Anterhallungsblatt des Horwärts Nr. 242. Freitag, den 14. Dezember. 1900 (Nachdruck verboten.» St Mtarttfia« Von W. G. K o r o l e n k o. Es war ein auffallend häfflicher Mensch. Sogar llei einer sehr lebhaften Phantasie konnte man in ihm unmöglich den alücklichen Nebenbuhler Stepans vermuten. Während die ganze Kleidung StcpanS sauber war und sogar etwas Stutzerartiges hatte, war dieser Feldarbeiter wie in Schmutz getaucht. Gesicht und Hals waren staubig und mit Schweig bedeckt, der eine Aermel des Hemds war zerrissen, eine alte Mutze aus Hirsch- sell bedeckte nachlässig die staubigen Haare, die über der Stirne kurz geschnitten waren und nach rückwärts frei über die Schultern fielen, was ihm etwas Pricsterliches gab. Sein Alter war schwer zu bestimmen, AO, 45, 50, vielleicht sogar noch mehr. Es war eine von jenen klotzigen Gestalten, die immer wie mit einer Rinde bedeckt sind. Weder das leichte Spiel und das Feuer der Jugend, noch die Stumpfheit des Alters treten recht bei ihnen hervor, die farblosen, von Sonne und Unwetter wie gebleichten Augen hoben sich kaum ab in dem grauen Gesicht und nur wenn nian genau hinblickte, bemerkte man den Aus- druck einer gewissen Gutniütigkeit. Die jakutischen schlechten Pantoffel aus Renntierfell hatte er abgeworfen und seine riesigen, schmutzigen Füge sahen unbeholfen unter den blauen Baumwollhosen hervor. ..Brod und Salz," sagte ich, mich verneigend. Er schaute mich einige Augenblicke an, ohne zu antworten und sagte dann: „Seid gegrüßt, zum Imbiß willkommen!" «Darf ich mich zu Euch setzen?" ..Werdet doch wr�l nicht den ganzen Platz fortnehmen?" Marusia kümmerte sich nicht uin mich. Der Unbekannte fuhr noch ein paarmal mit dem Löffel in den Topf, dann schaute er mich neugierig an und fragte: ..Woher seid Ihr? Ein Russischer? Ich nannte mein Gouvernement. ..Wo ist das? Hinter Kijew?" «Ja!" «Das ist weit", sagte er. Dann legte er den Löffel fort und bekreuzigte sich. „Danke Hausfrau." «Und woher seid Ihr. Alterchen?" fragte ich. „Wir? Aus Katuck." „Und schon lange hier?" «Was soll ich Dir sagen Brüderchen? Zivanzig Jahre werden es sein." „Das ist lange", sagte ich unwillkürlich. «Mir scheint's nicht mehr laug; wenn man erst fünf Jahre hier ist, denkt nian nicht weiter daran." „Manifeste sind seit der Zeit herausgekommen!" «Ja ich weiß... Ich kann jeden Augenblick gehen, wohin ich will. Aber wohin soll ich gehen?" Mir fiel unwillkürlich wieder Stepan ein. Der war aus dem Gefäilgnis geflohen und hatte ganz Sibirien durch- wandert mit seiner Marusia. Mir wurde so weh zu Mute, als ich diesen hier sah, wie ein entwurzelter Stamiu kam er mir vor, den die Wellen auf eine Sandbank getragen haben. Er zog einen Tabaksbeutel und eine Pfeife aus der Tasche und nahvl eine glühende Kohle vom Feuer, die runzlige Hand schien gegen die Hitze ganz unempfindlich zu sein. «Wohin soll ich gehen?" wiederholte er noch einmal, eine dicke Rauchvolke ausstoßend. Mein Herz krampfte sich zu- sammen bei dieser Hoffnungslosigkeit, die sogar schon das Bewußtsein des Schmerzes verloren hatte.„Nein Bruder, her bin ich mal gekommen und hier sollen meine Knochen ruhen." Er schaute mich an. Halb versteckt hinter den grauen Wolken feiner dampfenden Pfeife und in den alten grauen Augen schien ein Gedanke aufzuflackern. «Ganz so wie Jermotacw, als wir uns im N... sker Distrikt trafen. So jung war er. Ich kann hier nicht leben, hat er immer gesagt. Nun hat er schon einen grauen Bart." Und er schaute mich wieder an. „Von welchem Jerniotaew sprecht Ihr? fragte ich, Piotr Jwanowitsch?" »Ja. ja, kennst ihn Bruder?" „Hab' ihn ein paarmal gesehen."'