Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 234.

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Dienstag, den 4. Dezember.

( Nachdrud verboten.)

Mnter Wolken.

Roman von Kurt Aram .

Da sprang wieder einer an Magda vorbei und lachte schauerlich. Gerade wie vorhin, als sie an der Wand lehnte und die Lampen ihre Schande beleuchteten. Jezt rief fie laut: Feuer Feuer!" Sie rief immer lauter, und die hellen Thränen liefen ihr plötzlich über das Gesicht. Nicht wegen des Feuers, sondern wegen des Schreiens, das sie er­Leichterte, sie wieder zu sich brachte. Immer lauter rief sie, aber der Sturm brüllte noch viel lauter. Dagegen kam ihre Stimme nicht auf.

Als die mächtige Flamme auf dem zweiten Dach unter dem Sturm wie eine gewaltige Garbe fich wieder beiseite neigte und Feuer auf das dritte Dach fiel, wieder ein Stroh­dach, fast das letzte im Dorf, da kam neues Leben in Magda. Sie flopfte, so laut sie konnte, an die Thüren. Aber der Sturm flopfte lauter, so daß sie nicht gehört wurde.

Mein Gott sollen denn die Menschen verbrennen? Auf einmal schrien viele Stimmen: Feuer! Feuer!" Aus den brennenden Häusern sprangen Menschen, wie sie gerade aus dem Bett kamen, liefen verzweifelt im Streise herum und schrien: Feuer! Feuer!" siden

Das brachte Magda nun vollends zu sich. Sie sprang auf einen zu und rief ihm ins Ohr: Schnell zur Kapelle! Die Glocken läuten!"

Der nickte zustimmend. Sie konnte es ganz gut sehen, fo hell war es durch das Feuer geworden, das der Sturm immer weiter jagte. Der Mensch im Hemde nickte immer wieder, sprang aber nur im Kreise herum und schrie wie be­sessen: Feuer! Feuer! ohne sich von der Stelle zu rühren.

Endlich kam einer zu Vernunft und galoppierte fort. Raum war das geschehen, legte sich auch bei einigen andern die augenblickliche Verstörtheit, nur mit dem Sturm um die Wette in die Nacht Feuer zu schreieu, während das Feuer unbarmherzig weiter fraß, ohne zu warten, bis die Menschen sich eines Bessern besannen und gegen es vor­gingen. Die Leute erbrachen die Thüren der nächsten Häuser, die bedroht waren, mit der Kraft der Verzweiflung, rissen die Menschen aus den Betten und eilten dann weiter. Irgend etwas direkt gegen die Wut der Flammen selbst zu thun, fiel ihnen immer noch nicht ein.

Endlich hörte Magda die Gloden läuten. Nun dauerte es nur noch Minuten, bis alles lebendig wurde und her­stürmte.

Mit die erste, die erschien, war Marie Jung, die nicht hatte schlafen können vor Furcht, weil Franz Kranz ge­droht, er würde die Frommen, wenn's nicht anders ginge, zum Dorf hinausräuchern. Kaum drang der erste Glockenton durch den Sturm hindurch an ihr Ohr, so wußte fie, daß er seine Drohung wahr gemacht.

Immer mehr Menschen stellten sich ein. Als erst die da waren, die am andern Ende des Dorfs wohnten, deren Häuser augenscheinlich nicht gefährdet waren, tam endlich Ordnung und Ueberlegung in die Menschen. Einige fprangen nach der Sprize, andre nach Hacken und fingen an, unter demi lauten Weinen und Wehtlagen der Besizer die am meisten gefährdeten Häuser niederzureißen. Der Bürgermeister war auch bald zur Stelle, da er noch bei der Witwe im Wirtshaus gesessen.

Kleine und große Kinder, Männer und Weiber sammelten sich aus den brennenden Häusern unter viel Geschrei, hockten nieder, indem sie irgend einen wertlosen Gegenstand an sich preßten, der ihnen grade bei der Flucht aus dem Haus in die Hände gefallen, und starrten völlig betäubt in die Flammen, die wütend, gierig weiter fraßen.

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handelte, so eilte sie, ehe sie jemand hindern konnte, in das Haus. Kaum sah das die Marie Jung, lief sie hinter ihr her, denn sie fühlte sich mitschuldig an diesem großen Unglück. Hätte sie sich nicht so standhaft geweigert, den Kranz zu heiraten, wäre dem gewiß niemals eingefallen, so etwas Grausiges zu thun.

Die Leute ringsum tobten vor Entsezen, denn das be­treffende Haus stand in hellen Flammen. Aber niemand wagte sich den beiden nach.

