Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 35.

Dienstag, den 20 Februar.

( Nachbruc verboten.)

Muter dem Schuhe des Gesetzes.

1]

Von Maria Konopnica. mr

I.

Der Gefängniswärter warf die Thür geräuschvoll ins Schloß und drehte den Schlüssel um.

Sie aber sah sich nach allen Seiten um und zog das dicke Wolltuch, das ihr Haupt und Arme bedeckte, tiefer über das Gesicht.

Die Straße war fast leer. Nur die Spatzen ließen ihr lärmendes Gezwitscher unter den Gesinsen des Gefängnisses hören, von der Ferne drang das Rasseln schwerer Sohlen wagen, und der Hund des wachthabenden Soldaten, dessen Herr vor seinem Häuschen mit geschultertem Gewehr auf und ab ging, wälzte sich im Staub, gähnend und nach Fliegen

Haschend.

Bei dem geräuschvollen Schließen der Thüre wandte der Soldat den Kopf, betrachtete das Mädchen, in dessen Augen der Glanz erloschen war, und setzte seine Wanderung fort; dabei fumimte er leise ein Lied und spuckte öfter durch die Zähne aus.

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Der Fuß schmerzte sie freilich, als zwicke sie jemand mit glühenden Zangen, aber sie war nicht sicher, ob es sich schickte, davon zu sprechen.

Na, so geh' Deiner Wege, und Gott geleite Dich!" schloß der Herr Oberaufseher und zog sein Haupt zurüd.

Das Mädchen ließ sich auf die Erde nieder. Sie holte aus dem Bündel ein altes Tuch hervor, in dessen einem Ende der Zettel für den Magistrat eingewickelt war, und schob ihn tief in ihre Bluse hinein, wobei ihre kleinen Brüste und das grobleinene, wenig gebleichte Hemd sichtbar wurden.

Dann erhob sie sich ruhig, blickte unruhig auf die Sonne, als wollte sie abmessen, wieviel Zeit ihr noch bis zum Abend blieb, und machte sich auf den Weg. Anfänglich ging fie langsam, dann immer rascher, in dem Maße, als ihre an gleichmäßige und beschränkte Bewegungen gewöhnten Beine sich gerade richteten und in der Freiheit an Geschmeidigkeit zunahmen. unbestimmter Farbe, am Rande stellenweise ausgefranst, hing Ihre Kleidung war ärmlich. Ein verschlissenes Kleid von an ihren schmalen Hüften herab; die Schürze wies eine Menge von bunten Flicken auf; die magern Hände verschwanden in den Aermeln der viel zu großen, start abgetragenen Jade; die bloßen Füße, deren einer bis über die Knöchel in einen dicken Leinenfeßen gewickelt war, steckten in niedrigen Schuhen; das große Tuch schien sie mit seiner Last zur Erde zu drücken.

Die alte Jüdin, die dem Gefängnis gegenüber bei ihrer Krambude saß und eine Schüssel faurer Gurfen und ein Maß Kürbiskörner feithielt, zählte ihren Tageserlös, indem sie Die Straße, die sie ging, zog sich von Osten gegen Westen rostige Kupfermünzen aus der am Gürtel über der fettigen inmitten einer weiten Flucht von Häusern und Häuschen. Schürze herabhängenden Ledertasche heraustramte und schnell Fern von den großen Verkehrsadern, hallte in ihr nur zu mit ihren roten, wimpernlosen Lidern blinzelte. weilen das Getöse der Querstraßen wieder, das bald kräftiger Es war schwül. Die Augustsonne brannte kräftig, wie tönte und sich dann wieder in der Ferne verlor. Das einzige vor einem Regen. Das Mädchen schritt langsam die Treppe Gerassel, das man hier öfters vernehmen konnte, verursachten himunter, dann wandte sie sich nach rechts, und als sie einige die kleinen Wagen mit schlechtem Obst, die von armen Schritte die gelbe Gefängnismauer entlang gegangen war, jüdischen Händlern in schmutzigen Kaftans gezogen wurden, blieb sie stehen und lehnte mit dem Rücken gegen die Wand. und deren Inhalt von den daneben gehenden Gehilfen mit Ihre Füße bebten, die Luft machte sie berauscht. Seit lauter Stimme ausgerufen wurde. dem sie den letzten Typhus überstanden, überfiel sie häufig ein Schwindel, während dessen es ihr in den Ohren flang, wie von einer Kirchenglocke, und vor den Augen schwarz wurde, wie in der schwärzesten Nacht.

