Anterhaltungsblatt des Vorwärts
A
Nr. 184.
42]
Die Fanfare.
Sonntag, den 23. September.
( Nachdruck verboten.)
Roman von Frik Mauthner. Leontine hatte jetzt beinahe ihre Freude an Richards Verzweiflung.
Dein Vater erfuhr die Sachen in sehr aufgetragener Weise durch Pitersen selbst, der einigemale bei der Erinnerung an seine Tochter schlimme Wutanfälle bekam und mich dann verleumdete. Der Rechtsanwalt und später Dein Vater sind die einzigen Zeugen solcher Ausbrüche gewesen. O, es war fein vergnügtes Leben an der Seite des Kommerzienrats Piterfen!"
" Und was sagte mein Vater zu solchen Enthüllungen?" Richard fragte es mit heiserer Stimme.
Leontine kam mit ihren leichten großen Schritten auf ihn zu und nahm ihm lächelnd die Porzellanfigur aus der Hand.
Mein verliebter Schäfer ist vernichtet, wie ich sehe; ich möchte nicht auch noch das Fräulein verlieren. Ja, Dein Bater brachte den Kommerzienrat mit derben Worten zum Schweigen, und als wir nachher allein waren, sagte er zu mir: Wenn wir von altem Adel wären, Sie und ich, wir würden denselben Wahlspruch im Wappen führen!"
Welchen Wahlspruch meinte mein Vater?" Ueber Leichen! Und damals zuerst hatte er den Einfall, so gleichgesinnte Geschlechter mit einander zu verbinden. Du wurdest aus England zurückerwartet und solltest dort die praktische Uebung unsres Spruchs lernen."
Leontine kreuzte die Arme über die Brust und blickte spöttisch auf Richard. So hoch hatte sie sich aufgerichtet und so tief gebeugt stand er am Kamin, daß sie auf ihn niederschauen konnte. An der Thür entstand ein Geräusch, dann schlüpfte der Diener unhörbar herein und meldete den Grafen Trieni. Ob gnädige Frau den Herrn Grafen empfangen wollten?
Leontine biß sich auf die Lippen. Die Witterung eines ungewohnten Ereignisses mußte für ihre Dienerschaft in der Luft liegen; sonst fragte man nicht, sonst folgte der Graf dem Diener auf dem Fuße.
"
" Ist schon seine Zeit?" fragte sie gelassen. Wahrhaftig, wir haben die Essenszeit verplaudert. Ich lasse bitten! Du gehst, lieber Richard?"
Ich habe nicht so viel Selbstbeherrschung, um jetzt ein leeres Gespräch zu führen," und mit einer stummen Verbeugung eilte er hinaus.
Im Vorzimmer traf er auf den Grafen, der mit Hilfe beider Diener mühsam aus seinem Pelze schlüpfte; bei Richards Erscheinen raffte er sich zusammen, richtete sich in den Hüften und sagte geläufig:
Ich vertreibe Sie doch nicht, lieber Mettmann ?" Und er streckte taktmäßig fast seine ganze Hand Bräutigam Leontinens entgegen.
dem
Richard aber ging, ohne die Hand zu bemerken, mit einem kurzen: Guten Abend, Herr Graf; ich bin sehr eilig!" vorüber.
"
Der Graf schlich mit seinen weichen Schritten durch den Tangen Korridor bis zum gelben Zimmer, dort richtete er sich zuckend wieder empor und trat mit unverändertem. Lächeln ein; er fand die Hausfrau in der größten Aufregung, sie hatte die heile Porzellanfigur in der Hand und pochte mit ihr auf den Kaminsims. Es war ein Wunder, daß das Stück nicht entzwei brach.
Seßen Sie sich, lieber Graf, machen Sie sich's bequem; ich will Ihnen gleich zu Gebote stehen, mir lassen Sie mir Zeit, mich zu beruhigen.
Der Graf war sofort auf einen Lehnstuhl zugegangen und hatte sich mit seinen drei regelmäßigen Bewegungen darauf niedergelassen; dann streckte er mit unmerklichem Zucken feine Beine aus, legte die Hände in den Schoß und sagte mit den einschmeichelndsten Tönen seiner Stimme:
Also muß ich Ihnen heute Adieu fagen, liebe Freundin?"
Leontine drehte sich scharf um und eilte zu ihm.
1900
., Nicht doch, ich will nicht wieder heftig sein!" rief sie
schnell.
