Unterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 27.

27]

316

Donnerstag, den 8. Februar

( Nachdruck verboten).

Das Weiberdorf.

ad in1900

unbändig hantiert, sondern so nett gemächlich, wie es einem Mann in seinen Jahren angenehm war. Fast wollte es ihn. bedünken, als trieben die Weibsbilder ihre Bossen mit ihm da stand die fecke Schwarze hoch oben auf der höchsten Leiter sprosse und wippte hin und her, daß ihm der Angstschweiß. ausbrach. Und die mit den blonden, Zöpfen goß ihm einen vollen Eimer Wasser gerade vor den Füßen aus. Er flüchtete vor die Hausthür.

Noman aus der Eifel von Clara Viebig . Gestern war er durchs Dorf spaziert und hatte die aus gesucht, die ihm zur Arbeit am tauglichsten schienen. Alle waren gelaufen gekommen und hatten sich angeboten, selbst die alte Schneidersch und die kleine Bill. Die hübschesten Da stand er nun in seinen grasgrünen Pantoffeln, die waren die tauglichsten, Herr Schmitz hatte sich schon ein Hände in den Schlafrocktaschen vergraben, einen Shawl um Trüppchen zusammengestellt, da kam die Zeit des Wegs den Hals, mächtige Tabakswolfen in den hellen Morgen Donnerwetter, war das ein Frauenzimmer!

Der alte Junggesell riß seine blauen Aeuglein auf. Merkwürdig, jahrelang hatte er mir an seine Häute gedacht Gerberlohe trug ihm die schönste Farbe am blieb sein Blick auf diesen braunen Flechten haften, die sich so glänzend, zu einem dicken Nest gesteckt. zeigten. Linkisch galant zog er die Müße. He, junge Frau! Guten Tag!"

Zeih lächelte, daß man all ihre weißen Zähne fah, das leicht bewegliche Blut schoß ihr in die Wangen; sie waren rot wie ein reifer Apfel.

hinausqualmend. Mit behaglicher Rührung musterte er die Umgebung; so waren ihm die Heimatberge mit ihren runden Buckeln und den daran hängenden winzigen Aeckerchen manch­mal im Traum erschienen! Und dann dachte er an das Mus, an Kabes met Grombieren on Griewen", die er sich für heute mittag beim Krummscheidt bestellt, und sein Eifeler Magen fnurrte in süßer Erinnerung.

Schmunzelnd blickte er die Straße zum Dorf hinunter alles rithig und friedlich, kein Wagen, kein störender Lärm- mur eine einsame Frauengestalt fam des Wegs; als sie sich bemerkt sah. zögerte sie und trat dicht an die Mauer des Kirchhofs heran.

Fett wie ein Hammel," dachte Schmitz und ließ einen väterlich wohlwollenden Blick über die junge Frau gleiten; Schmitz ständerte noch ein wenig vor der Hausthür herum er liebte das Völlige. Wohlbeleibte Menschen waren immer ge- und besichtigte dann seinen Garten. Wenn die hohen mütlich im Umgang; er selbst hatte sich ja auch ein Bäuch Bäume sich erst belaubten, mußten sie einen köstlichen Schatten fein zugelegt. Ein instinktiver Selbsterhaltungstrieb zog ihn geben! Mochte die Sonne noch so brennen, hier war's 31 Zeihs angenehmer Fülle, die doppelt auffiel zwischen den angenehm; man konnte eine Hängematte aufhängen und sehuig schlanken, fast hageren Gestalten der übrigen Weiber. sanft darin duseln, und dort auf dem grünbemoosten Stein­Die war was für ihn! Die wollte er zur Aufwärterin tisch mit der rätselhaften eingemeißelten Inschrift hielt sich wählen! Ihr freundlich heiterer Blick aus flaren braunen der Moselwein gewiß fühl. Augen bestärkte ihn noch darin. No, junge Frau," sagte er, Sehr befriedigt fehrte er aus dem Garten zurück; da sah ..haben Se et als auch gehört, dat der Schmit hier sein er eine Gestalt am Gitter vorbeischleichen, die jetzt still stand Residenz aufschlage will? He? Ich brauch' en Frauensperson, und neugierig durch die Stäbe lugte. Als er die Brille die mer et Vett macht un en Taß Kaffee focht ich bin aus der Tasche gezogen, mit seinen plumpen Fingern daran simpel gewöhnt aber en Buttel muß sie aufziehu tönnen gewischt und sie auf die Nase geschoben hatte, erkannte er un auch en Spaß verstehu. Im übrigen hab ich jern mein die Zeih. Nuh."

Zeih sah ihn mit offenem Mund an; sie verstand den Herrn nicht, aber sie lächelte.

