Mnterhaltungsblatt des vorwärts ?k. 224. Sonntag, den 18� November 1900 35] «Nachdruck verbalen.> Antev BVolken. R o ina n von Kurt vm. . ram . Am Geburtstagsmorgen war Schäfer sehr geschäftig. Er lief rastlos treppauf, treppab, alles möglichst hübsch in Magdas Zinnner zu arrangieren, die gar nicht aus dem Eßzimmer sollte, bis alles in Ordnung wäre. Wie that ihr diese Geschäftigkeit Schäfers wohl. Sie war gar nicht gewöhnt, daß sich so um sie gekümmert wurde. Die alte Onkel imd die blinden Tanten hatten sie zivar auch stets sehr reich beschenkt, aber es ging dabei so steif und nüchtern zu, daß die großen Geschenke ihr wenig Freude machten, zmnal sie es von jeher gewohnt war, reich beschenkt zu werden. Am Geburtstag und zu Weihnachten vermißte sie jedes Jahr schmerzlich ihre Eltern, wenn sie sonst auch nicht oft an sie dachte. Seit sie verheiratet, hatte sich darin nichts geändert. Otto hatte überhaupt keinen Sinn für„Liebenswürdigkeiten", und dann war es mit seiner Liebe ja überhaupt schivach bestellt. Auch jetzt blieben große Geschenke nicht aus, Iveder zum Geburtstag noch zu Weihnachten, aber sie kam sich doch auch noch als verheiratete Frau vor wie ein ausgeftoßeries Kind, das keine Liebe keimt. Wie ließ sich das heute ganz anders an. Wie war dieser Schäfer von einer ganz kindlichen Freude besessen, alles möglichst hübsch für sie herzurichten. Den Mann hätte sie lieben können, hätte sie ihn zur rechten Zeit kennen gelernt. Wie oft mußte sie das denken, während sie gehorsam still im Eßzimmer saß und draußen auf den Gängen Schäfer geschäftig hin und her eilen hörte. Gerade daß Otto sich auch heute nicht dabei beteiligte, obwohl es doch so nahe gelegen, hätte, machte ihr das noch deutlicher. Otto that das nun heute nicht aus Gefühllosigkeit, wie Magda bitter dachte, sondern ganz einfach, lveil er wünschte, daß gerade dadurch, daß er alles Schäfer überließ und höch- stens über dessen„Biereifer" Witze machte, Magda immer fester anbisse, recht verliebt in Schäfer würde. Denn allzu- lange hielte es Schäfer doch wohl nicht mehr hier in dem Nest aus. Bis er abreiste, mußte aber der Eindruck, den beide auf einander gemacht, doch wenigstens so ties s«tn, daß er ein gutes halbes Jahr vorhielt, bis er Schäfer wieder hierher eiuladen könnte. Otto machte ein immer mürrischeres Gesicht, während er Magda Geselljihaft leistete, schimpfte heftig über all' den Lärm im Haus und das ganze Gethue. Wie bitter das Magda zu Herzen stieg I Bald nieinte sie, eS nicht länger mit anhören zu können und ging zur Thür. Sofort stemmte sich Schäfer draußen dagegen und rief im höchsten Eifer;„Bitte, nur noch ein paar Minuten, meine Herrschaften, dann ist's soweit. Passen Sie nur auf, Geburtstagskind, wie hübsch es wird!" Schon war er wieder fort, und Magda setzte sich wieder. „Bin mir begierig, was dabei schließlich für'n Blödsinn herauskommt," spöttelte Otto. Magda hätte weinen mögen über seine Roheit. Endlich kam Schäfer herein, wischte sich über die feuchte Stirn und fragte:„Wo habt Ihr denn die Geburtstags- schelle? Bei mir zu Hause spielle die immer'ne große Rolle." „Was sür'n Dings?" sagte Otto möglichst höhnisch. Aber Schüfer kramte schon im Buffett.„So,' da Hab' ich's, die thut's ganz gut." Er hielt eine silberne Schelle in die töhe.„Also. Geburtstagskind, dreimal schellt jetzt der gute eburtstagsonkel, dann tritt das Geburtstagskind hübsch mit klopfendem Herzen, wie sich's gehört, über die Schwelle." Er verschwand wieder eilig.