Anlerhaltungsblatt des vorwärts
Stt. 90.
Donnerstag, den 10. Mai.
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Auferflehung.
Roman von Leo T o l st o j „Ich weiß, ich weiß, aber was soll ich jetzt thnn?" sagte Nechljudow.„Ich bin entschlossen. Dich jetzt nicht zu der- lassen." wiederholte er.„und was ich gesagt habe, das thue ich." „Und ich sage, du thust es nicht!" sagte sie und lachte laut auf. .Katjuscha!" begann Nechljudow. „Geh fort von mir. Ich bin eine Zilchthäuslerin, und Du bist ein Fürst und hast hier nichts zu suchen!" rief sie. vom Zorn vollständig verwandelt, und riß ihm die Hand weg. „Du willst durch mich deine Seele retten," fuhr sie fort und beeilte sich, alles zu sagen, was in ihrem Innern auf- stieg.„Hast mich in diesem Leben genossen und willst durch mich auch in der andern Welt glücklich werden: Du bist mir widerwärtig, mit Deiner Brille und Deiner ganzen fetten, verfluchten Schnauze. Scher Dich fort, fort!" schrie sie und sprang nrit einer energischen Bewegung auf die Füße. Der Aufseher trat zu ihnen. „Was machst Du da für einen Skandal! Wie darfst Tu wohl.. „Lassen Sie sie, bitte," sagte Nechljudow. „Sie soll sich nicht vergessen," sagte der Anfscher. „Nein, w arten Sie. bitte." sagte Nechljudow. „ Ter Auf scher trat zum Fenster. Die Maslolva setzte sich wieder, schlug die Augen nieder und preßte ihre kleinen Hände mit gekreuzten Fingern fest zusammen. Nechljudow stand ihr gegenüber und wußte nicht, was er thun sollte. „Du glaubst mir nicht." sagte er. „Daß Sie mich heiraten wollen— daraus wird niemals etwas. Eher hänge ich mich auf I Da wissen Sie eS!" „Ich werde Dir dennoch dienen." „Das ist Ihre Sache. Nur habe ich von ihnen nichts notig. Das ist die Wahrheit, die ich Ihnen hier sage," sprach sie.„Und warum bin ich damals nicht gestorben!" setzte sie hinzu und begann jämmerlich zu weinen. Nechljudow konnte nicht reden; ihre Thräucu teilten sich ihm mit. Sie erhob die Augen, sah ihn gleichsam vettvandert an und begann mit dem Brusttuch die über die Zwangen fließenden Thronen abzuttocknen. Ter Aufseher ttat jetzt wieder heran und erinnerte, daß die Zeit verstrichen fei. Die Maslowa stand ans. „Sic sind jetzt erregt. Wenn es möglich ist, komme ich morgen wieder. Denken Sie nach," sagte Nechljudow. Sie antwortete nichts und trat, ohne ihn anzusehen, hinter dem Ansscher hinaus. „Nun, Mädchen, Du lebst jetzt fem," sagte die Korablcwa zur Maslowa. als sie in die Zelle zurückkehrte.„Man sieht, er ist stark in Dich verkeilt; paß ans, so lange er kommt. Er macht Dich frei. Reiche Leute können alles." „Wie das doch geht," sagte die Wärtersfrau mit ihrer singenden Stimme.„Für den Armen ist selbst die Nacht zu kurz zum Heiraten, der Reiche aber deirtt nur rrach, errät es. und alles kommt, wie er es gewünscht hat. Wir haben solch arigeseheneu Herrn, Schwälbchen, daß, was er unternimmt.. „Nun, hast Du von meiner Sache gesprochen?"»fragte die Alte. Aber die Maslowa antwortete ihren Gefährtinnen nicht. sondern legte sich auf die Pritsche und lag so bis zum Abend, indem sie die schrägen Augen in eine Ecke gerichtet hielt. Fn ihr ging eine quälende Arbeit vor sich. Das, was Nechljudow ihr gesagt, rief sie in die Well, in der sie gelitten hatte, und aus der sie herausgegangen war, da sie sie nicht verstand und sie haßte. Ihr war jetzt die Vergessenheit abhanden gekommen, in der sie gelebt; mit klarer Erinnerung aber au das zu leben, was gewesen, war allzu qualvoll. Abends kaufte sie sich wiederum Branntwein und betrank sich mitsamt ihren Gefährtinnen.
