Nnlerhaltungsblatl des Worwärts N?. 165. Dienstag, den 25 August 1900 (Nachdruck verböte«.) LS) Die Fttnkaeo. Roman von Fritz Mauthner . Da alle Chöre und alle dramatischen Masienanstritte weggelassen werden mußten, war eine kurze, verbindende Er- klärung der Handlung nötig. Als Richard sich außer stände erklärte, etwas Zusammenhängendes zu sprechen, war Leontine bescheiden dazu bereit. Sie nannte zuerst Nanten der Oper und dann die einzelnen Personen. Fata Morgana war eine böse Fee und eifersüchtig auf den Prinzen Rustan. Deshalb vertvandelte sie im Verlauf der Handlung seine Geliebte, die Sultanstochter Selma, in alle möglichen Dinge: im ersten Akt erschien Selma zu einer Palme verzaubert, und mit dem Älagednett zwischen Rustan und der Palme begann die Oper. Ein rauschender Beifall folgte. Nur Doktor Hinzmann und Iakubowski blieben ruhig abwartend. Nach einem großen Ensemblesatz, den auf der Bühne die Gespielinnen Selmas als lebende Blumen mit ihrer Gebieterin aufführen mußten, und nach einem Doppelchor, wenn sich die unsichtbaren Geister der Fata Morgana hinzu- gesellten, kam dann die zweite Nummer der heutigen Probe, das Duett zwischen der armen Palme und der bösen Fee. Hierauf verpflichtete sich Rustan in einem langen Recitativ, das wieder fortblieb, für die Entzauberung Selmas dem alten Sultan zehn Jahre als Knecht zu dienen, insbesondere als Knappe bei der Amazonenkönigin auszuharren, welche natür- lieh die Fee Morgana war. Mitten in einem großen Amazonenmarsch bildete endlich ein Koloratursatz. das Triumph- lied der Fee, den Schluß des ersten Aktes. Der Beifall ließ nach der zweiten und dritten Nummer nicht nach. Nur in der ersten Reihe wagten die Damen es nicht, früher als die beiden Kenner zu klatschen, als Doktor Hinzramm und Jakubowski, die unbeweglich dasaßen. Ohne Unterbrechung ging die Probe-Aufführung weiter. Der zweite Akt zeigte Rustan im Heerlager der Amazonen- königin, die mit glühender Leidenschaft die Sinne ihres Knappen zu fesseln sucht. Selma war jetzt ans besonderer Bosheit in einen Felsen verwandelt, der dem Zelte der Königin gegenüberstand und die halben Treulosigkeiten» sowie die Gewissensqualen des Geliebten mit ansehen muß. Auf der Bühne sollte im letzten Augenblick, da Rustan sich der Fee Fata Morgana zu Füßen gestürzt hat, hinter dem Felsen, wie ein Phantom Selnias Gestalt erscheinen und in einem cchoartigen Duett zwischen dem Liebespaar die böse Fee um ihren Sieg gebracht werden. Der Beifall ließ nicht eigentlich nach. In den rückwärtigen Reihen wurde absichtlich immer lauter geklatscht, der alte Mettmann selbst schonte seine Hände nicht. Auch die aus- führenden Künstler stimmten lebhaft in den Beifall ein. Doch die Kälte der beiden Kenner hatte auch die zweite Reihe ver- ftununen gemacht, und ein leiser Druck begann aus die Gäste niederzusinken. Nach dem Echo-Dnett entstand vor dem losbrechenden Applaus eine kleine Stille, und man hörte Doktor Hinzmann „dünner Gluck" flüstern und Jakubowski sich räuspern. Vom dritten Akt hatten alle Sänger das beste erwartet, da wurde die Handlung lebhaft. Am letzten Tag der zehn Jahre sollte Selma vernichtet werden. Sie war in den großen Spiegel der Amazonenkönigin verwandelt, Rustan sollte den letzten Befehl ausführen und den Spiegel mit seinem Schwert zertrümmern. Dreimal hob er den Arm, und dremial erschien in: Glase die Gestalt der Geliebten. Fata Morgana trat endlich vor und erklärte in einer Rache-Arie ihre ganze Ruchlosigkeit. Nach dieser Nummer lärmten die beiden letzten Bänke allein. Nun mußte die oberste Feenbeherrscherin erscheinen, die Macht der Fata Morgana brechen, der vielgeprüften Selma ihre menschliche Gestalt wiedergeben und die Liebenden ver- einen. Mit dem großen Quintett zwischen dem Liebespaar, der Fata Morgana, der Feenbeherrscherin und dem alten Sultan schloß der Abend. In der Partitur folgte noch ein schwieriger Chor der Amazonen, der Gespielinnen, der