Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 233.
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Sonntag, den 2. Dezember.
( Nachdrud verboten.)
Mnker Wolken.
Aus Dankbarkeit dafür, daß Schäfer fein Unglück zu gestoßen, benahm sich Magda sehr freundlich fast mütterlich, zu dem weinenden Mädchen, das ganz außer sich war. Denn wenn die Marie Jung, das kräftige Wesen, einmal außer sich geriet, dann äußerte es sich gleich gründlich. Wie der Sturm draußen.
Als die Marie endlich wieder etwas ruhiger geworden, sagte sie leise:„ Neulich sprach der Säger mal über das Wort des Herrn: So jemand zu mir kommt und hasset nicht seinen Vater, Mutter, Weib, Kinder, Brüder, Schwestern, auch dazu sein eignes Leben, der kann nicht mein Jünger sein". Damals hab' ich das nicht recht begriffen, jetzt versteh' ich's."
Magda schwieg dazu, denn sie kannte das Wort nicht, sie hätte auch nie gedacht, daß sowas in der Bibel stände. Aber die Marie Jung hatte es ja eben gesagt, und die wußte Bescheid. Es ist doch sonderbar, von solchen furchtbaren Worten des Nazareners hört man nie etwas in den Kirchen.
Magda suchte nach etwas, womit sie die Marie Jung trösten könnte. Aber das war schon nicht mehr nötig. Sie war schon getröstet. Das Wort, das Magda so entsetzte, hatte die Marie Jung getröstet.
1900
vielleicht gar nicht so dumm, daß die Marie dem Franz Kranz einen Korb gegeben.
Diese kriechende Freundlichkeit empfand Magda so unangenehm, daß fie gleich wieder gehen wollte. Nun wollte aber die Mutter durchaus nicht zulassen, daß die Frau Direktor allein nach Hause ging, obwohl es nur ein paar Schritte waren.... Nur mit Mühe konnte Magda erreichen, daß man sie allein gehen ließ.
Was war denn das? Sie sah die Hauptstraße entlang. Ueberall Lichter an den Fenstern, die sich öffneten. Magda hielt an. Was bedeutet das?
Der Sturm schwieg immer noch, und aus den geöffneten Fenstern aller Häuser links und rechts der Straße leuchteten jetzt die Lampen und warfen ihr gelbes Licht bis auf die Mitte des Wegs.
Nun hörte sie auch, wie einige von denen, die die Lampen zum Fenster hinaus hielten, riefen: Ei guten Abend, Herr Diretter!"
Magdas Herz schlug stürmisch. Was war das? was bedeutete das?
Sie fah ihren Mann mitten auf der Straße, beleuchtet von all den Lampen, immer wieder begrüßt von dem:„ Ei guten Abend, Herr Direkter!" Langsam kam er näher.
Magda rührte sich nicht von der Stelle und starrte auf ihren Mann da vorn, der, den Hut tief ins Gesicht gedrückt, absichtlich langsam im Schein der vielen Lampen, ohne auf die Begrüßung zu antworten, näher kam.
Da trat Magda ein paar Schritte zurück in das Dunkel der Nebengasse. Nun tam Otto vorbei, von immer neuen Lampen beleuchtet, immer wieder begrüßt:„ Ei guten Abend, Herr Diretter!"
Als Otto vorbei war, riefen sich die Menschen mit den Lampen mit lauten, lachenden Stimmen alles zu, was diesen mit anhören mußte. Sie durfte nicht aus ihrem Versteckt, Streich veranlaßt hatte, so daß Magda die ganze Schande Sie konnte auch noch nicht weiter, erstarrt über das, was sie sonst wäre sie auch noch in das Licht der Lampen gekommen.
Nun endlich entschuldigte sie sich, daß sie der Frau Direktor noch so spät ins Haus gefallen. Sie wäre so entsegt gewesen, daß die Mutter sie geschlagen, und sie hätte, als sie auf die Straße gestürzt, unwillkürlich den Weg hierher genommen, weil sie im Dorf niemand Jüngeres besäße, dem sie sich anvertrauen könne. Sie hätte auch gleich gemerkt an dem Licht, das hier noch brannte, daß die Frau Direktor..och auf sei. Da sei's so über sie gekommen, daß sie hierher gemußt. Ich bin gar so einsam," flagte sie. Versammlung sind alle so viel älter als ich. Die verstehen manchmal doch nicht alles, wo ich doch noch so jung bin." hörte. Einen Augenblick empfand Magda diese Zutraulichkeit des Mädchens unangenehm, zudringlich. Doch es tam alles so treuherzig heraus, es zeigte ein so offenes Butrauen zu Mag da, daß diese Empfindung sehr schnell herzlicher Teilnahme Play machte.
