Anterhaltungsblatt des Vorwärts
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Freitag, den 17. Auguſt.
( Nachdruck verboten.)
Die Fanfare.*
Noman von Friz Mauthner. Richard hatte nicht viel Zeit zu seinen wachen Träumen. Leontine zog ihn immer wieder ins Gespräch und stellte ihn immer wieder vor, wobei sie sich darin gefiel, herzliche Bezichungen zwischen sich und dem jungen Manne ahnen zu Lassen. Umsonst berief sich Richard darauf, daß ihm der Sinn für die bildende Kunst mangle, daß er wenigstens sicherlich ausstellungsblind sei, umsonst wappnete er sich gegen die vielen neuen Bekanntschaften mit kühler, ja unfreundlicher Haltung, er wurde am Ende doch in das allgemeine Geschwät hineingezogen.
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,, Aber das mag das Verdienst des Modells sein," fügte er hinzu; wenn ich nur wüßte, wer ihn gesessen hat. Ich kenne doch sonst alle besseren Berliner Modelle seit dreißig Jahren so genau wie die Tänzerinnen der Hofoper. Na, vielleicht kennt es ein andrer der Herren. Es hängt nebenan in der elektrischen Koje."
Diesmal wagte sogar Pinkus, fein Wort dazwischen zu
rufen:
Sie soll zum erstenmal gesessen haben; alter Adel, armer Adel, Gott erbarm!"
Mit Ausnahme von Richard lachte oder lächelte alles. Noch für einige Minuten drängte die lärmende Schar den Grafen Trienik von dem kleinen Fritz Werner fort, dann bog man geräuschvoll um eine der verstellbaren Wände in einen kleinen Raum ein, der sein grelles Licht von einer elektrischen Lampe erhielt.
Leontines glückliches Aussehen kam wesentlich von dem stolzen Gefühle, heute zum erstenmal als junge, schöne, reiche Witwe, frei und geachtet, bewundert und unabhängig Richard ließ die übrigen vorangehen und hatte Lust, den unter den Menschen zu erscheinen, die ihr das Empor- Raum gar nicht zu betreten. Schon hörte er durch das kommen so schwer gemacht hatten. Heute zum erstenmal Scharren der Füße und Rauschen der Frauenkleider einige genoß sie die reine Freude über den Tod des alten Pitersen; Ahs der Bewunderung.
Er war
noch nie war sie so siegesbewußt gewesen. Und wie es ihr ,, Bitte, nach Ihnen," sagte da der Kunsthändler zu ihm, cben jegt gelingen wird, ihren Richard Mettmann plöglich, und er mußte, wollte er nicht auffallen, vortreten. ohne ein Wort zu sprechen, für immer von dem Mädchen zu auch völlig geblendet und fah im ersten Augenblick nur trennen, das sie haßte, weil er es geliebt hatte, so schien ihr goldene Rahmen und farbige Tupfen in einem Wirbel von die Zukunft nach allen ihren Erfolgen so gewiß wie ihre verlegendem Lichte. Schönheit.
Mit ruhiger Freundlichkeit, im Stile ihrer Trauerkleidung, plauderte sie mit aller Welt; ohne Geist, ohne Beschränktheit, spielte sie das unendliche Spiel des geselligen Fragens und Mutwortens. Wäre ihr Mund weniger fein geschnitten gewesen, hätte ihre Sprache nicht den melancholischen Wohllaut gehabt, man hätte den Worten vielleicht angehört, daß sie fast inimer gedankenlos zurücktönten.
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Plöglich sah er's. Er mußte die Augen schließen, um nicht umzusinken, um nicht aufzuschreien, um nicht vorzustürzen, das Bild von der Wand zu reißen und den schweren Rahmen als Waffe zu schivingen gegen all die lächelnden Gesichter, die hinstarrten.
" Sie sehen wie ein Toter aus, Herr Mettmann ," flüsterte der Kunsthändler neben ihm. Ja, das elektrische Licht hat seine Schattenseiten. Verzeihen Sie das Witchen. Es ist recht, zuerst die Augen zu schließen. Sie sind ein feiner Kenner."
Ich danke Ihnen das Leben stellt seine Ansprüche ich führe mur den letzten Willen des Verstorbenen aus, wenn ich mein Haus den Künsten auch nach seinem Tode nicht ver- Langsam blickte Richard wieder auf. Johanna! Wenn schließe. Schen Sie doch, lieber Mann, diesen köstlichen Knaus jemand sie erkannt hatte, wenn jemand ihren Namen nannte, „ Die Sehnsucht" von Disselhof? Ich mag den Maler so mußte er etwas Entsehliches thun, und wäre es die schöne nicht, er ist mir zu frivol. Ich werde das Bild schon sehen Leontine selber gewesen, die dem Gemälde am nächsten stand müssen. Aber wir haben kein Eile, nicht wahr, lieber und jetzt mit feiner Miene den Kopf wiegte. Mettmann ? Ein Mißerfolg? Gottlob Tragödien sollten Aber niemand nannte den Namen. Man hörte zu, wie immer durchfallen." der alte Kritiker und ein junger Maler von der naturalistischen Schule über Disselhof stritten.
