Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Str. 191.

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Mittwoch, den 3. Oktober.

( Nachdruck verboten.)

Mnter Wolken.

Roman von Kurt Aram .

In den Häusern brannten keine Lichter mehr, die Scheiben waren wieder dunkel. Die Hausthüren wurden geöffnet, die Männer hinauszulassen. Aus jeder Thür traten drei oder vier. Meist der Vater mit seinen Söhnen, ab und zu auch einmal einer mit zwei oder drei Fremden, denen er eine Rammer vermietet hatte.

Danach kamen Mädchen und Frauen, denn auch viele bon ihnen gingen auf das Eisenwerk.

1900

Wie nur die Häuser ringsum aussahen! Es fiel ihr in der trüben Stimmung bei dem trübseligen Wetter so recht auf. Außer bei den beiden Wirtshäusern traten überall die Balfen vor, wie die Knochen bei schwerkranken Menschen. Die Wände waren schmutzig, schief, voller Furchen und Nisse wie die Leiber ihrer Bewohner. Die Scheiben darin starrten sie an wie die matten, glanzlosen Augen ihrer Besizer. Die Dächer waren tief in die Häuser gedrückt, daß kein Wind zufassen konnte oder gar durchwehen.

Einzeln hockten die Häuser da, zwischendurch große Lücken, wo früher einmal in freundlicheren Zeiten auch Wohnungen gewesen.simp

Frau Magda ging schneller. Sie fürchtete sich fast vor den schiefen, armseligen Dingern, als könnten sie plöglich stöhnen, Alle froren. Die Hände in den Taschen oder in die etwas sagen und klagen. Aber refigniert, stumm hockten sie am Schürzen gewickelt, den Kopf in den Hals gezogen, die Hüte Weg. Wie die Steinklopfer, dachte sie, an denen sie manchmal und Kapuzen tief in die Stirn, möglichst zusammengeduckt, vorbeifuhr drüben auf der Chauffee. Da mußte sie auch weg­möglichst sich klein machend, daß die Luft nur ja keinen Zusehen, so beängstigte, beklemmie sie der stumpfe Ausdruck auf den gang zur fröstelnden Haut fände, tappten fie. misgemergelten Gesichtern. Aber sie sagten auch nichts; fie Rotbraun vom Eisenstein waren die Kleider, die Gesichter grüßten freilich auch nicht. Sie sahen nur starr aus ihren meist grau von Rauch und Ruß. Ein jämmerlicher Anblick, großen Drahtbrillen auf den Wagen, bis er vorbei war, dann wie sie alle schweigend, kraftlos, freudenlos dem Eisentverk flopften sie weiter. zutappten, das seine großen Thore schon weit und hungrig aufgethan hatte.

Die Straße war völlig leer. Die größeren Kinder saßen noch in der Schule, die kleineren in den Stuben, und die Frauen hatten mit dem Mittagessen zu thun.

Oben auf dem kahlen Berg, gerade der grauen Villa gegenüber, tauchten jetzt auch dunkle Gestalten auf. Es sah Früher, vor zwanzig Jahren, war hier noch ein Bauern­aus, als stiegen sie direkt aus den grämlichen, grauen Wolfen, dorf gewesen. Die Großeltern erzählten manchmal aus dieser einer hinter dent andern. Es waren Fabritarbeiter aus den Zeit ihren Enkeln, denn ihre eignen Kinder interessierte das nächsten Dörfern, die schon einen Marsch von anderthalb nicht mehr. Nur wenn die alten, weißhaarigen Menschen ein­Stunden hinter sich hatten. Mit langen, langsamen Schritten mal seufzend meinten, damals sei doch alles viel schöner und tappten sie zu Thal, die Kniee weit nach vorn. Langsam, besser gewesen, selbst der Himmel hätte ganz anders drein­schwerfällig, stumm, wie hinter einem Sarge her. gesehen, dann lächelten die rußigen Söhne und Töchter wohl ein wenig spöttisch. Das kannten sie, dies Lied von der guten, alten Zeit". In Wirklichkeit hatte die aber gewiß gerade so wenig getaugt wie die ihre. Es war ja immer dasselbe, Jahrhundert für Jahrhundert, dieselbe Schinderei.

Frau Magda ging vom Fenster fort.

Was sollte sie aber jetzt beginnen? Es war noch nicht sechs Uhr. Pflichten gab es für sie nicht. Das Haus be­sorgten die Dienstboten, und Kinder hatte sie nicht.

Sie legte sich wieder ins Bett.

