gegen die Zuges benahm den Wartenden fast den Atem, verdrängte Rybniker Wälder trieb, so daß er aussah wie eine große, jedoch auch alle Gedanken, die sich im Kopfe der Frau ein­wehende Fahne. genistet hatten, so daß sie wieder zum vollen Bewußtsein kam; Strouhals Frau blickte dem Rauche nach und beschleunigte und als sich dann der Schlagbaum wieder langsam in die ihren Schritt. Dann sah sie sich um und bemerkte, wie die Höhe hob, war sie sich ihrer augenblicklichen Lage wieder voll Stinder ihr kaum zu folgen vermochten. Die kleine Betuschka war bewußt. schon atemlos. So blieb sie wieder stehen und wartete. Ihr Zonit, Betuschka, gebt alle acht, daß keiner stolpert!

Blick schweifte zurück zn den niedrigen, durch die Finsternis Du Bartscha, fasse die Kleine lieber bei der Hand!" blinkenden Fenster des Hauses, das sie soeben verlassen, und Kaum daß diese Mahnung erfolgt war, lag Beta auch aus dem sie noch den Zank und Streit zu hören vermeinte. fchon zwischen den Schienen, beim Fallen Bartscha mit sich Unwillkürlich bewegte sie sich wieder vorwärts und rief den reißend, so daß auch der von der letteren getragene Korb Kindern zu: Beeilt Euch, damit wir so bald wie möglich..." dahinflog und sein Inhalt sich im Schnee verstreute. Tonit und erst nach einer Weile vollendete sie: zu Hause sind." half der jammernden Kleinen auf die Füße, während Bartscha Als müßte sie sich erst besinnen, ob das Ziel ihrer heutigen schnell aufspringend die verstreuten Sachen wieder in den Wanderung für sie wirklich ein zu Hause" bedeutete. In der Korb sammelte. Die Mutter reinigte, so gut sie es mit einer legten Zeit war es das ungaftliche Haus, dem sie jetzt entfloh, Hand vermochte, die Kinder von dem ihnen anhängenden das sie so bezeichnete, und wenn die Kinder weinten, pflegte Schnee und tröstete sie. sie sie zu trösten: Wartet nur, ich komme bald wieder heim." Und jetzt mit einem Male soll es für sie alle wieder ein anderes " Heim" geben? Hatte sie ein Recht dazu, seit sie es samt den Kindern verlassen hatte?

Die Kleine beruhigte sich bald über ihren Unfall und be­gann darüber zu lachen, womit sie schließlich auch Tonik und Bartscha ansteckte. Die Mutter war im Begriffe, die Größern wegen ihrer Unachtsamkeit zu tadeln, nun aber hielt sie inne.

Nach dieser kurzen Unterbrechung wanderten sie weiter.

Die verscheuchten Gedanken kehrten nicht wieder. Strouhals Frau dachte nicht mehr an die Vergangenheit, dafür stellte sich aber eine neue Sorge ein: was fie Strouhal sagen sollte, wenn sie kommen würde, und wie er sie wohl empfangen wird. Was wird er wohl zu ihr sagen, was zu den Kindern? Wird er sie in seine Arme schließen oder vor ihr die Thür zu­schlagen?

