Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 51.

Mittwoch, den 14. März.

110( Nachdruck verboten.)

Unter dem Schuhe des Gesetzes. 17] Von Maria Konopnicka .

Die schwungvolle Rede des Herrn Nat verhallte nicht wirkungslos. Dieses einfache niedrige Mädchen fühlte sich unter der Wücht seiner Worte gerknirscht, wie wenn alles, was der Gnädige sagte, nicht der reinste Hohn auf ihre wirt lichen Erlebnisse gewesen wäre. Ihr Herz erfüllte sich mit bitterer Reue, als hätte sie wirklich aus freien Stücken den Weg des Bösen gewählt. Doch dieser Zauberbann hielt nur so lange vor, als die tönende und mit einer gewissen sanften Festigkeit vorgetragene Rede des Herrn Nat dauerte. Staum waren die erhabenen Worte zu Ende, als Hanka wie aus einer Verwirrung erwachte. Die Erinnerung an die erlittene Schmach und Unbill trieb ihr eine purpurrpte Blutwelle ins Gesicht.

Und ich entfliehe doch!" dachte sie sich. Wenn der mich dort..."

Sie dachte den Gedanken nicht zu Ende. Die Blutwelle stieg bis zu ihren braunen Schläfen empor. Sie erhob die Augen und auf das vor dem Herrn Rat stehende Kruzifir blickend, that sie in der Seele einen Schwur...

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stimmten. Am lustigsten waren die, die niemand be­gleitete, denen niemand nachschaute. Einige lüfteten die Müßen und riefen diefen Mauern, die sie ansgefpien hatten, auf Wiedersehen zu. Die Truppe fekte sich in Bewegung. Au demselben Lage war der Herr Rat zu einem Diner, geladen; bei Tifche entfchuldigte er fich vor seiner Nachbarin. einer bezaubernd. schönen jungen Frau, wegen des Mangels an Humor, der seine Unterhaltung diesmal minder anregend als sonst erscheinen ließ. Er habe heut Morgen eine Partie Sträflinge in die Verbannung expediert, Was ist das eigentlich zaubernd schöne Frau.

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Verbannung?" fragte die be

Verbannung, gnädige Frau?... Aber das ist ja das einfachste. Ding yon, der Welt. Die Verbannung beruht darauf, daß die Verbrecher, nach Abbüßung ihrer Strafe eine Zeitlang, ein, zwei oder drei Jahre, je nach der Bestimmung des Defretes, sich nicht näher als vierzig Werst von Warschau aufhalten dürfen. In diesen Umkreis giebt es einige Punkte, wohin die Sträflinge transportiert werden, in Gruppen von zwanzig oder mehr, je nachdem."

Das ist interessant..."

Sehr interessant. Ueberhaupt ist unser Strafprozeß sehr interessant! Haben Sie unsern Straffoder niemals gelesen, gnädige Frau?"

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iemals. Wie kante ich dazu?"

Natürlich, Das kann ich mir ja vorstellen."

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Ein junges Mädchen, das neben der bezaubernd schönen Dame saß. schien mit Interesse der Unterhaltung zu lauschen. Giebt es dort irgend welchen Schutz für diese Sträflinge?" fragte sie.

Der Herr Rat neigte sich mit großer Höflichkeit zu der Sprecherin hinüber.

Der Abgang einer Partie Verbannter versammelt immer eine Schar Neugieriger vor den Mauern des Gefängnisses, dessen Geheimnisse sonst nur selten ein fremdes Auge durchdringt. Auch jetzt stand auf dem gegenüberliegenden Trottoir ein Haufe Gaffer: Weiber, Kinder, halberwachsene Knaben, Männer, die inzwischen die, auf den zum Gefängnisthor hinanführenden Stiegen sich drängenden Frauen beobachteten. Das waren Mütter, Gattinnen oder Schwestern derer, die jetzt ab marschieren sollten. Fast alle waren am Morgen zur Sprech stunde in einen an die Kanzlei grenzenden Saal gekommen, wo sich eine Art von vergittertem Käfig befand, in den von der einen Seite die Sträflinge, von der andern die Besucher hineingelassen wurden. Doch heute entfernte sich niemand nach der Sprechstunde. Man wartete im Gedränge, bis die Partie Jch aufbrechen würde. Aus der Schar der Harrenden vernahm man zuweilen ein Wort, noch häufiger hörte man einen der Rat. fchweren Seufzer. Die Blicke waren unruhig und trüb.

