Unterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 105. do

45) od

Freitag, den 1. Juni

20( Nachdruck verboten.)

Auferstehung.

Roman von Leo Tolstoj .

Sm Krankenfaat ertönte Geräusch. Man hörte Kinder

weinen.

Ich glaube, man ruft mich," sagte sie und schaute sich unruhig un...

Mun, also leben Sie wohl," sagte er.

Gie that so, als bemerkte sie die ausgestreckte Hand nicht, wandte sich, ohne sie zu drücken, um und ging mit schnellen Schritten auf dent Korridorläufer fort, indem sie sich bemühte, ihr Grohlockeit zu verbergen.

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1900

Man möchte wohl, aber man kann nicht. Was ist dar über zu reden!" rief die Masłowa, sprang auf; schleuderte die Photographic in die Tischschieblade und lief, mit der Thür schlagend, in den Korridor, indem sie mit Gewalt böse Thränen zurückdrängte.

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Beim Hinblicken auf die Photographie hatte sie sich ate diejenige gefühlt, welche auf ihr dargestellt war, und davon geträumt, wie sie damals glücklich gewesen war und noch mit ihm hätte glücklich sein können. Die Worte ihrer Gefährtin hatten sie an das erinnert, was sie jetzt war hatten ihr alle Schrecken jenes Lebens ins Gedächtnis zurückgerufen, welche sie damals dumpf gefühlt, aber sich nicht eingestanden hatte. Wie sollte man sich da nicht verändern! Und die Ursache von allem war er. Und es erhob sich plötzlich in ihr wieder Was geht in ihr vor? Wie denkt sie? Wie fühlt sie? die frühere Bosheit gegen ihn, und sie wollte ihn schelten Will sie mich prüfen oder kann sie mir wirklich nicht ver- und ihm Vorwürfe machen. Es that ihr Leid, daß sie zeihen? Kann sie nicht alles sagen, was sie denkt und fühlt, heute die Gelegenheit verpaßt hatte, ihm zu sagen, oder will sie nicht? st sie, milder gestimmt oder böser ge- daß sie ihn fenute, und sich ihm nicht unterwürfe, und worden?" fragte sich Nechljudow und konnte sich keine Antwort ihm nicht erlaubte, sie geistig zu benutzen, wie er sie körperlich geben. Eins wußte er das war, daß sie sich verändert benut. Und um dieses quälende Gefühl des Mitleids mit hatte und in ihr eine für ihre Seele wichtige Umwälzung sich und der nimützen Vorwürfe gegen ihn loszuiverden, vor sich ging, und diese Umwälzung vereinigte ihn nicht mir wünschte sie sich Branntwein. Sie hätte ihr Wort nicht ge­mit ihr, sondern auch mit dem, in dessen Namen diese Umhalten und Brauitwein getrufen, wenn solcher im Ge­wälzung sich vollzog. lub eben diese Vereinigung verfette fängnis vorhanden gewesen wäre. Hier fonnte man aber Brannhivein nicht anders als vom Feldscher erhalten, und vor dem Feldscher fürchtete sie sich, weil er ihr nachstellte. Beziehungen zu Männern aber waren ihr widerwärtig. Sie faß eine Weile auf der kleinen Bank im Korridor, kehrte dann in die Kanter zurück, gab ihrer Gefährtin feine Antwort und weinte lange über ihr vernichtetes Leben.

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Nach ihrer Rückkehr in den Strankenſaal, in dem acht Kinderbetten standen, begann die Maslowa nach Anweisung einer Schwester Betten umzulegen, Dabei beugte sie sich zu weit über das Bettlaken, glitt aus und wäre beinahe gefallen. Ein am Halse verbundener, in der Genesung begriffener Knabe fah sie an und begann zu lachen, und die Maslowa konnte fich nicht mehr halten, setzte sich auf das Bett und schüttelte sich vor Lachen, und dieses Lachen war so ansteckend, daß einige Kinder ebenfalls zu lachen anfingen, während die Schwester böse auf sie einschrie.

Vierzehntes Kapitel.

