Unterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 212 ei min re dur

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theDonnerstag, den 1. November.

( Nachdrud verboten.)

Muter Wolken.

Roman von Kurt Aram .

Schäfer trat gehorsam an die bezeichnete Stelle.

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Friert Ihne?" fragte die Alte teilnehmend.

Nein, durchaus nicht, ganz und gar nicht," beeilte sich Schäfer zu versichern und schlug mutig seinen Kragen her­

unter.

Mit zittrigen, greisen Händen löste sie min das schnee­weiße Haar und strich es glatt. Fühle Se nur, es ist all echt." Es that's, aber fand es schauerlich, dies üppige, weiße Haar, das in langen Strähnen das verrunzelte Vogelgesicht umrahmte.

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Sie schob den Aermel von dem einen Arm zurück und sagte:" Fühle Se?"

Er that auch das, wenn es auch kein Genuß war, diese welfen Sehnen, die wie Peitschenschnüre auf den kalten, hageren Sinochen lagen, zu fühlen.

Sie lache ja wieder net?" sagte die Alte, mun ein wenig beleidigt. Die annern Herrschafte lache immer, wann se mei Aerm' seh."

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Nun legten sich wieder die durchsichtigen, verschrumpften Lider über die Augen. Nun lag sie wieder wie zu Anfang als er ins Zimmer getreten.

Schäfer ging schnell aus dem Haus. Er wußte nicht recht, sollte er lachen oder sich ekeln. Die Alte gehörte offen­bar zu den Hauptsehenswürdigkeiten der Gegend, das hatte er nun begriffen. Schauderhaft, prrr! Aber er lachte auch gleich darauf.

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Er schlug den Ueberzieher wieder in die Höhe und ging ein wenig auf und ab; dies Erlebnis zu berdauen". Also weiter!" Er trat in ein ander Haus. Drinnen im Zimmer war jemand beschäftigt und machte ziemlich Lärm dabei. Er klopfte. Herein!" Es flang nicht sehr melodisch, etwas rauh sogar, wenn auch offenbar aus Frauenmund. Er trat ein.

Grade der Thür gegenüber stand eine Frau, die Rück­seite ihm zugekehrt, und scheuerte an einem großen Holz­trog. Sie wandte sich gar nicht um, sondern rief, indem sie weiter scheuerte:" Am Ofe liegts Brot, e Messer auch. Geh nur hin un schneid der ab, rund ums Laib, aber net zu aus­verschämt!" Aber, liebe Frau..

,, Ach was! Geld giebt's bei uns net. Das is bei uns Sie zog mit den Fingern die Lippen auseinander: So- net Mode. Nimm der dei Stück Brot und sieh, daß de weiter gar noch vier Backzäh hab' ich, guce Se nur genau hie!" fömmst, ich hab fei Zeit zu schwäge."

Sie ist entschieden verrückt, dachte Schäfer, fam aber ihrem Wunsch nach, wenn es ihm auch nicht sehr verlockend erschien, in diese tote Höhle zu sehen.

Sie nickte befriedigt und tastete um sich, als fuche sie

etwas.

Aha, den Krückstock. Schäfer reichte ihn ihr bereitwillig. Sie recte und streckte sich. Was gab das nun? Da tam auch schon ein Fuß zum Vorschein. Nach und nach auch die Beine wie zwei lange, dürre Hölzer, die lange unter welkem Laub gelegen.

,, Aber ich bitte Sie, bemühen Sie sich doch nicht i" Schäfer grauste es. Die Alte nickte freundlich. Nun stand sie auch schon auf den beiden Hölzern, stüßte sich auf den Krück­stock und stampfte ein paar Schritt ins Zimmer. Sehn Se, sehn Se, es geht noch ganz gut," feuchte sie dazu. iisd

Der Anblick dieser Menschenruine war so grotest, zumal fie in einem langen, gelben, groben Männerhemd stat, daß Schäfer lachen mußte, wenn er es auch eigentlich nicht wollte. Bardon! aber.

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Die Alte lächelte geschmeichelt: So is es recht!" Er half ihr wieder ins Bett, da sie schlecht zurechtkam. " Danke, danke! Vor eme Jahr konnt' ich's noch ganz gut allei. Aber er wird alt; sag ich Ihne, mer spürt's e wint, daß mer mit mehr jung is." Sie feufzte ein wenig. Jest faß sie wieder glücklich in den Stiffen und fah Schäfer auf mertsam an. Etwa wie ein Budenbefizer, ob der Zuschauer auch zufrieden ist mit der Vorstellung.