Siebenundvierzigstes Kapitel. „Ja. so ist es! so ist es!" dachte Nechljudow, als er airs dem Gefängnis trat, und begriff erst jetzt seine ganze Schuld. Wenn er nicht versmlst hätte, sein Vergehen wieder gut zu machen und zu bereuen, würde er niemals seine ganze Frevelhaftigkeit gefühlt haben, und sie hätte niemals das Böse vollstlmdig empfunden, das er ihr zugefügt. Erst jetzt ttat alles das in seinem ganzen Schrecken nach außen. Er sah jetzt nur das, was er mit der Seele dieses Weibes onge* richtet hatte, und sie sah und verstand, was mit ihr geschehen war. Vordem hatte Nechljudow mit seinem Gefühl gespielt, mit seiner Nene herumgetändelt; jetzt ioar ihm einfach schrecklich zu Mure. Sie verstoßen— das fühlte et jetzt— konnte er nicht, und dabei vermochte er sich auch nicht vorzustellen, was aus seine« Beziehungen zu ihr werden sollte. Gerade am Ausgange trat ein Aufseher mit unangenehmem, einschmeichelndem Gesichtsausdruck und einem Kreuz und Medaillen auf der Brust auf Nechljudow zu und händigte ihm mit geheimnisvoller Miene einen Zettel ein. „Hier ist ein Zettel für Ew. Excelleuz von eurer gewissen Person", sagte er zu Nechljudow. als er ihm daL Couvert übergab. „Von welcher Person?" „Das werden Sie erfahren, wenn Sie gelesen haben. Eine politische Gefangene. Ich bin in dieser Abteilung; da hat sie mich gebeten... und>venn es auch gegen die Vorschrift geht, so hat man doch hin und wieder monschltche Gesiihle..." Der Aufseher sprach unnatürlich geziert. Nechljudow war überrascht, daß ein Aufseher der Ab« teillrng, in welcher politische Gefangene interniert waren, im Gefängnis selbst und fast vor jedermamis Augen Zettel übergeben konnte; er wußte damals noch nicht, daß dieses ein Aufseher und gleichzeitig ein Spitzel war. Er nahm ttotzdem den Zettel und las ihn beim Hinausgehen aW dem Gefängnis. In dem Schriftstück war mit Bleistift in kühnen Zügen, ohne den Endbuchstaden„järr", folgendes ge- schrieben: „Da ich erfahren, daß Sie das Gefängnis besuchen und sich für eine in Hast befindliche Person interessieren, möchte ich mit Ihnen zusammentresscn. Bitten Sie um eine Zu- sammeukunst mit mir. Alan wird sie Ihnen gewähren, und ich werde Ihnen eine Menge für Ihren Schützling und polltische Verbrecher wichtiges Material überllescrn. Ihre dankbare Wjera Bogodnchowskaja." „Bogodnchowskaja! Wer ist diese Bogodnchowskaja?" dachte Jtcchljudow; er war vollständig vom Eindruck des Wiedersehens mit der Maslowa in Anspruch genammen und fand im ersten Augenblick keinen Zusammenhang zwischen diesem Namen und der Handschrift. Dann erinnerte er sich plötzlich.„Ah. die Makonstochter bei der Bärenjagd." Wjera Bogoduchowskaja war Lehrerin in einer öden Gegend des Nowgorodscheu Gouvernements gewesen, wohin Nechljudow mit seinen Kameraden zur Bärenjagd gefahren war. Diese Lehrerin hatte sich mit der Bitte an Nechljudow gewandt, ihr Geld.zu geben, um zu studieren. Nechljudow gab ihr Geld und vergaß sie. Jetzt zeigte sich, daß dieses Fräulein eine politische Nerbrecherin war. im Gefängnis saß, wo sie wahrscheinlich seine Geschichte gehört hatte, und ihm jetzt ihre Dienste anbot. Wie damals alles leicht und ein- fach gewesen war, war jetzt alles schwer und kompllziert. Nechljudow erinnerte sich lebhäft und fröhlich an die damalige Zeit und seine Bekanntschast mit der Bogoduchowskaja. Das lvar vor Fastnacht gewesen, in der Einöde, über sechzig Werst von der Eisenbahn entfernt. Die Jagd war glücklich, man hatte zwei Bären erlegt, aß zu Mittag und schickte sich an fortzufahren, als der Besitzer der Hütte, in welcher man Rast gemacht, mit der Botschaft kam, di? Tochter des Diakons sei angekommen und wünsche den Fürsten Nechljudow zn sprechen. „Ist sie hübsch?" sragtc jemand. „Lasten Sie es gut sein," sagte Nechljudow, stand vom Tisch auf, Ivunderte sich, wozu die Dinkonßtochter ihn nöttz hätte, machte ein criistcs Gesicht und trat in die Stube des Besitzers. Im Zimmer befand sich ein Mädchen im Filzhut und