Sie gefiel ihm immer besser; die andern waren ihm viel zu geschwind mit dem Mundwerk, besonders die eine, die junge Schwarze, die sie Tina nannten und die mit ihren dreisten Blicken unheimlich herum funkelte.

No," sagte er wieder und klopfte Zeih auf die Schulter, ,, fömmen Sie bei mir die Aufwartung machen? Wie sieht et dermit, he? Oder find Sie zu fein derzu?"

Jeht erst war ihm ihr ausgeputztes Kleid aufgefallen, dessen Saum handbreit länger war als die Röcke der andern. Die umstehenden Weiber stießen sich an und ficherten halblaut.

Se es dem Bittehen sein Fra ", rief Tinia fect,., dän Haot geärit. Eveil hast das Zeih dat Arweiten net mieh netig, wanu hän net bal ales versoff haot. Dann freilich! On wann dän Oberkailer Schandarm net"

-

-

Biste still," fiel ihr Zeih hastig ins Wort und zupfte sie am Rock. Und dann mit dunkelrotem Kopf sich wieder zu dem Herrn wendend, flüsterte sie schüchtern, die Wimpern gesenkt: Ech moß erscht dat Pittchen fraon, hän es e fue su ech glauwen net, dat hän et gären sieht." Zögernd sagte sie es, sie hätte für ihr Leben gern die Aufwartung übernommen, nicht das Geld war's, das sie lockte zu essen und trinken hatte sie jaaber so ein Herr aus der Stadt konnte allerlei Präsente machen, von denen man hier nichts ahnte. Schade, daß mit dem Bittchen jetzt so gar nichts anzufangen war! Wie ein Rasender war er auf und nieder gerannt und hatte ge­flucht und geschimpft, als er von dem neuen Besitzer der Eichelhütte gehört hatte.

Mit einem Seufzer schlug sie die Augen auf, die feucht Schimmerten. Ech darf jao net!"

-

Mitleidig sah ihr Schmitz nach, als sie mit gesenktem Kopf davonschritt das war ja eine rechte Kreuzträgerin! Und so ein sanftes kreuzbraves Weibchen!-Heute, als der Besitzer, der Eichelhütte die Schar fegender Weiber besich tigte, bedaiterte er wieder aufs neue, die hübsche Zeih nicht darunter zu sehen. Die hätte gewiß nicht so gepoltert und

"

Sich ens an!" sagte er erfreut. Weißt Du auch, meine Dochter, dat ich heut als an Dich jedacht hab'?"

Sie stand verlegen lächelnd. Hinter sich her hatte sie ein Holzwägelchen gezogen, drin saß ein erbärmlicher kleiner Junge.

Dat es ons Josephche," sprach die Zeih, als sie den Blick des Herrn bemerkte.

So, sohm, hm!" Er konnte seine Verwunderung kaum verbergen vie kant das hübsche, frische Weib zu dem elenden Kind? Der Vater mußte doch gar nichts taugen. Da hatten die Leute doch recht, die den Miffert einen Säufer und Weiber jäger nannten, so allerlei war ihm hintenherum über den Kert zu Ohren gekommen. Das arme Weib!

Komint doch herein," sagte er freundlich, öffnete das Gitterthor und zog selbst das Wägelchen in den Garten.

Schüchtern trat die Zeih ein und ließ ihre Blicke an den hohen Stämmen hinauf und hinuntergleiten. Vor lauter Verlegenheit nahm sie dann das Josephchen auf den Arm und herzte es.

"

Das Gesicht des alten Junggesellen trug alle Zeichen der Anteilnahme. Er klopfte demi Kind die aufgedunsenen Bäckchen und nahm das welke, blasse Händchen zwischen seine fleischigen Finger. Du, du, kẞ,,," machte er und figelte es am Hälschen. Josephchen verzog das Gesicht und fing an zu weinen; es war fein lautes, fräftiges Schreien, nur ein jämmerliches, dünnes Greinen.

Zeih war heute auch einmal schlechter Stimmung; als sie das Kind iveinen hörte, zogen sich auch ihre Mundwinkel abwärts; schon hingen ein paar Thränen in ihren langen Wimpern.

Mit dem Peter war eben gar kein Aushalt mehr, heut in der Frühe war er nach Haus gekommen, sternhagelvoll. Gelärmt hatte er nicht, er war in einem weit schlimmeren Stadium, dem der verbissenen Wut. Sie traute sich nicht heran; aber nachdem er dann ein paar Stunden fest geschlafen, glaubte sie ihn in der richtigen Verfassung, um ihr Anliegen wegen der Aufwartstelle vorzubringen. Aber da kam sie noch gut an!..