Wie heißen Sie denn?" fragte Schäfer, um auch einmal was zu sagen. Heiß, heiß?... Ja, ja, die junge Leut! Wann mer alt wird, is es eim inunter zu falt." Schäfer schrie ihr ins Ohr: Wie Sie heißen, meine ich!" Ach so.. Ja, ja, ich heiße Kathrinche un schreibe mich Wolff." Sie schlug energisch auf die Decke. Vergesse hat er mich, der Herrgott, vergesse!... No, wart, wanu ich erst ental bei em bin, ich werd's em aber sage, un das tüchtig!" Sie legte sich wieder um und sah an die Zimmerdecke. Ver­gesse, wahr in wahrhaftig!" Jezt, lachte sie. Es schien ihr Spaß zu machen.

de Schäfer schritt mit einer leichten Verbeugung wieder der Thür zu.

Wieder fahen die fleinen, blanen Augen aus dem Vogel­gesicht, ohne daß es sich dabei bewegte, zu ihm hin.

Er blieb stehen. Die Frau wollte wohl noch etwas. Was die aunern Herrschafte sei, die hawe mer nachher immer was geschenkt."

Schäfer zog einen Thaler und legte ihn auf den Stuhl neben dem Bett.

Die Alte grinste vergnügt: Ich danke auch für die Ehr' in de Besuch!"

" Sie täuschen sich, liebe Frau."

Da fuhr sie herum und musterte ihn einen Augenblick. Sofort tehrte sie sich wieder ihrer Arbeit zu. Mer hawe nix zu versichern, da müßt Ihr schon nebenan zu Raze August geh, der will en Ochs' in de Viehversichering aufnehme laffe.

Schäfer lächelte: Sie täuschen sich immer noch

"

Ei, dann fage Se doch endlich, was Se wolle. Sie sehn doch, ich hawe fei Zeit." Hm, was er wollte, war nicht so leicht in zwei Worten zu sagen. Aber die Frau amüsierte ihn, er wollte noch nicht fortgehen, er war ordentlich aben teuerlüftern geworden.

,, Seid Ihr immer noch da?" klang es aus der Gegend des großen Trogs ungeduldig.

Allerdings."

Sie

Sie schwang den Trog herum. Er war blank. stellte ihn an den Ofen, daß er schneller trocknen sollte. Dann wischte sie sich mit der Schürze durch das feuchte Gesicht, stemmite die Arme in die Seiten und fragte: Wem seid Ihr dann?"

ich?

Wic?" Schäfer glaubte nicht recht gehört zu haben. Ei, wem Ihr seid?"

Schäfer dachte Kurios! Wem ich bin? Ja, wem bin Mir sollt ich denken. Die Frau wischte mit der Schürze über einen Stuhl. Setzt Euch un sagt endlich, was Ihr wollt." Schäfer setzte sich. Weil es ihnt Spaß machte, sagte er: Doktor Schäfer aus Berlin ."

"

So?" Es schien ihr nicht sonderlich zu imponieren. Also Dokter sein Se?" Nebenan fing ein kleines Kind an furchtbar zu schreien. Sofort sprang die Frau hin und holte das Kind, das noch nicht ganz ein Jahr alt war. Ehe er fich dessen bersah, hatte sie es ausgezogen auf ihrem Schoß liegen. Es freischt schon zwei Tag immerzu. Sch dent, es hat's im Leib. Unnersuche Sie es doch emal, Herr Dokter!"

"

Ich bin leider kein Arzt, wie Sie zu meinen scheinen. Ich schreibe." .Schreiber sin Se? Warunt halve Se das net gleich ge­fagt!" Die Frau nestelte ihre Jacke auf und legte das Kind an die Brust... Schreiber? Wo denn, wann mer frage darf? Beim Gericht?" Schäfer niachte ein Gesicht, als gäbe man ihm Effig zu t, als gäb trinken. Sie verstehen immer noch falsch. Ich schreibe Bücher, Romane, Erzählungen," fagte er etwas gereizt. Verzählcher?" lachte die Frau. Verzählcher?" Sie maß ihn von oben bis unten. Er schien sehr in ihrer Achtung zu sinken. Sein Sie vielleicht gar en Frommer mit Missions­schrifte, Bekehrungsbichelcher?" fragte sie jetzt mißtrauisch. ,, Da tomme Se an die Unrecht. Bei mir heißt's: Thue recht und fcheie niemand!"

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