Langsam, schwer tappten draußen unter den Fenstern die Arbeiter vorbei. Sie lauschte, ob nicht wenigstens ein Scherzwort fiel, ob nicht wenigstens einer einmal lachte, aber sie hörte nichts als die schweren, langen, langsamen Schritte.

,, Sie tragen sich selbst zu Grab," fagte sie leise. Und ich?"

Draußen auf der fleinen Dorffapelle schlug es sechs. Auf dem Eisenwerk heulte die Dampfpfeife, und bald darauf wurden die Eisenthore donnernd zugeschlagen. Wer eine Minute später tam, verlor einen viertel Tag am Lohn.

Jegt waren sie wieder für einen Tag gefangen, alle die Männer und Weiber, alle die Jungen und Alten, und sie?

Noch einmal richtete sich Frau Magda ein wenig auf. Erst ganz von weitem, danu immer näher, lauter, brausend, donnernd, rollte, fauchte es. Dann wieder leise, Teise verhallte es. Es war der Schnellzug, der morgens vorbei kam. Abends kam noch einer in entgegengesetzter Richtung. Sonst nur Güterzüge und ein paar Personen­züge. Aber feiner hielt hier.

Sie lauschte immer noch in die Richtung, wo das Ge­räusch sich verior. Wie raste er ins Leben, vorwärts, daß er ihn ja nicht versäume, den Anschluß nach Berlin !

Die Nebel hatten sich inzwischen mit den Wolfen ver­einigt. Mit faltem, gelbem Gesicht fah der Tag über die Berge. Der Fluß lief noch schneller. Jetzt schämte er sich erst recht.

Grämlich, verschlafen hingen die Wolfen und fahen stumpf, Sumpf auf die abgemähten Wiesen, die dalagen wie alte, ab­genutzte Felle, in denen Motten figen.

Kurz vor zwölf Uhr mittags verließ Frau Magda die graue Villa, um einen Spaziergang zu machen.

Sie that das sehr selten. Aber heute mußte sie. Sie mochte nicht schon vor Tisch mit ihrem Mann zusammen treffen. Sie schämte sich für ihn. Und dann wollte sie auch gerne einmal ihren Gedanken aus dem Wege gehen, die sie von Tag zu Tag mehr quälten.

Die Enkelfinder aber bekamen noch rote Backen, wenn der greise Großvater erzählte, wie dort im Stall zwei Kühe gestanden, wo jetzt eine armselige Geis mecferte, wie hier vorn ein großer Misthaufen sich getürmt, und wie viel Schweine damals aufgezogen worden. Müßt Ihr

Dann meinten die größeren Kinder wohl: aber Geld gehabt haben damals!" ,, Geld? Nei, Geld hatte mer nit so viel. Aber besser zu esse und feste, felbstgemachte Kleider."

Da schwand schnell das Interesse auch der größeren Enkelfinder für Großvaters Geschichten. Geld, Geld, darauf fam es allein an. Das wußten sie schon so gut wie die Eltern. Je mehr Geld, um so besser konnte man sich am Sonntag amüsieren.

Sie liefen auch fort, und bald hatte der Großvater nur noch die ganz fleinen Kinder um sich. Denen aber von der guten alten Zeit zu sprechen, lohnte sich nicht. Sie verstanden das so wie so nicht, sie waren noch zu klein dazu.

Manch ein Alter seufzte dann schwer und warf einen giftigen Blick in die Richtung der Fabrit, denn sie war schuld, fie fraß alles auf, alles! In Wut ballte sich manche alte Faust, denn sie hatte noch Kraft, mehr als die der jüngeren Leute; sie gehörte einem, der noch Bauer gewesen war.

Frau Magda bog in eine Seitengaffe, die ins Freie, zu den Bergen führte. Da standen noch einige Häuser mit Strohdächern dicht aneinander gedrängt, alle ziemlich schmutzig bis auf eins. Klein war es ebenfalls und unscheinbar, aber rein sah es aus. Die Hausthür war noch nach der Väter Weise horizontal in zwei Teile geteilt, so daß das Federvieh, wenn die obere Hälfte offen stand, nach Belieben ein- und ausfliegen konnte.

Vor dieser Thür stand ein älterer, aber fräftiger Mann. Er trug noch einen blauen Kittel. Es war der letzte im Dorf, der nur vom Ackerbau lebte, den das Eisenwert noch nicht verschlungen hatte. Er zog freundlich die alte kappe, als die junge Frau vorbei ging. Einen Augenblick zögerte fie, als wollte sie ihn ansprechen, dann that sie es doch nicht. Sie genierte sich.

Der Bauer sah ihr lange nach. Dick war se nie, und fe wird immer dinner, lang macht die's gewiß nit mehr..