Endlich that sich das Thor auf und der Wächter ließ, Laut zählend, die Sträflinge vorbeimarschieren. An der Spitze gingen die Männer. Es waren zumeist kleingewachsene, ver fümmerte, herabgekommene Gestalten, mit gebüdtem Rückgrat, die Knie nach vorne gekrümmt und zitternd, die Gesichter gelblich und aufgedunsen; andre waren fahl, wie von Rauch überlaufen, die Blicke schweiften unsicher herum oder stierten blöde vor sich hin. Alle hatten rasierte Stöpfe. Kaum einer unter ihnen war höher gewachsen.

Die wartenden Frauen verließen stöhnend und schluchzend die Stiege. In der Gruppe der Männer wischte sich auch so mancher die Augen mit dem Aermel. Der Wächter drängte, man fing an Abschied zu nehmen. Die rasierten Köpfe neigten sich zu den ausgetrockneten Händen der alten Frauen oder zu den Gesichtern der Kinder herab, die die Mütter hierher mit gebracht hatten. Doch die Kinder wandten sich erschreckt ab. Sie hatten diese ihre Väter schon gänzlich vergessen und hatten Furcht vor ihnen.

Wo meinen Sie, guädiges Fräulein?" lotsid sin Dort, wohin Sie verbannt sind?" p Aber natürlich. Sie müssen sich beim Ortsmagistrat melden. Sie bekommen rote Pässe und.." Rote Pässe?" staunte die Bezaubernde. Das ist drollig. habe noch niemals einen roten Baß gesehen." d Und sie stehen unter der Aufsicht der Polizei," ergänzte

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Aber nicht das meine ich, verehrter Herr," wandte das Mädchen ein. Ich wollte wissen, ob ihnen dort jemand eine Beschäftigung giebt, wovon sie sich redlich ernähren fönntenna, und auch eine gewisse moralische Unter­stützung, damit ihnen die Rückkehr in die bürgerliche Gesell schaft erleichtert werde."

Sehen Sie, etwas Specielles in diesem Sinne giebt es eigentlich nicht. Man läßt sie los, und wer will, sucht Arbeit." Aber dort weiß man doch, daß das abgestrafte Diebe find." Natürlich. Man führt sie ja durch die ganze Stadt. Und dann, wenn einer seinen roten Paß vorzeigt, weiß man ja ohnehin, was man von ihm zu halten hat."

,, Dann giebt ihnen wohl niemand eine Beschäftigung." Im Gegenteil. Im Sommer finden sie zum Teil Be­schäftigung in der Landwirtschaft."

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Zum Teil... Und im Winter?"

a!" rief der Rat, die Arme auseinander breitend ,,, es kommt vor, daß auch im Winter sich Arbeit für sie findet." Wovon leben sie denn eigentlich, wenn sie feine feste Beschäftigung haben?"

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Vom Diebstahl, gnädiges Fräulein. Das ist ein un verbesserliches Pack. Es bilden sich in der Umgegend ganze Diebsbanden."

Bezaubernde.

Nach den Männern folgten die weiblichen Sträffinge. Zumeist junge Mädchen, ganz verwelft, mit dem Gepräge moralischer Verkommenheit auf der Stirn. Kaum wurden sie sichtbar, als sich von der gegenüber liegenden Seite Lachen und scherzende Bemerkungen hören liezen. Manche von den Mädchen erwiderten diese Herausforderungen ebenfalls mit Welch eine schreckliche Demoralisation!" bemerkte die Lachen und Scherz. Unter den Arrestantinnen waren aber auch ältere Frauen. An diesen drängte sich in Häuflein oder einzelne Kinder verschiedenen Alters, meist zerlumpt, andre aber auch ziemlich fauber gekleidet. Bald trat auch der Wächter heraus, der die Partie begleiten sollte, und fing an, die Sträflinge in Reih und Glied zu ordnen. Sie marschierten zu je drei. Fast alle waren elend gekleidet, mir zwei von eine den Männern hatten Belze. Die Tücher und Jacken der Weiber durchdrang der frostige Wind. So mancher blickte sich nach allen Seiten um, andre machten das Zeichen des bis Streuzes; es waren auch einige, die ein Liedchen an- l

,, Andre aber," fuhr der Herr Rat fort, entfliehen wieder nach Warschau , wo mancher eine Familie, eine Werk stätte oder sonst Beziehungen hat."

Erlaubt man ihnen zu bleiben?"

Aber, wo, denken Sie hin? Was wäre das denn für Ordnung?"

Was geschieht denn mit ihnen?" fragte das Mädchen. .Sie halten sich in verschiedenen Diebshöhlen versteckt, man sie wieder faßt."

Und dann?