„Total übergeschnappt." knurrte Otto, aber laut genug, daß es Magda hören mußte. Mein Gott, wie nett er war, wie er sich freute, ihr Freude machen zu können I Auf Otto hörte sie überhaupt nicht. Sie wollte sich von ihm doch nicht alles schon im voraus ve» derben lassen. Schäfer war wirklich wie ein kleiner Junge, sagte sich Magda schon wieder. Nun schellte es. Wahrhaftig, ihr begann das Herz lauter zu klopfen wie einem Kind auf Weihnachten . Nun schellte es zum zweitenmal. „Uff l Gott sei Dank, das es so weit is l" stöhnte Otto und richtete sich ein bißchen in die Höhe. Bis es zum drittenmal schellte, stand er auf und reichte seiner Frau spötsisch-feierlich den Arm:„Gestatte, daß ich auch etwas zur Feierlichkeit beitrage, soweit es in meinen schwachen Kräften steht." Sie sah ihn groß, zornig von oben bis unten an und nahm seinen Arm nicht an. „Na, dann nicht," sagte Otto und ging langsam hinter ihr her, durch die Zähne pfeifend. So gefiel ihm die Ge- schichte. Magda war ganz verlegen. Wäre wenigstens ihr Mann fortgeblieben, dann wäre es schon leichter gegangen. Aber er blieb immer dicht hinter ihr. und sie sah ordentlich sein süffisantes Gesicht. Bald schüttelte sie alle Befangenheit ab, einfach angesteckt von Schäfers Vergnügtheit und Ausgelassenheit. So hatte sie ihn noch nie gesehen. Er feierte so gerne Feste und vergaß dann alles Posieren. Magdas Zimmer prangte in seltenen Blumen und Blatt- gewachsen, die Schaser heinilich hatte kommen lassen. Schäfer nahm sie an der Hand und führte sie zu seinem Tisch, wie er es nannte. Da lag die bekannte Vöcklinmappe und Liliencrons Werke. „Den müssen Sie lesen. Der macht einen froh. Gesundes Gegengift gegen Ihre Nachtvögel Novalis , Lenau . Ungefähr auch das Gegenteil von mir," setzte er elegisch hinzu. Dann noch Fontanes„ Stech lin".„So hat seit langem keiner mehr in Deutschland geplaudert, einfach entzückend. Man spürt das französische Blut durch." Fast wollte es Magda unangenehm werden, daß er sie so reichlich bedacht. Aber seine harmlose Freude ließ das doch nicht recht aufkommen. Nun griff Schäfer zu einer mächtigen Schachtel mit Schleckereien, die er hatte kommen lassen.„Bitte, greifen Sie zu, daß ich's auch kann. Denn ich huldige allen Lastern. Ich trinke gern und rauche viel und schlecke auch gern." „Und ich? Um meine Sachen kümmerst Du Dich gar nicht?" sagte Otto, und es klang doch ein wenig gereizt. Magda gmg sofort an den anderen Tisch. Da lag wie jedes Jahr das neue Portemonnaie mit den gewohnten sechs Hundertmarkscheinen, alle möglichen Kleiderstoffe, Goldsachen und derlei mehr. Dieses Jahr wie jedes Jahr. Sie dankte ihm, wenn auch ein wenig steif. Otto setzte sich, während Schäfer Magda wieder zu seinem Tisch hotte. Die beiden wurden immer lustiger beim Naschen aus der großen Schachtel. Otto hatte sich die Böcklinmappe geholt, die er schon kannte und auf seine Weise auch verehrte. Jetzt aber, wo er sich plötzlich in einer etwas gereizten Stimmung befand, fing er an, uni dadurch die beiden etwas zu ärgern, an den Bildern herumzumäkeln.„So ein Bein!" rief er.„Wie ver- zeichnet. Und dieser geschwollene Backen l Scheußlich I" Bald ließ er's aber wieder, da die beiden nicht daraus hörten. Kindsköppe l' knurrte er und zündete sich eine Cigarre an. Magda war ganz ausgelassen. Otto hatte sie noch nie so gesehen, und er mußte sich gestehen, daß sie so toirklich nicht übel war. Warrnn war sie nicht immer so? Famos war sie so! Ja. was die Liebe thut. Gut, daß es endlich so wett zu fem scheint. „Nun will ich aber auch ein Geburtstagsgeschenk," er- klärte Schäfer. Da bjp ich begierig, dachte Otts erwartungsvoll. Mch haben sie einfach vergessen. Schmählich, so was I Magda sah Schäfer scheu und doch zugleich erwartungS- Voll an. „Nicht wahr, ich habe doch meine Sache gut gemacht?" „So sehr schön!" Sie sagte das so bewegt, daß Otto schleunigst die Cigarre fest in den Mund steckte, um sein Grinsen zu verbergen. „Da darf ich mir also ganz was Schönes ausbitten. wie?"
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17 (18.11.1900) 224
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