Unterhaltungsblatt des Vorwärts
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Sonntag, den 4. November.
( Nachdruck verboten.)
Mnfer Wolken. Roman von Kurt Aram .
Ich bitte Sie, hören Sie auf!" Magda zitterte am ganzen Körper.
Nein, dachte er, das ist ihr ganz gesund, sie soll alles hören. Hatte er doch grade sociale Gedanken, wollte er doch einen socialen Roman schreiben.
,, Einen Arzt ruft er nicht mehr, da er ihn nicht bezahlen kann. Die Krankenkasse thut nichts mehr für ihn, da er Längst sechs Wochen frank liegt. Das hat mir Otto übrigens auch nicht gesagt gestern, daß die Krankenkasse nur so lange für einen Kranken sorgt. Ich glaube überhaupt, er hat noch mit mancherlei hinter dem Berg gehalten," fügte Schäfer indigniert hinzu aus seinem neuen, socialen Gewissen heraus. ,, Das ist ja unerhört! Von alledem weiß ich nichts, hab ich nie etwas gehört. Da sitze ich hier in Ruhe und nebenan gehen die Menschen zu Grunde!" Magda war ganz außer sich.
1900
da war ein junges Mädchen, ein sehr hübsches, junges Mädchen. Sie war ganz allein."
Wie abscheulich, daß er gerade jekt davon anfängt, und in dem Ton, dachte Magda. Ihre Augen bekanien wieder den gewöhnlichen, ein wenig müden Ausdruck.
" Ich habe noch selten ein hübscheres Mädchen gesehen. Unter Fabrikmädchen wenigstens nicht. Fest im Holz und gut für den Hausgebrauch, wie ein moderner Dichter die Sorte nennt."
Also auch er, auch er empfand so gewöhnlich in solchen Dingen. Gerade wie Otto. leber Magdas Seele kam eine große Traurigkeit.
,, Als ich ins Zimmer trat. war sie gleich sehr freundlich, geradezu dummfreundlich, als wär' ich ihr Bastor oder dergleichen. Wie sich nachher herausstellte, hielt sie mich für' nen Reiseprediger. Fromm war sie wirklich. Und zum Fromm werden auch." Er machte eine kleine Kunstpause. Magda schwieg. Warum berbat sie sich das nicht? Was sie für ein fühl ablehnendes Gesicht machte. Stand ihr übrigens gut. Na, er fonnte ja wohl fortfahren. Prachtvoll gewachsen war fie. Ausgezeichnete Figur, und so zutraulich saß sie vor mir. Ich will nicht langstielig werden. Da ich nicht anfing, biblisch Schäfer gefiel das im ersten Augenblick sehr. Es that zu reden, wie sich ja denken läßt, wurde sie stuzzig. Und ihm auch wohl, daß seine Erzählung so wirkte. Er konnte dann kam's raus, wofür sie mich gehalten, diese Marie Jung. also doch wenigstens erzählen! So heißt sie nämlich. Ich wollte trotzdem ganz gern noch Er bespöttelte sich aber gleich wieder. So ein welt- ein wenig bei ihr bleiben, aber da kam so ein Arbeiterterĺ unkundiges Gemüt wie diese Magda! Da war das schließ- ins Zimmer gestürzt und machte eine Scene, Eifersuchtslich keine Kunst. Die hätte mindestens in die Kniee stürzen scene. Die Eifersucht wie die Liebe waren aber augenschein müssen und laut schreien vor Entsetzen, wenn er wirklich was lich nur auf seiner Seite. Die schöne Marie behandelte ihn konnte. Und er wolfte doch so erzählen und schreiben können, sehr schlecht. Ich ging schnell. Der Kligste giebt nach; nicht daß den Leuten vor Graufen die Haare zu Berge stehen wahr?" sollten, daß sie am liebsten wahnsinnig würden! Er strich sich durchs Haar. Aber, gar nichts komute er. Nicht' mal diese junge, unerfahrene Frau fonnte er ganz außer sich bringen.
Ich werde gleich' mal nach ihm schen", sagte Magda und sprang auf.
Schäfer sah sie erstaunt an. Was war denn in sie gefahren? Wollte sie ungemütlich werden? Das fehlte gerade an dem heutigent, fo gemütlichen Abend.
" Ich bitte Sic, bleiben Sie doch ruhig! Der Mann hat Monate so zugebracht, da kommt's doch wirklich nicht darauf au, ob er diese Nacht auch noch so zubringt. Schnaps und Bucker hab' ich ihm höchst eigenhändig erst noch besorgt, so daß er gut aufgehoben ist."