Sie hatte eine Weile so dagestanden, als sich das Gud fensterlein der Gefängniskanzlei flirrend öffnete und das blühende, von schönem Haar umrahmte Gesicht des Herrn Oberaufsehers zeigte.

Hanka! Hanka! Blacharzowna!" rief er mit klangvoller

Stimme.

Das Mädchen wandte sich um; dabei glitt ihr das große Tuch vom Kopfe und die gelichteten, dunklen Haare und das fleine abgemagerte Geficht famen zum Vorschein.

Komm doch nur etwas näher!" hub der Herr Ober aufseher freundlich an.

Sie bückte sich, erhob das unweit unter der Mauer liegende kleine Bündel und trat schweigend an das Fenster.

Heute noch wirst Du in Sentotin anlangen, vielleicht in Tarczyn, und morgen zu Mittag mußt Du in Grojec*) sein. Jezt ist Mondschein, man kann in der Nacht gehen."

" Ich werde gehen, gnädiger Herr!" versetzte das

Mädchen.

Daß Du mir aber auch unterwegs keine Dummheiten machst! Gott behüte! Mert Dir das. Du gehst direkt zum Magistrat und meldest Dich zum Aufenthalt". Ich schicke Dich absichtlich nach Grojec, weil dort vielej Internierte sind, es wird Dir heimischer sein."

"

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Ich danke, gnädiger Herr!" Und daß Du den Zettel zum Magistrat nicht verlierst. Du übergiebst ihn dem Herrn Bürgermeister oder dem Herrn Sekretär. Das ist gleich. Dort wird man Dir ein Schrift stück herausgeben, Deine Papiere sind schon abgegangen. Ich schicke Dich nicht mit einer Partie, denn Du hast Dich gut geführt. Na, und wie ist es denn mit dem Fuß dort? Thut's noch weh?"

Sobald sich aber ein Wagen zeigte, konnte man im voraus sicher sein, daß er vor dem Gefängnis Halt machen werde. Dieses Gebäude bildete in der That den Hauptpunkt der Straße, seine gelben Mauern warfen einen düstern Schatten auf sie. Das eiligen Schrittes dahingehende Mädchen schien auf seinem gebückten, von einem groben Tuch ein­gehüllten Kopf etwas von diesem Schatten mit sich fortzu­tragen. Sie ging, ohne den Blick von den grauen Pflaster­steinen zu erheben, immer westwärts, der Sonne entgegen, und trotz der sengenden Hige zog sie das schwere Tuch immer tiefer über das Gesicht, als ob sie darunter verschwinden wollte. Ein vorbeilaufender Schlächterjunge versette ihr einen Rippenstoß, aber sie sah sich nicht einmal um, als ob das etwas ganz Natürliches wäre.

Sie ging und fann.

-

Ach dieses fürchterliche gelbe Haus! Wie das den Menschen von Grund aus umwandelt. Als man sie abführte, wollte sie sich das Leben nehmen, wollte Hungers sterben, wollte sich den Kopf zerschmettern. Jektes war, als wäre etwas in ihr umgetauscht. Sie fühlt weder Reue noch empfindet sie Freude, ganz wie dieser Stein auf dem Felde... Drei Jahre. runde drei Jahre

... Ach, dummes, dummes Mädchen! Wozu hatte sie das gebraucht? Konnte sie nicht, wie andre Mädchen, ehrlich dienen? Wär's nicht besser gewesen, heute, ohne die Augen niederzuschlagen, erhobenen Hauptes unter den Leuten in Ehren einherzugehen! Und da mußte sie sich in solch ein Hemdchen stecken! Die Hunde möchten über sie heulen, wenn fie sie wittern würden. Die Eltern möchten sich im Grabe umdrehen, wenn sie wüßten, wie man sie durch allerhand Gerichte und Amtsstuben schleppte

Ach, wie viel Schande nußte sie über sich ergehen lassen, wie viel Schmach, wie man Wermut schleckt und bittere Sträuter... Ach, sie dummes, dummies, dummes Mädchen!. Ein schwerer Seufzer, der wie ein Stöhnen flang, ent rang sich ihrer Brust, und ohne den Schritt zu verlangsamen, schüttelte sie das Haupt, als empfände sie tiefes Mitleid mit *) Gin univeit von Warschau gelegenes Städtchen, wohin Sträf- fich selber und der eignen Dummheit. Jest trat eine leichte linge verbannt werden.

Mädchen.

nicht sehr, gnädiger Herr!" antwortete das

Röte auf ihr schmales, braunes Gesicht.