Anterhaltungsblatt des Vorwäris

Nr. 113.

[ 3]

Auferstehung.

Donnerstag, den 14. Juni.

( Nachdruck verboten.)

Roman von Leo Tolstoj .

Nechljudow begrüßte die Damen und setzte sich zu ihnen. Er wollte gerade Marietta wegen ihres Leichtsinns Vorwürfe machen, als sie, seinen ernsten und ganz wenig unzufriedenen Gesichtsausdruck wahrnehmend, sofort, um ihm zu ge­fallen gefallen wollte sie ihm von dem Augenblick an, wo sie ihn sah, nicht nur ihren Gesichtsausdruck, sondern ihre ganze Gemütsverfassung veränderte. Sie wurde plötzlich erf, unzufrieden mit ihrem Leben sie suchte, strebte nach eth as und that nicht etwa so, sondern machte sich wirklich die Gemütsverfassung zu eigen- wenn sie auch durch Worte durchaus nicht ausdrücken konnte, worin diese bestand in der Nechljudow sich in diesem Augenblick befand.

-

Sie fragte ihn, wie er seine Angelegenheiten zu Ende gebracht hätte. Er erzählte von seinem Mißerfolg im Senat und seinem Zusammentreffen mit Seljonin.

Ach, diese reine Seele! Der wahre Ritter ohne Furcht und Tadel. Die reine Seele!" gaben beide Damen Seljonin das Epitheton, unter den er in der Gesellschaft bekannt war. Was ist mit seiner Frau?" fragte Nechljudow. Die? Nun, ich will sie nicht verurteilen. Aber sie ver­steht ihn nicht. War denn wirklich auch er für Ablehnung?" fragte fie mit aufrichtigem Mitgefühl. Das ist schrecklich. Wie thut fie mir leid!" fügte sie mit einem Seufzer hinzu.

Er machte ein finstres Gesicht und begann, im Wunsche, das Gespräch zu ändern, von der Schuftowa zu reden, die in der Festung gefangen gehalten und auf ihr Betreiben frei­gelassen worden wäre. Er dankte ihr in Gegenwart ihres Manns für ihre Bemühungen und wollte darüber reden, wie schrecklich der Gedanke sei, daß dieses Mädchen und ihre ganze Familie nur deshalb schwer gelitten hätten, weil niemand an sie dachte; aber sie ließ ihn nicht zu Ende konumen und gab selbst ihrer Unzufriedenheit Ausdruck.

Sprechen Sie mir nicht darüber," sagte sie. Als mein Gatte mir erzählte, daß sie freigelassen werden könnte, da war ich einfach fonfterniert! Warum hat man sie denn im Gefängnis festgehalten, wenn sie unschuldig ist?" Sie wandte gerade den Ausdruck an, den Nechljudow gebranchen wollte.

" Das ist empörend, empörend!"

Die Gräfin Jekaterina Iwanowna sah, daß Marietta mit ihrem Neffen herumukokettierte, und das machte ihr Ver­gnügen.

Weißt Du was?" fagte fie, als jene schwiegen. Komm morgen abend zu Aline. Stiefelvetter ist bei ihr. Und Du tomm auch," wandte sie sich an Marietta.

" 1

-

1900

Bitte, mach mich nicht mit meinen eignen Worten lächerlich."

" Ich denke, zuerst den Brediger und dann die französische Schauspielerin, damit ich nicht jeden Geschmack an der Predigt verliere," sagte Nechljudow.

Nein, Sie beginnen besser mit dem französischen Theater und thun dann hinterher Buße," sagte Marietta.

Wagt es nicht, Euch über mich luftig zu machen. Ein Prediger bleibt immer ein Prediger, und das Theater Theater. Um seine Seele zu retten, braucht man durchaus nicht immer Trübsal zu blasen und fortwährend zu weinen. Man muß mur glauben, dann wird nian fröhlich." Du verstehst besser zu predigen als alle Prediger mit­einander, liebe Tante."

"

Wissen Sie was?" fagte Marietta nach furzem Nach denken. Kommen Sie morgen zu mir in die Roge." " Ich fürchte, ich kann nicht

·

Die Unterhaltung wurde durch einen Lakai unterbrochen, der einen Besucher meldete. Es war der Sekretär einer wohl thätigen Gesellschaft, deren Vorstand die Gräfin bildete.

" Ra, das ist ein langiveiliger Mensch. Ich will ihn lieber dort empfangen. Dann komme ich wieder zu Euch. Set ihm Thee vor, Marietta", sagte die Gräfin und ging mit ihren schnellen, unruhigen Schritten in den Saal.