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Als Graf Trieniß die schöne Leontine erkannte, näherte cr sich ihr rasch mit seinem schwerfälligsten Tänzeln und plauderte mit ihr etwa zehn Minuten über das Wetter und über seine Sommerreise, als hätte er sie nicht erst gestern gesprochen. Dann machte er ihr und ihrer Gesellschaft eine carmante Ver bengung und zeigte deutlich, daß er nicht gestört sein wollte, wie er auch die andern ihrer Art des Kunst genusjes überließ.
Die„ Sehnsucht" stellte in der füßlichen Art des Meisters, der aber diesmal in der That, sein Bestes geleistet hatte, das Profil eines Mädchenkopfs dar, der aus herrlichen braunen Augen irgend einen unausgesprochenen Wunsch in die Welt hinauszusenden schien. Das Disselhofsche Kunststück bestand diesmal darin, daß der Kopf mit seiner feinen, bräunlichen Farbe sich dunkel von einem offenen, sonnenüberfluteten Mit Lcontine und Richard drängte sich jetzt eine Gruppe Fenster abhob. Die Fensterbrüstung schnitt den Hals durch, von zehn Personen von Bild zu Bild. Der alte Kunstkritiker und mun stach wieder von der dunkelbraunen Tapete das hatte sich angeschlossen, dicht hinter ihm hielt sich, mit einem grell weiße Hemd des Mädchens ab, das vorn kaum merklich Notizbuch in der linken und einen goldenen Taschenbleistift geöffnet, mir eine Ahnung des Busens schauen ließ. Mit in der rechten Hand, Herr Pinkus. Er hatte alle Recensenten einem roten Atlasmieder, von dem kaum eine Handbreit ,, lieber Herr Stollege" angesprochen, hatte den Versuch ge- gemalt war, schloß die Figur ab. Auch von den Armen war macht, Leontine Pitersen und Richard Mettmann vertraulich nicht viel ausgeführt. zu begrüßen, überall war er abgefallen. Aber er wich nicht von der Stelle. Die laut gesprochenen Urteile des alten Kritikers, die er rasch für seinen Gebrauch notierte, waren ihm zu wertvoll.
Richard wurde von Leontine geschickt gezwungen, in dem Schivarm neben ihr weiter zu gehen.
Er war wirklich ausstellungsblind. Als würde den Gemälden durch die vielen neugierigen Augen etivas von ihrem Farbenglanze genommen, so verblaßt schauten sie ihn an. Auch von den Reden, die einander frenzten wie Meeres wellen beim Umschlagen des Winds, vernahm er nicht viel. Immer nur, wenn der Name Diffelhof an sein Ohr schlug, ärgerte ihn etwas. Sein Bild gefiel der Menge offenbar am besten; überall war davon die Rede. Nur der gräfliche Kenner und Käufer war, ohne stehen zu bleiben, daran vorübergegangen, hieß es. Er will den Preis drücken," sagten die Männer der reichgekleideten Frauen. Auch der alte Kritifer riet dazu, jest Disselhofs Sehnsucht" anzusehen, und lobte die feine Linie des Kopfes.
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Richard hatte sich auf den überflüssigen Stuhl nieder. gelassen, den das Gedränge der Besucher langsam nach hinten vor ein Architekturbild geschoben hatte. Als hätte ihn die Todesnachricht von seinem Liebsten plößlich getroffen, so hoffnungslos saß er da. Er mußte an sich halten, das fühlte er wohl, er durfte nichts thun. Er durfte nicht der erste sein, der den Namen des armen, armen Mädchens öffentlich ausrief. Wenn Johanna in der Gesellschaft verkehrt hätte, man hätte sie auf den ersten Blick erkannt. Die Aehnlichkeit war zu tren, zu gut, zu schön.
Vor dem Bilde stritt man noch immer. Der alte Kritiker rühmte die Mache, während er dabei die Linien des Mädchenkopfes mit seinem Zeigefinger in der Luft nach30g. Er lobte die Simmlichkeit des Werkes, das doch keinen frivolen Zug hätte. Wie keusch wäre das Hemd bis oben geschlossen! atte
Wenn das nicht frivol ist, so will ich Disselhof heißen!" rief der junge Naturalist, der sich immer mehr gegen den Maler creiferte. Es ist gemein! Gemein sind die Lichteffekte