Anterhaltungsblatt des Vorwärts

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Die Fanfare.

sibijalg

Sonntag, den 19. August

( Nachdrud verboten.)

Roman von Fris Mauthner.

Der Abschied war kurz und leicht. Bode wollte recht vergnügt erscheinen, um das gute Weib un so sicherer zu foppen, Stäthe zivang ihre Thränen nieder, um ihrem Manne die Freude nicht zu trüben; und so sette es bloß im letzten Augenblick einige Thränchen, als der Redacteur von der Droschke aus eine Kußhand nach der kleinen Baracke warf und Käthe, die hilflos in der Thür stehen geblieben war, über sich aus der Fabrik Disselhofs ein lautes, ernſtes, von Alt und Baß gerufenes Auf frohes Wiedersehen!" vernahm. Bode hatte feine Käthe den beiden Malerinnen, dem alten Fräulein Betty und der schönen Johanna, aufs an gelegentlichste empfohlen, ihnen seinen Plan anvertraut und ihnen sowie schon früher allen Herren der Redaktion - das Versprechen abgenommen, daß sie die arme Frau über den wirklichen Aufenthalt ihres armen Gatten nicht aufflärten.

Nun gab er dem Kutscher, der eruſtlich nach dem Bahn hof fahren wollte, Gegenbefehl und ließ vor dem Hause des Profeffors halten. Mit diesem hatte er die Hauptsache zu verabreden. Der gefällige Mann follte unter einer bestimmten Adreffe Käthes Briefe in Empfang nehmen und fie an Bode nach Plötzenfee zurück befördern; ebenso sollte er Bodes Briefe, die der Redacteur mit allem Fleiß so einzurichten ge­dachte, als schriebe er sie aus dem Süden, mit italienischen Marken versehen, und wo er gerade war, zur Post geben. Kopfschüttelnd erklärte sich der Professor zu allem bereit, und der arme Bode konnte seine Fahrt nach dent Gefängnis fortsetzen.

Schon in der nächsten Nummer der Fanfare" erschien nun der erste ästhetische Beitrag des Herrn Pinkus, seine Plauderei über die Eröffnung der Winterausstellung.

Die Sprache dieser Arbeit erregte einige Heiterfeit unter den neuen Kollegen des Verfassers; vielen Lesern gefiel sie dennoch, weil Pinkus mit unschuldiger Unverschämtheit allerlei Geheimnisse jeder Malerwerkstatt ansplauderte. Der alte Stritiker hatte an dem Tage der Eröffnung im Gespräch eine Menge Geschichten zum besten gegeben, die man nicht nieder­fchreibt; Pintus fchrieb sie nieder.

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1900

siegte, und mit den jugendlichen Leiden seines Sohns hatte er fein Mitleid.

Die Verurteilung des Doctor Bode erivies sich in un­geahnter Weise als ein Glücksfall für das Blatt. Nicht nur, daß der Gefangene jeßt givei bis dreimal wöchentlich seinen vortreff­lichen Leitartikel schrieb, nicht nur, daß dem Einflusse des Herrn Pinkus kein Widerspruch mehr entgegenstand, wichtiger war es, daß die Ehrenhaftigkeit des Doktor Bode und die ver­blüffende Härte seiner Strafe die Teilnahme aller Journalisten erivedten. In den besseren und besten Blättern wurde der Fall Bode vielfach besprochen und dabei die Zeitung, Fanfare" zum erstenmal ohne Mißachtung erivähnt.

Auch in den geschäftlichen Ziffern wurde dieser Erfolg fühlbar. Zwar die Abonnentenzahl nahm nur in ganz un­merklicher Weise zu, aber schon die leise Besserung der öffent­lichen Meinung war die Grundlage für einen größeren Ge­winu. Die Jusereuten näherten sich freiwillig dem Blatte, das ihnen bisher schamlos und rücksichtslos nachgelaufen war. Visher war das Haffner- Bier mit seinen feitengroßen Inseraten die alleinige Stüße des Blattes gewesen. Und Mettmann wußte, wie gefährlich diese Verbindung war. Zum Dank für die großen Summen wurde das Bier täglich in der Fanfare empfohlen; es wurde im lokalen Teil ernst­haft, im Feuilleton iuftig angepriesen. Und sogar in manchem voltswirtschaftlichen Leitartikel tauchte plöglich der Weltruhm des Haffner Biers als Beweisstück für den Schreiber auf, wenn nicht gar angeblich der Reichskanzler selbst das Bier trinken mußte. Die Lächerlichkeit, unter deren Gefahren die Fanfare begonnen hatte, stammte von den Haffnerschen Jujeraten.