,, Die in der
Marie Jung erhob sich. Sie sei schon zu lange hier gewesen. Entschuldigen Sie nur, Frau Direktor." Sie gehen doch jetzt wieder nach Hause?"
"
"
Marie Jung schüttelte sich doch ein wenig, als sie erwiderte: Ja. Wo soll ich auch sonst hin?" Nach einer Kleinen Pause fügte sie hinzu: Wenn die Mutter nur inzwischen ruhiger geworden ist! Ich hab' fast Angst.." Ich gehe mit Ihnen.
Da entgegnete Magda:
bringe Sie nach Hause."
Ich
Wie dankbar die Marie Jung sie ansah. Schon um sich für ihre häßliche Empfindung von vorhin -zu strafen, als sei sie mehr wie dies Mädchen, ging Magda mit.
die Arme in die Seiten geſtemmt, an der Hausthür stehen Sie sah die Frau Schmidt wieder mit spöttischem Gesicht, und sie unverschämt mustern. Nun begriff sie, weshalb. und sie unverschämt mustern. Nun begriff sie, weshalb.
,, Was braucht sich der mit annere Leuts Weiber ab
zugebe, er hat ja e Frau derheim!" schrie einer lachend und schlug das Fenster zu.
Die Fenster schlossen sich, die Lampen verschwanden, es war wieder dunkel auf der Straße.
Magda lehnte immer noch an der Hauswand. Glühende Scham, wilder Ekel über sich und Otto tobte in ihr. Nebenher lief aber ein andrer Gedanke und rief thr zu: Nun hast Du ja den schönsten Scheidungsgrund! Und das war das allerekelhafteste, daß sie diesen Gedanken in diesem Augenblick nicht verscheuchen konnte.
Da tauchte dicht neben ihr ein Mann auf, der gellend lachte, daß Magda auf einmal laufen konnte, so erschrat sie. Es war Franz Kranz, der froh darüber, daß dieser Streich gelungen.
Magda lief und lief.
Draußen war es sehr dunkel. Da der Sturm aufgehört hatte, zu brausen, herrschte Totenstille. Das bedrückte Magda. Wie eine große Gruft ist's und nirgends schimmert ein Licht. Sie wußte gar nicht, daß sie nach der Villa lief. Ste Mariens Mutter war noch auf in Sorge um ihre Tochter. merkte gar nicht, daß sie, weil die Hausthür geschlossen, heftig Jept machte sie sich Vorwürfe wegen ihrer Heftigkeit. Wer schellte. Nur ein Gedanke herrschte in ihr: sich verstecken, weiß, was das verrückte Mädchen anstellt. Seitdem die verkriechen vor allen Menschen! Instinktiv glaubte sie, das Tochter fromm geworden, traute ihr die Mutter alle Toll- in ihrem Schlafzimmer am besten zu können. heiten zu.
Sie war daher sehr erfreut, als die Marie wiederkam, machte aber ein böses Gesicht, weil die Tochter sie durch ihr Fortlaufen beunruhigt hatte. Sie war doch eine arme Witfrau, dadurch doch wahrlich schon unglücklich genug. Da hätte die Marie wohl rücksichtsvoller sein können und ihr nicht auch noch Unruhe und Sorge bereiten.
Das Mädchen öffnete, war sehr erstaunt, die Frau Direktor zu treffen, lief aber schnell fort, als sie die Stimme des Herrn Direktor auf der Treppe hörte: ,, Was soll das heißen, wer schellt noch so unverschämt?"" Das Mädchen wußte, daß es am gescheitesten war, wenn der Herr Direktor so schrie, sich auf die Seite zu machen.
Als Magda die Stimme Ottos hörte, wurde sie leichenblaß, richtete sich aber sofort hoch auf, und an die Treppe
Es war deshalb für die Marie sehr gut, daß gleich hinter ihr die Frau Direktor aus dem dunklen Hausflur auftretend sagte fie:" Ich bin's." tauchte.
Otto stand oben, eine Lampe in der Hand, mit der er
Nun war die Mutter ganz kriechende Freundlichkeit. Wer himinterleuchtete. weiß, die Marie macht vielleicht noch eine bessere Partie, wenn
sich so Leute wie die Frau Direktor mit ihr abgeben. Es ist draußen, die die Schmach ihrer The so unerbittlich beleuchtet,