Marietta zog ihren Handschuh aus und cutblößte eine energische, ziemlich flache Hand, deren Ringfinger mit Ringen bedeckt war.

Wünschen Sie?" sagte sie und griff nach der silbernen Theekanne auf der Spiritusflamme, wobei sie den kleinen Finger sonderbar wegstreďte.

Ihr Gesicht wurde ernst und traurig.

,, Es thut mir immer sehr, sehr weh, zu denken, daß Leute, deren Meinung ich schäße, mich mit den äußeren Um­ständen verwechseln, in denen ich mich befinde."

Sie war dicht davor, bei diesen lezten Worten in Thränen auszubrechen. Und wenn die Worte auch für den, der sie genau untersuchte, gar keinen oder einen sehr unbestimmten Sinn hatten, erschienen sie Nechljudow doch als ungewöhnlich tief, aufrichtig und gütig so sehr zog ihn dieser Blick der glänzenden Augen, der die Worte der jungen, hübschen und gut gekleideten Frau begleitete, an.

-

Augen nicht von ihrem Gesicht losreißen. Nechljudow schaute sie schweigend an und konnte die

"

Sie denken, ich verstehe Sie nicht und alles das, was in Ihnen vorgeht? Ist doch das, was Sie gethan, aller Welt bekannt. Es ist ein öffentliches Geheimnis. Ich bin hingerissen davon und billige hr Thun vollkommen."

,, Dazu ist aber wirklich kein Grund vorhanden; ich habe noch so wenig ausgerichtet."

Er hat Dich wohl bemerkt," sagte sie auf französisch zu Das ist ganz einerlei. Ich verstehe Ihre Gefühle und ihrem Neffen. Er meinte mir gegenüber, daß alles, was Du berstehe auch jene gut, gut, ich werde nicht darüber fagtest ich habe es ihm erzählt, ein gutes Anzeichen reden", unterbrach sie sich selbst, da fie Unzufriedenheit in wäre, und daß Du sicher zu Christus kommen würdest. Geh' seinem Gesicht bemerfte; aber ich verstehe außerdem auch, auf jeden Fall hin. Sag' es ihm, daß er kommt, Marietta. daß Sie nach dem Anblick all der Leiden, all der Schrecklich­Und komme selbst auch." feiten, die im Gefängnis vor sich gehen", sagte Marietta in dem Erstens, Gräfin, habe ich keinerlei Recht, dem Fürsten nur Wunsche, ihn an an sich heranzuziehen, etwas zu fagen," begann Marietta mit einem Blick auf wobei sie mit ihrem weiblichen Instinkt alles erriet, Sie Nechljudow und stellte durch diesen Blick gewissermaßen voll was für ihn wichtig und teuer war: ständige Nebereinstimmung zwischen ihm und ich in wollen Leuten helfen, die leiden, schrecklich unter der Bezug auf die Worte der Gräfin und überhaupt auf den Gleichgültigkeit und Grausamkeit der Menschen leiden... Evangeliumglauben fest, und zweitens liebe ich es nicht, wie Ich verstehe, wie man dafür sein Leben hingeben kann, und Du weißt. würde es selbst dafür hingeben. Aber jeder hat nun einmal sein bestimmtes Los..."

" Ja, Du machst doch immer alles umgekehrt, nach Deinem eignen Kopf."

"

-

-

Sind Sie etwa mit dem Ihrigen nicht zufrieden?" Wieso nach meinem Kopf? Ich habe einen Glauben" Ich?" fragte sie, gleichsamt von Erstaunen überwältigt, wie die allereinfachste Frau," sagte sie lächelnd. Und daß man danach fragen könne. Ich muß zufrieden sein- drittens," fuhr sie fort, fahre ich morgen ins französische und bin zufrieden. Aber hier drinnen sitt ein Wurm, der Theater. bisweilen erwacht..."

ge=

Ach! Hast Du die... mun, wie heißt sie noch sehen?" sagte die Gräfin Jekaterina Iwanowna. Marietta ergänzte den Namen der berühmten französischen Schauspielerin.

" Fahr auf alle Fälle hin; sie ist wunderbar. Wen soll ich denn zuerst sehen, liebe Tante, die Schau­spielerin oder den Brediger?" fragte Nechljudow lächelnd.

Und den man nicht wieder zur Ruhe kommen lassen. darf! Man muß dieser Stimme glauben," sagte Nechljudow, der ihrem Betrug vollständig unterlag.

Später dachte Rechljudow oft voll Scham an seine ganze Unterhaltung mit ihr zurück, dachte an ihre weniger lügen. haften, als ihm zu Gefallen gesprochenen Worte und den Gesichtsausdruck einer Art gerührter Aufmerksamkeit, mit der