Und nun, seitdent Doktor Bode in Plößensee saß, tamen die Aufträge langsam von selber, ohne daß Mettmann darum versteckte Drohungen auszuüben und selber das Gefängnis zu streifen brauchte. Freilich waren es vorerst gerade die zwei­deutigen Stunstinstitute, die gefährdeten Banken und die schwindel­haften Kaufhandlungen, welche sich um die Freundschaft des aufstrebenden Blatts bewarben, aber Herr Mettmann wußte diese Kunden besonders zu schäßen.

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Mettmann durfte lachen. Er lachte um so vergnügter, als er seine wachsende Macht jetzt für seinen einzigen Sohn geltend machen konnte.

Mit eineni entschlossenen Ruck versuchte er diese Strömung auszubeuten; und in Reklamen machte er das in Reklamen erworbene Geld wieder flüssig. Kein Berliner konnte mehr ausblicken, ohne in großen Lettern zu lesen, lesen, daß die Fanfare" die pikanteſte und gediegenfte Lektüre von Hoch und Nieder sei. Auf den Anschlagsäulen war es auf­In der gemischten Gesellschaft, welche die Fanfare hielt geklebt, in die Fensterscheiben der der Pferdebahnwagen und las, wurde besonders die Stelle über Disselhofs Bild war es eingebrannt, auf den Theaterzetteln war es auf­beachtet: gedruckt, au allen Straßenecken würde es verteilt, um Die Perle der Ausstellung war am ersten Tage die Mitternacht wurde es in Extrablättern ausgeschrien, auf den Sehnsucht" unfres Diffelhof; sie wird die Sehnsucht von Höfen wurde es in den neuesten Gassenhauern gejungen, in Berlin werden, denn Perlen bedeuten Thränen, ich meine die den Possen wurde es in einen Kalauer eingewickelt und in Thränen der Millionen, welche hinkommen und das Bild den Lüften stand es auf biten Gasballons zu lesen: Die nicht mehr an seinem Plake finden werden. Das Bild war Fanfare" ist die pikanteste und gediegenfte Lektüre für Hoch dieser ganzen Millionen, wert und ist doch gleich am ersten und Nieder." Lage für sechstausendundfünfhundert Martja, das ist eine Geschichte, die wir unsren Lesern nicht erzählen dürfen. Die Sensation der Sehnsucht" beruhte weniger auf den tiefen Linten des Fleisches und der pastosen Behandlung des Korsetts Richard hatte sich's zwar ernstlich verbeten, im Blatte als auf dem Geheimnisse des Modells. Man muntelt von seines Vaters zu einem falschen Ruhme emporgehoben zu werden, einer armen Schönheit von Adel, deren reiche Verwandte das aber er konnte nichts dagegen haben, wenn die unabhängigen Porträt ihrer schönsten Namensgenoffin so schnell sequestriert Beitungen seine Oper jetzt freundlich ankündigten. Der Komponist, haben. Trotzdem wird jeder Berliner und jeder Fremde die der mit der Ochestrierung feines Werkes beinahe zu Ende Winterausstellung besuchen müssen, denn Disselhofs Sehn- war und nun öfter Zeit fand, Leontine aufzusuchen, ivenn fucht" war dort nur die Perle, der eigentliche Diamant der er auch sonst noch immer für niemand zu sprechen war,- ganzen brillanten Ausstellung ist" und so weiter. freute sich ehrlich über solche Zeitungsnotizen, die er ab und Niemand las dieses Zeug mit größerem Vergnügen als zu bei seiner schönen Freundin liegen fand. Er wußte nicht, der Verleger Mettmann . Er fühlte recht, was es heißt, daß sein eigner Vater sie täglich in allen Blättern suchte und eine verliebte Frau zur Verbündeten zu haben. Er war selbst zu Frau Pitersen besorgte; er sah nur die Neigung der sich doch bewußt, einen Schlag gegen seine Gegner unerbittlich herrlichen Frau auch in dieser Aufmerksamkeit. Und nicht nur zu führen. Wie er eben jetzt den widerspenstigen Doktor Bode feiner Eitelkeit wurde geschmeichelt, wenn er seinen Namen in ins Gefängnis gebracht hatte, nur um ihn für sein Blatt nüß- Verbindung mit den großen künstlerischen Zierden der Sommer­licher zu machen, das war eine ganz achtbare Diplomaten- oper genannt fah. Es war ja auch der Name feines Vaters, Leistung; aber wie grob war sein Spiel gegen den Meister und auch dieser wurde jetzt oft ganz achtungsvoll genannt. zug, mit welchem die Witwe Pitersen das adlige Fräulein Richard hatte sich ohne Zweifel durch den cynischen Bode für immer aus Richards Vorstellung gerissen hatte. Sie hatte in eine gefährliche Stimmung hineinschwagen lassen. Sein es sich selbst zu Gefallen gethan, das wußte Mettmann Vater war ein Geschäftsmann wie ein andrer, und die Menschen ganz wohl. Aber ihm war es eben recht, wenn diese Frau waren alle so gut. Wenn ihm dieser Bode und wenn ihm

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