In Petersburg hatte Nechljudow vier Aufgaben: erstens das Kassationsgesuch der Maslowa an den Senat; zweitens das Anliegen der Fedosia Biriukowa an die Kommission für Bittgesuche im Auftrage Wjera Bogoduchowskajas; drittens die Klage bei der Gendarmerieverwaltung wegen Befreiung der Schustowa und die Angelegenheit der Mutter mit dem Sohn, die in der Festung gefangen gehalten wurden. worüber ihm dieselbe Wjera Bogoduchowskaja einen Brief geschickt hatte. Die beiden legten Angelegenheiten rechnete er

Was hast Du da zu schnattern? Glaubst wohl, Du bist noch da, wo Du gewesen bist. Geh, hol' das Essen!" Die Maslowa verstumte, nahm das Geschirr und ging, wohin mant sie schickte; aber als sie sich nach dem verbundenen Quaben unjah, dem das Lachen verboten war, prustete sie wieder los. Mehrmals im Laufe des Tages, so bald sie allein blieb, zeg die Maslowa die Photographie ein für eine. wenig aus dem Couvert und liebäugelte mit ihr; aber erst Die vierte Angelegenheit, die er zu besorgen hatte, war abends nach dem Dienst, als sie in dem Zimmer allein war, der Prozeß der Seftierer, die von ihren Familien getrennt wo sie mit der andern Wärterin schlief. zog die Maslowa und nach dem Kaukasus verbannt waren, weil sie das die Photographie ganz aus dem Convert und schaute lange Evangelium gelesen und erläutert hatten. Er hatte weniger unbeweglich jede Einzelheit der Gesichter und Kleider und ihnen als vielmehr sich selbst versprochen, alles zu thun, was Balkonstufen und Sträucher, von deren Grimde feine und ihr zur Aufklärung in dieser Sache dienen könnte. und der Tanten Gesichter sich abhoben, mit strahlenden Blicken an und betrachtete das verblichene, gelb gewordene Bild und fonnte sich, besonders an sich und ihrem jungen hübschen Geficht mit dem rings um die Stirn gelockten Haar gar nicht fatt sehen. Sie war so in Anschauen versunken, daß sie nicht bemerkte, wie ihre Kollegin ins Zimmer trat.

Was ist das? Hat er Dir das gegeben?" fragte die dicke, gutmütige Wärterin und bengte sich über die Photo graphie.

Bist Du das wirklich?" Aber wer denn sonst?" meinte die Maslowva lächelnd und sah ihrer Kollegin ins Gesicht.

Und wer ist das? Er selbst? Und das, ist das seine Mutter?"

Die Tante. Hättest Du mich denn nicht erkannt?" fragte die Maslowa.

Wie sollte ich wohl? Hätte Dich im Leben nicht erkannt. Ein ganz andres Gesicht. Sind doch wohl an die zehn Jahre feitdem vergangen?"

Seit feinem letzten Besuch bei Maslennifow, befonders nach seiner Fahrt aufs Land fühlte Nechljudow mit seinem ganzen Wesen Abneigung gegen diesen Streis, in dem er bis dahin gelebt hatte, gegen den Streis, in dem seiner Meinung nach so sorgsam die Leiden verborgen wurden, die von Millionen Lenten zur Sicherstellung der Bequemlich feit und der Zufriedenheit einer fleinen Anzahl ertragen wurden, und zwar so, daß die Angehörigen dieses Kreises jene Leiden und die Grausamkeit und das Verbrecherische ihres eignen Lebens nicht fahen und nicht sehen konnten. Nechljudow konnte jetzt schon nicht mehr ohne Unbehagen und Selbstvorwürfe mit Leuten dieses Kreises verkehren. Aber dabei zogen ihn die Gepflogenheiten seines verflossenen Lebens, und verwandtschaftliche und freundschaftliche Beziehungen, und namentlich der Umstand in diesen Kreis hinein, daß er, um das zu thun, was ihn jetzt allein beschäftigte, nämlich: der Maslowa und all den Leidenden, die er unterstüßen wollte, zu helfen Hilfe und Förderung von Leuten dieses Kreises erbitten mußte, nicht nur von denen, die er nicht. verehrte, sondern häufig von solchen, die Unzufriedenheit und Verachtung

Nicht Jahre, ein ganzes Leben," sagte die Maslowa, und ihre gauze Lebhaftigkeit war plöglich verschwunden. Ihr in ihm hervorricfen. Gesicht wurde verzagt, und zwischen den Augenbrauen grub fich eine Falte eint.

Was denn, das Leben dort soll ja leicht sein?" " Ja, leicht." wiederholte die Maslowa, bedeckte die Augen und schüttelte den Kopf. Schlimmer als Zwangs

arbeit.".

Warum giebt man es dann aber nicht auf?"

Ju Petersburg angekommen, stieg Nechljudow bei seiner Tante mütterlicherseits, der Gräfin Tscharskaja, der Gemahlin eines Ministers a. D., ab und geriet sofort mitten in die ihm so fremd gewordene aristokratische Gesellschaft hinein. Das war ihm unangenehm; aber er konnte nicht anders handeln. Nicht bei der Tante, sondern im Gasthause absteigen, be­Ideutete für sie eine Beleidigung. Außerdem aber hatte die