Freilich schien es ihr trotz alledem, daß das Haus ihres Mannes immer noch eher ihr Heim sei, als die verlassene Kaserne. In diesem Gefühl wurde sie von ihren Gedanken nur noch mehr bestärkt. Das war doch keine Heimat, die un freundliche Stube, in der es dumpf war und wo sie sich um die Kinder ängstigen mußte, selbst wenn sie bei ihnen war und umso mehr, wenn sie sie zurücklassen mußte bei den rohen Menschen ohne Liebe und Gefühl. Wie ganz anders war es in jenem weißen Häuschen, in das sie Strouhal vor nicht Die Schwere dieser neuen Sorge drückte sie zu Boden. langer Zeit heimgeführt hatte. Wie war sie damals so glück- Ach ja, was soll sie ihm sagen, wenn er sie fragen wird, lich gewesen. Er entführte sie einem drohenden, schrecklichen warum sie wieder kommt, nachdem sie ihn damals verlassen? Elend, au seinen gedeckten Tisch, aus der Kälte in die Wärme, Ueber diese Fragen grübelte sie schon seit Wochen, alle aus der Verzweiflung zur Liebe, und ihren verwaisten Kindern Tage. Kaum daß sie sich des Abends niederlegte, waren sie schenkte er einen gütigen Bater. Warum war sie also schon da und beunruhigten sie wie ein Heer Fliegen, die fortgegangen? Warum hatte sie dies von sich ge- sie nicht zu verscheuchen vermochte. Und doch kam sie zu keinem worfen? Warnun hatte sie es nicht lieber mit ihren endgültigen Resultat. Oder war es vielleicht das ein Ende, schwieligen Händen festgehalten mit aller ihrer Straft? Wirft daß sie jetzt zurück ging? Nein das war noch kein Ende, man denn Gold weg? Und besonders sie, eine so armselige das wollte sie erst herbeiführen. Ein bisher von ihr nicht ge­Person, die aus Not und Elend daher kam? kanntes Etwas zog sie zu Strouhal zurück; sie sehnte sich da nach zu hören, was er zu ihr sagen würde, sie sehnte sich danach, ihn wieder zu sehen, ihn zu sprechen und ihn zu fragen, ob ein ähnliches Gefühl auch ihn beschlichen und be­herrscht habe. Dann wollte sie sich aber wieder überreden, daß sie nur wegen den Kindern zurückkehrte, und namentlich, weil...

Und doch war sie sich dessen bewußt, daß sie sich nicht versündigt hatte. Hatte sie sich doch erst nach langem Kampfe dazu entschlossen. Ja, sie war auch heute überzeugt, daß sie so handeln mußte. Aber ihre Kinder? Warum schleppte sie die mit in ein neues Elend? Eben wegen dieser Kinder hat sie so handeln müssen... müssen... müssen!

Dreimal wiederholte Strouhals Frau dieses Wort in Gedanken, als wollte sie sich aufs neue in ihrer Ueberzeugung bestärken. Was hatte sie dazu gezwungen? Wer hatte jenes Wort müssen" ausgesprochen? Diese Frage scheuchte ein ganzes Heer neuer Gedanken in ihr auf, weckten aufs neue längst Bergessenes und riefen längst gesprochene Worte wieder in ihr Gedächtnis zurück und wühlten Gefühle in ihr auf, die sie schon längst verstummt glaubte.

Mit diesem Widerstreit in ihrem Innern schritt das ärmlich gekleidete Weib mit gesenktem Haupte vorwärts, nur ab und zu sich nach den Kindern umsehend. Und kaum, daß sie sie ermahnt und aufgemuntert hatte, spann sie wieder ihre Gedankenfäden.

Der Wald rauschte ihnen entgegen. Die Straße führte sie mitten durch ihn. Hier war der Weg nicht mehr weiß, da die Bäume den Schnee aufhielten, aber ihre Augen hatten sich bereits an die Dunkelheit gewöhnt, so daß sie die einzelnen Stämme und Sträucher unterscheiden konnten. Die Kinder konnten sich freilich manchmal des heimlichen Schauers nicht erwehren, wenn sie die einzelnen Erscheinungen, die der Wald in der Nacht so reichlich bietet, wahrnahmen. Lange mußten fie so an den hohen Tannen vorübergehen, doch allmählich begann der Wald an der rechten Seite zu schwinden, ihm folgte eine Lichtung, die gleichsam eine Grenze zwischen Truchlin und Rybnik bildete.

Sie hatten die Hälfte ihres Weges belvältigt.