guten und der bösen Geister. Als der letzte Ton des Quintetts verklungen war, folgte zuerst lautlose Stille, dann gab Jakubowski das Zeichen» indem er freundlich einigemal die Hände zusammenschlug, und im ganzen Saal vereinigte man sich zu einem lebhaften, aber kurzen Händeklatschen. Die Hausfrau erhob sich, sie reichte Richard beide Hände, wie sie sich das vorgenommen und vorgestellt hatte, und dankte ihm für den einzigen Genuß. „Auf der Bühne wird das alles noch ganz anders wirken." Von allen Seiten drängte man hinzu. Das erlösende Wort war gesprochen. „Auf der Bühne wird das alles noch ganz anders wirken I" riefen durcheinander die Künstler, denen ihre Partien gut lagen, und die das Werk deshalb ungemein lieb ge- Wonnen hatten. Und sie schleuderten herausfordernde Blicke auf die beiden Kenner, die gewiß aus Neid ihre Bewunde- rung zurückhielten. Von rückwärts drängte sich der alte Mett- mann durch, klopste seinem Sohne auf die Schulter und rief überlaut: „Du wirst sehen, wie das ans der Bühne wirken wird. Wenn zweitausend Menschen Dich herausrufen werden, wird es auf zwei nicht ankommen, die es Dir nicht gönnen." Und er warf einen fragenden Blick auf Leontine. Zwei Diener warteten an der Thür. Auf das Zeichen Leontinens sollten sie das Lorbeerbäumchen hineintragen. Die Hausftau überlegte eine Welle, dann schüttelte sie leise den Kopf. Sie gab das Zeichen nicht. Ruhig wandte sie sich an Jakubowski: u „DaS Werk hat Ihnen sicherlich ebenso gefallen wie unS allen, aber ein Musikgelehrter wie Sie weiß gewiß bessere Worte des Lobes zu finden." Jakubowski murmelte ohne Verlegenheit etwas von ehrlicher Musik, einfacher Harmonie, lobenswertem Mangel an Effekthascherei. Dann sagte er: „Die Melodien legen sich nicht recht inS Ohr und erinnern andrerseits vielleicht zu sehr an alte Muster, aber es ist ehr- liche Arbeit, das müffen Sie selbst sagen, lieber Hinzmann. Sie werden keine Veranlassung haben, auf den Komponisten böse zu werden. Er wird die Musik in keine neue falsche oder schädliche Richtung drängen." Doktor Hinzmann fing das spöttische Lächeln Jaku- bowskis auf. „Ehrliche Arbeit," sagte er.„Sie müssen immer ein braver Schüler gewesen sein, junger Freund. Gelernt haben Sie etwas Ordentliches. Das andre, ich meine das, ivissen Sie so, das. was drin stecken muß, das wird sich ja wohl noch stärker entwickeln." Und alle Musiker vereinigten sich zu einem fachmännischen Gespräch über die schwierige Faktur des letzten Quintetts. Richard hatte das dumpfe Gefühl, daß Leontine mit dem Erfolg der Oper nicht ganz zufrieden war. Auch ihm war es so vorgekommen, als ob einzelne Nummern weniger gewirkt hätten. Wie schlecht er begleitet hatte, das mußten alle be- merkt haben, aber es war nicht seine Schuld gewesen. Die schöne Sängerin der Selma erinnerte ja mit keinem Zuge an Johanna, und doch hatte er diese Partie nicht einen Augen- blick von den Gedanken an Johanna loslösen können. Und scheu hatte er oft in das kalte Antlitz Leontinens geblickt, ob sie nicht plötzlich die dämonischen Züge der Fee Morgana annähme. Langsam zog sich die Gesellschaft in die kleinen Räume zurück, wo Brötchen mit Austern und Kaviar bereit standen und Champagner und Limonaden gereicht wurden. Alles schwatzte durcheinander. Man sprach von Gott und der Welt, nur nicht von der Oper Fata Morgan«. Der alte Metttnann war wütend. Doktor Hinzmann und Jakubowski sollten es schon büßen. Er wollte mit feinem Börscureporter und mit seinem Musikrezensenten reden. Für die öffentliche Aufführung, deren Bombenerfolg ja doch sicher war, mußten solche Juttiguen im voraus ver- hindert iverden. Alles hatten die beiden unmanierlichen Menschen gestört. Nicht einmal die Ovation mit dem Lorbeerbäumchen war ausgeführt worden. Frau Leontine hatte allerdings vielleicht recht gehabt.
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17 (28.8.1900) 165
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