,, Wie gut Sie sind! Wie schön von Ihnen!" So übertrieben gleich, so exaltiert, dachte Schäfer. Diese Weiber! Wenn das Mitleid in Frage kommt, sind sie gleich alle aus dem Häuschen.
„ Ich schäme mich so, ich schäme mich so sehr! Es lag schon lange schwer auf mir, aber ich wußte nicht, wie's an fangen, ich bin fo fläglich wenig felbständig. Das wird jetzt anders, Gott sei Dank! Und Sie helfen mir!" Sie streckte ihm die Hand hin.
"
Er nahm sie gerne. Freilich. Von morgen au inspizieren wir gemeinsam Ihr Dorf."
" Ich weiß nicht, mir ist so, ich möchte doch lieber gleich noch mal
"
Ich bitte Sie! Der Mann schläft jetzt. Sie würden ihn nur stören."
Glauben Sie wirklich?"
Ganz gewiß schläft er, und wenn auch nur vor Entfräftung und Ermattung."
Schäfer liebte die seelischen Dissonanzen wie die moderne Musik die musikalischen. Deshalb reizte es ihn außerordentlich, nun Magda, in deren Augen eine mitleidige Seele zu helfen fann, eine ganz andersartige Geschichte gleich auf die eben gehörte, und zwar womöglich in frivolem Ton zu erzählen. Eigentlich war es ja gewiß nicht taftvoll, ihr überhaupt damit zu kommen, und nun gar jetzt, es paste überhaupt nicht zum Ton der guten Gesellschaft, wie er es vorbringen wollte, aber nun erst recht!
" Da hab' ich noch' ne Geschichte erlebt, gnädige Frau, gerade auf die cben berichtete." Das war zwar gelogen, aber es machte sich so besser, gegensätzlicher.
Wie platt das war, was er erzählte. Dumm und gemein zugleich durch die Art, wie er es vorbrachte. Aber warum faß sie auch die ganze Zeit so stumm und still dabei und verbat es sich nicht? In Wahrheit war das Erlebnis auch ganz anders gewesen, durchaus harmlos und reinlich.
Magda schwieg immer noch. Sie begrub einen schönen Traum, der eben gerade besonders schön hatte werden wollen. Deshalb konnte sie nicht sprechen. Pfui, dachte sie, und wie gut, daß ich ihm noch nicht mehr Vertrauen geschenkt. Wie würde er mich auslachen, der gerade so brutal empfindet und denkt wie die andern.
Es war nicht nur häßlich, es war auch dumm, mordsdumm, sagte sich Schäfer. Wie er Magda jekt anfaý, merkte er, daß sich da ein kleiner netter Flirt hätte entwickeln können. Da war er nun so plump hineingetappit! O du Schaf, du Komperativ von Schaf, schalt sich Schäfer. Aber vielleicht ließ es sich doch noch gut machen. Ein bißchen flirten neben dem Romanschreiben wäre doch zu hübsch. Noch dazu bei solchent Regenwetter.
„ Verzeihen Sie, gnädige Frau, ich begreife mich selbst nicht! Diese unglückselige Manier, die besten Regungen meiner Seele mit Frivolitäten totzuschlagen. Dabei war alles ganz harmlos, ich versichere Sie!"
"
Warum reden Sie darüber noch weiter?" famt es fühl von Wagdas Lippen. Lassen wir doch endlich dies Thema, das mir nicht angenehm sein kann. Das konnten Sie sich freilich auch vorher sagen. Ich finde es in der That nicht hübsch, daß Sie unser Alleinjein so mißbraucht haben."
Da hatte er's. Er wurde durch den Widerstand, auf den er stieß, aber nur feuriger und wollte nicht eher nachlassen, bis er, wie er sagte, Wagdas Verzeihung erlangt. Aber sie blieb noch recht lange ablehnend. Er hatte ihr das gar nicht recht zugetraut. Es imponierte ihm.
Ich bin unglücklich, ich hasse mich, ich möchte mich prügeln, ohrfeigen!.... Darf ich Sie bitten, gnädige Frau, das für mich zu thun?"
Nun mußte sie doch lächeln. O, er wußte ganz genau, daß er meist Erfolg hatte bei schmollenden Franten, wenn er sich dann benahm wie ein ungezogener, verwöhnter Junge, der gerne wieder brav sein möchte.
"
" Ich danke Ihnen, ich danke Ihnen!" rief er enthusiastisch. Sie lächeln wieder, Sie verzeihen!"
Er ließ noch lange nicht nach, er redete noch ein langes und breites, so daß Magda schließlich wirklich gar nicht mehr " Ich kam nämlich von dem Zungenkranken in ein Haus, landers konnte, als wieder freundlich sein.