"
" Ich muß bitten," sagte der Graf mit unverändertem Lächeln; Sie wissen, ich bin ein wenig nervös. Wenn ein Mann zu hastig vorüberläuft, so habe ich davon Schmerzen; wenn eine schöne Frau mit Porzellan auf Marmor flopft, so thut mir das weh; wenn meine schöne Freundin sich aufregt und ich mich darüber echauffiere, so spüre ich es auch. Ich fühlte seit meinem Eintritt in diese Wohnung viermal meine Nerven."
Der Graf sagte das so gütig lächelnd, so ganz ohne jeden Vorwurf, als erzähle er eine heitere Geschichte, aber Leontine kannte den grenzenlosen Egoismus dieses Manns und hoffte faum mehr, ihn halten zu können.
,, Bleiben Sie nur immer hier," sagte sie dennoch mit der ruhigen Kälte, die der Graf an ihr so hoch schätzte,„ ich will nie wieder Marmor klopfen und niemals schneller sprechen als eben jetzt."
,, Nun werden Sie gar bitter", sagte der Graf freundlich. Hüten Sie sich vor Unordnung, liebe Freundin. Sie haben noch nicht diniert, und dieser junge, gesunde Herr Mettmann ist böse fortgegangen; das thut Ihnen nicht gut, auch wenn ich es vertragen könnte."
Leontine hatte sich vollkommen gefaßt. ,, Befehlen Sie, verehrter Meister", sagte sie, Ihre Schülerin horcht den Worten der Weisheit!"
,, Nein, nein", erwiderte der Graf und tippte ihr lächelnd auf die Finger, ich würde jedesmal Schmerzen haben, wenn ich diesem Herrn Mettmann begegnete, der so schnell an einem vorüberlaufen kann; wenn Sie sich mit ihm gezankt haben, so muß es für mich oder für Sie das letzte Mal gewesen sein, daß er hier über den Korridor läuft. Man kann doch nicht mit Leuten verkehren, welche laut sprechen, so oft sie wollen!"
Leontine blickte aus ruhigen Augen ins Leere. Der Graf sollte mit ihrer Haltung zufrieden sein, aber in ihrem Innern stürmte es. Sie wollte die Unterstützung des Grafen nicht einbüßen, aber sie wollte auch Richard nicht loslassen, bevor sie nicht die Nache an ihm und Johanna vollendet hatte; der Graf konnte keine Ahnung von ihren Gedanken haben, und er lächelte auch ganz findlich, als er jegt zufällig sagte:
" Ich habe mir erst heute mittag wegen eines unbesonnenen Burschen von Secondelieutenant Nervenschmerzen zugezogen, ich habe für heute genug."
Leontine verhielt sich still; sie kannte den Grafen genug, um zu wissen, daß der Auftritt, von dem er sprach, auch zu ihr in irgend welcher Beziehung stehen mußte, aber sie wartete geduldig, daß der Graf ihr von selber eine Andeutung machte.
Dieser betrachtete seine Stiefelspiken und überlegte dabei, wie viel er der Freundin mitteilen mußte, um sie von diesen lauten Leuten, den Mettmanns, loszumachen. Achim war bei ihm gewesen und hatte eine große Summe verlangt. Eine Ehrenfache. Entweder müßte er seinen Gläubiger mit seiner Schwester verloben, oder er müßte sich mit ihm schlagen; jedenfalls müßte er ihn vorher bezahlen. Der Graf hatte die Summe schließlich bewilligt, trotzdem Achim auf die alte Bedingung fast mit einer Forderung antwortete. Der Lieutenant benahm sich sehr schneidig, aber die Sache sah doch mehr nach Verlobung als nach Duell aus.
Der Graf blickte mit freundlicher Bosheit immer noch nach seinen Stiefeln. Leontine sah ihm mit äußerster Spannung ins Gesicht; endlich sagte er wie beiläufig:
"
,, Und ich habe heute doch auch eine angenehme Nachricht erhalten, eine entfernte Verwandte von mir, ein schönes, armes Mädchen, eine Havenom- doch das interessiert Sie wohl nicht? Ja? Also die Kleine macht ihr Glück. Sie verlobt sich heute abend, vielleicht schon jest, mit einem reichen Mann; sein Adel ist freilich nicht sehr alt, dafür ist er selbst etwas älter als sein Adel."
Leontine mußte an sich halten, um nicht aufzujubeln; dann konnte sie Richard freigeben, dann war ihre Nache vollendet.
Der Graf liebte es nicht, wenn man ihm schmeichelte. Leontine begnügte sich damit, ihn mit strahlenden Augen an zusehen und mit voller Eitelkeit zu sagen: