Unterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 163.
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Die Fanfare.
Freitag, den 24. August.
( Nachdrud verboten.)
Roman von Frit Mauthner.
X.
Richard verbrachte die beiden Feiertage mit Besuchen und wiederholten Proben zum großen Quintett. Aber im Hinter grunde aller Thätigkeit lauerte ein Gedanke, der ihn immer wieder überfiel, so oft er einen Augenblick allein war. wurde nicht frei, so lange das freche Bild Johannas auf der Welt war. Er mußte es vernichten, so oder so. In der Nacht vor der Probe Aufführung seiner Oper hatte er die Kiste, ohne sie zu öffnen, verbrennen wollen. Er vermochte es nicht. Er redete sich ein, er dürfe ein Kunstwert nicht zer stören.
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1900
wurde, ist selbstverständlich kein gewöhnliches Modell. Armer Adel, aber anständig. Das Hemd und das Korsett ist aus meiner Phantasie. Eine Sauerei! Nicht wahr. Sie wünschen ein gewöhnliches Hauskleid darüber gemalt?"
Disselhof hatte das Bild hervorgelangt und kratte mit den Fingernägeln ärgerlich an der roten und weißen Farbe herum. Ganz in der Tiefe seiner Seele frente sich etwas über den Auftrag Richards, aber vor allem mußte die Sache Geld einbringen.
Richard stand errötend vor dem Maler.
,, Sie haben nteineit Wunsch erraten", sagte er stockend, das Kleid muß ja nicht gleich bis an die Ohren reichen." Und mit plöglich hervorbrechender Leidenschaft rief er:„ Das Bild ist eine Beleidigung... Nein, Verzeihung, Herr Diffelhof, ich bitte Sie, übermalen Sie die Gewandung."
Disselhof nickte mit dem Stopf.
,, Eine Sauerei, habe ich ja selbst gesagt. Hören Sie, lieber Mettmann , wollen Sie sich's noch tausend Mark kosten lassen, dieser armen jungen Dante ein Kleid zu schaffen, in welchem sie sich sehen lassen kann?"
Das Blut stieg Richard zu Kopf, als er rief: ,, Gern! Ist das Geschäft abgemacht?"
,, Abgemacht, Sie Verschwender," sagte Diffelhof, während
Am Morgen des dritten Feiertags er wollte sich für die Probe- Aufführung bei Leontine einen freien Kopf schaffen faßte er einen raschen Entschluß. Er schrieb an Disselhof, daß der Besizer Ser„ Sehnsucht" mit dem Maler wegen eines Auftrags sofort zu sprechen wünsche. Gegen zwei Uhr ließ sich Disselhof bei Richard Mettmann melden. Seltsam stach sein Landknechtskopf von der tadellosen, hente fast geckenhaften Kleidung ab. Und unter der genialen er das Bild wieder in die Kiste legte und die abgebrochenen Künstlertolle blickten die kleinen Kaufmannsaugen flüger als Teile des Deckels mit dem Aschenbecher zuhämmerte.„ Das je hervor. Geld wird schnell zu verdienen sein, das Modell steht mir „ Sie sind es also gewesen, der dem ruppigen Kerl meine jederzeit zur Verfügung. Sie hat gerade au, was ich brauchen ..Sehnsucht" abgekauft hat? Das A... hat fast die ganze fann: dunkelbranne Wolle mit blanken Knöpfen, es wird sich Vinfe eingesteckt. Na, Sie wollen wahrscheinlich zivei so'ne hier unten im Schatten gegen den Ton des Gesichts vor Mordstücker haben. Pendant nachbestellen? Leicht wird's züglich machen. Ich lasse die Kiste noch heute abholen." nicht sein. Solche Modelle findet man nicht auf der Straße." Richard konnte sich nicht entschließen, sofort seinen Wunsch auszusprechen. Der Maler sollte weiter plaudern, vielleicht entschlüpfte ihm ein Wort über Johanna. Ricard schämte sich seiner Rolle, aber er konnte die Gelegenheit nicht unbenützt lassen.
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„ Es muß wohl schwer sein, gute Modelle zu finden," sagte er zögernd. Sie rauchen doch?"
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Als Richard allein war, überkam ihit ein beklemmendes Gefühl. Gewaltsam hatte er sich von dem Zauber Johannas losgerissen um ihrer Schande willen. Und was war von dieser Schande noch übrig? War Johanna verantwortlich für die Roheit eines geldgierigen Malers?