Die Balken ächzten und krachten. Das Stroh der Dächer wand sich wie Feuerschlänglein in den Lüften. Ein Haus brach mit lautem Gepolter in sich selbst zusammen, daß sich die Menschen entsetzt die Ohren zuhielten, während sie immer gespannter nach der Thür starrten, in die Magda und Marie Jung verschwunden. Die Thür begann schweren, dunklen Qualm auszuatmen. Auch hier bogen sich jetzt die Balken und ächzten. Jeden Augenblick konnten sie einstürzen und die beiden samt dem Kind begraben. Keiner vermochte sich zu rühren in diesen bangen Sekunden. Nur die Mutter zerrte ein paar Männer hin und her, denn sie wollte auch ins Haus, zu ihrem Kind.

Plötzlich ging ein wilder Schrei aus all den Kehlen, denn die Balken gaben nach. Erst ganz langfam. Dann in dem Augenblick, wo Magda mit dem Kind im Arm aus der qualmenden Thür fiel, denn die Marie Jung hatte sie mit letter Anstrengung gepackt und hinausgeschleudert, in diesem Augenblic knallte einer der alten Eichenbalken, wie wenn ein Schuß losgegangen wäre, und alles brach zusammen, gerade noch Magda erfassend, die auf dem Rücken liegend, das Kind weit von sich gestreckt hielt. Von der Marie Jung war nichts zu sehen. Otto kami gerade recht, um seine Frau so zu finden, die sich wand unter den glühenden Balten, die auf ihrem Leibe lagen. Einige Weiber waren ohnmächtig ge­worden. Den Männern schlugen die Zähne auf einander vor Grausen über den Anblick, während das kleine Kindchen, dem nichts geschehen war, Taut weinte, unwillig, daß es im Schlaf gestört worden.-

Schäfer, der längst vor Magda nach Haus gekommen, blieb, obwohl er von seinem Fenster aus, als er durch das Glockenläuten aufmerksam geworden, sah, was vor sich ging, auf seinem Zimmer.

Im ersten Augenblick freilich wollte er auch das Haus verlassen. Dann aber trat er wieder möglichst ruhig an das Fenster und sagte sich: Was gehen dich diese Leute an. Sie find dir ja völlig fremd. Als dann der Himmel rot wurde unter dem gewaltigen Feuer, kam ihm der Gedanke: Vielleicht find Menschen in Gefahr, zumal es ihm bei angestrengtem Bauschen vorkam, als höre er Schreien von der Brandstätte her. Wieder war er in Begriff, das Zimmer zu verlassen. Aber wieder drehte er um und ging zurück ans Fenster.

Thorheit! Unsinn! Menschen sind nicht in Gefahr. Das redet dir blos deine lebhafte Phantasie ein.

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Nun war es wie ein Feuermeer da born, das die schwarze. Nacht so erleuchtete, daß er deutlich die dichten Rauchmassen hoch in die Höhe steigen sehen konnte, die der Sturm ergriff, hin und her warf, bis er, des Spielens müde, sie mit einem gewaltigen Wurf hoch in die Wolken schleuderte.

Herrlich! Grandios fieht's aus!" fagte Schäfer laut von seinem sicheren Beobachtungsposten aus. is Raum hatte er das aber gesagt, stieg es leise in ihm auf wie Widerwille vor sich selbst, daß er auch dies ästhetisch ansehen konnte.

Sofort ärgerte er sich darüber. Nero fiel ihm ein. Bist du so ein Schwächling, daß dich das bißchen Brennen moralisch macht?!

Aber der Widerwille war doch stärker. Er raunte ihm spöttisch zu: Feig bist du, mein Lieber, das ist die ganze Geschichte. Du wagst dich nicht ran an den Brand, wo man fich eventuell die Beinkleider versengen kann oder gar die Haut. Er suchte sich das auszureden. Jedoch, es wollte ihm schlecht gelingen. Es ist doch Feigheit, daß du hier bleibst! Diese Stimme wollte nicht weichen. Und diese Stimme hatte auch recht. Er war feig. Er wußte sich in solchen Gefahren absolut nicht zu benehmen, wenn sie plöglich tamen. Wenn Raum hörte das Magda, kaum sah sie aus den Blicken er sie lange voraussah, dann ging es eher. Dann hatte er und wilden Gesten der Frau, um welches Haus es sich seine Nerven besser in der Gewalt, aber solchen plöblichen,

Plöhlich schrie eine junge Frau, die leinen alten Trog trampfhaft im Arm hielt, laut auf. Erst jest fiel ihr ein, daß ja noch ihr Jüngstes im brennenden Haus in der Wiege lag. Sie schrie wie toll nach ihrem Kind. Der Schreck war ihr aber so in alle Glieder gefahren, daß sie nicht von der Stelle tonnte.