„ Armer Adel, aber anständig!" hatte Disselhof gesagt. Freilich auch: das Modell steht mir jederzeit zur Ver fügung". Solches Kraut sonst nicht, lieber Mettmann . Ja, die Als der alte Mettmann nach Hause kam, fand er feinen Modelle, das ist ein efliges Stapitel! Die Luders, die auf Sohn nicht in der erwünschten Stimmung. Er hatte es eilig. den Markt zu haben sind, haben keinen Zoll gesundes Bevor er sich wieder zurückzog, empfahl er dem Sohne Fleisch und Gesichter wie die Meerschweine. Es geht uns Pünktlichkeit und übergab ihm einige Briefe unter der Chiffre Künstlern wie Euch jungen Herren. Wer was Apartes zum L. R., die sich während der Feiertage in der Expedition an Rnacken haben will, muß es mühselig selber aufsuchen. Und gesammelt hatten. Vor dem Feste waren schon gegen fünfzig dann! Fürs Gesicht und für die Arme ist zur Not noch ein Angebote eingelaufen und Richard hatte nicht ohne Wehmut mal ein anständiges Frauenzimmer zu haben, aber wo in all das Elend geblickt, das sich zur traurigen Arbeit des sollen wir das übrige Fleisch hernehmen? Die Puppen thun Notenschreibens meldete. Nun nahm er, fast gleichgültig durch ja, als wollten wir sie spicßen. Nud wennt sie es auch her feinen eignen Kunaner, die Nachzügler vor und öffnete ein gäben, es ist nichts. Es giebt keine schöne Brust mehr, in Schreiben nach dem andren. Da meldete sich in trockenem Europa gewiß nicht, in Berlin wenigstens nicht den Kanzleistil ein Schullehrer zur Arbeit, dort bettelte cine alte schönen Frauenleib hat nicht Gott geschaffen, sondern ein Sängerin, deren Namen cinst alle Welt gekannt hatte, um Maler." das Brot. Als er den dritten Brief öffnete, starrten ihm die Buchstaben L. R. widerwärtig entgegen. Es war doch schamlos vom Vater gewesen, diese Chiffre zu wählen und schamlos von ihm, daß er nicht widersprochen hatte. Verstimmt schlug er das Blatt auseinander.
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„ Das ist wohl auch der Grund, weshalb Sie Ihre Figuren immer bekleiden?"
..Notdürftig, lieber Mettmann , notdürftig! Kleider bis an die Ohren hinauf will das Publikum nicht haben, und Balltoiletten, die zu viel und zu wenig zeigen, sind scheußlich. Ein Kenner wie sie hat am liebsten ein offenes Hemdchen, hinter dem er sich alles viel schöner denken kann, als er es verdient. Wo hängt oder steht meine Kleckserei eigentlich? Richard wurde verlegen.
,, Sie haben mich nicht zu Worte kommen lassen," sagte cr. Ihr Bild liegt noch in der Kiste. Ich finde den Stopf entzückend, die Bekleidung jedoch nicht... nicht nach der Natur gemalt."
Und Richard holte die Kiste, unter dem Schreibtisch hervor. Disselhof blinzelte ihm nach. Was war das? Dieser junge Maun nahm ein eigentümliches Juteresse an dem Bilde. Unflar dämmerte es dem Maler auf, daß der alte Mettmann seine eignen Pläne verfolgt hatte, als er ihm so schlau das schöne Modell verschaffte. Das mußte Geld einbringen.
„ Sie haben eine feine Nase," sagte er, während er die Riste rasch aus Richards Händen nahm und mit einem bronzenen Aschenbecher, den er als Stemmeisen benutzte, den Deckel losbrach. Die Dame, nach der dies Bild gemalt
Blöglich schrie er laut auf und schlug die Hände vors
Gesicht.
Er hatte nur die Unterschrift gelesen. Das Blatt enthielt wenige Zeilen.
,, Ew. Wohlgeboren erlaube ich mir auf Ihre Annonce meine Dienste anzubieten. Für alle schriftlichen Arbeiten, auch für das Notenschreiben stehen mir gute Zeugnisse aus den letzten Jahren zur Seite. Ich habe zwar einige Stunden des Tags durch andre Arbeiten beseßt, werde mich aber bemühen, Ew. Wohlgeboren durch Sauberkeit und Schnelligkeit der Abschrift zufrieden zu stellen.
Ergebenst
J. v. Habenow. Berlin W., Alvenslebenstraße 23 a, 2 Treppen." Lange faß Richard in seinem Schmerz versunken un beweglich da. Dann sprang er plöglich auf und schloß den Brief ängstlich in seinem Schreibtisch ein. Er war froh, daß er diese Zeilen nicht mehr zu sehen brauchte, die ihn anklagten, ihn und das Schicksal.
Doch ihn ungerecht! Das war die leibhaftige Not, die