• «Er llchntc sich mit dem Rücken gegen einen Stamm und streckte sich behaglich aus, wie ein Mensch, der seine Ruhe genießt. „Hat er Dir'nicht erzählt, wie wir im N... sker Distrikt zusammen den Boden bebaut haben?" „Nein, er hat's mir nicht erzählt." „Nicht erzählt?" wiederholte der Alte halblaut.„Nu. ja. richtig, wenn ich's erzählen wollte, würdest Du es vielleicht nicht glauben, am Ende sagst Du dann, der alte Timocha lügt." „Erzählt doch, Alterchen, und dann werden wir sehen." Marusia, die unterdes das Geschirr zusammengeräumt hatte und sich zum Gehen schickte, blieb stehen. Timocha stieß ein paar Tabakswolken aus, schob seinen zerfetzten Asiam(tartarisches Sommerkleid) zurecht und begann zu erzählen: „Also, das heißt, man hatteuns zusammen in den N... sker Distrikt geschickt, ins Orotschonskische. Die Jakuten hatten uns da so eine Jurta gemacht, und Frühjahr war's. Da sitzen wir denn zu Hause in unsrer Wohnung, heißt es. und schauen uns an. Was sollen wir thun. mein Freund, Du mir von Gott Geschickter? Weiß nicht, Piotr Jwanowitsch sag' ich I Wenn wir ein Pferd hätten und einen Pflug und Saatgut, könnten wir das Land bebauen. Man braucht nicht mehr, und so werden wir wohl beide zu Grunde gehen. Ein Pferd, sagte er. würde ich schon kaufen, und einen Pflug könnte man auch für Geld bekommen, von nah oder weih aber pflügen, sagte er, kann ich nicht, habe noch nie in meinem Leben gepflügt. Schon gut. sagte ich. Du kannst es nicht, aber ich kann's. Werden schon beide satt werden. Kauf nur ein Pferd und alles andre. Nun, und er hat ein Pferd gekauft, um ein Pflugeisen und um die andren Sachen ist er dreihundert Meilen gesahren, bis in die Niederlassung, Grund und Boden hat man uns abgetreten, alles gesetzlich, viel Boden ist dort." In diesem Augenblick ertönte ein ferner Schuß. „Er schießt schon wieder," sagte Timocha mit einem eigen» tümlichen, halb sarkastischen Lächeln.«Na. wir haben einen Platz am Walde ausgesucht, der Wald ist dort gut, heimatlich. Fichtenboden, sag' ich Dir. Bruder, taugt nicht, denn Fichten- nadeln sag' ich Dir, sind hart, sie zehren am Boden. Laubholz ist süß. Na, also mein Piotr Jvanowitsch fuhr zu den Skopzen um Saatgut und blieb zurück, und da kam so ein kleiner warmer Regen, den ganzen Schnee fraß er sofort aus. Das Gras, sag' ich Dir, Bruder, das kroch nur so aus dem Boden heraus, als wenn Hefe in der Erde gelegen hätte. Also. denke ich, was soll ich da noch viel warten? Wie der Morgen kam, habe ich gebetet und mich ein paarmal bekreuzigt und bin aufs Feld hinaus gefahren. Marusinka, noch ein bißchen Thee." Marusia goß aus dem Theetops den dicken Zicgelthee in eine Schale und reichte sie dem Alten. Sie schien sehr auf- merksam zuzuhören. „Nun," sagte er, langsam schlürfend,«gequält habe ich mich ordentlich. Der Boden war dort noch nie bebaut worden, das Pferd war wild, etwas andres als den Sattel hatte es überhaupt nicht gekannt.' Kaum spanne ich cS ein, so läuft es mir davon, mit dem Pflug in den Wald. Natür- lich, so wie die Wirte sind, so sind auch die Tiere. Na, ich Hab' es doch untergekriegt. Die Hände habe ich mir fast wund gerissen an den Zügeln, aber wie der Abend kam, hatte ich doch schon ein Viertel von einer Dicsiatina gepflügt. Mein Feld Hab' ich mir angeschaut und mein Herz in der Brust hat gelacht. So hat Gott doch in der Einöde ein Feld er- stehen lassen, dachte ich. Wie ein Samtstreisen lag es vor mir, der gepflügte Boden. Aber es wurde auch endlich Zeit. Feierabend zu machen. Zu Hause, dachte ich, in unserm Dorf läuten sie jetzt gewiß zum Abendgebet. Und schau, Bruder, wie ein Wunder war es. Kaum daß ich eS dachte, so hörte ich auch die Glocken, einmal, zweimal, dreimal kam so ein Ton über den Wald, wie eine Glocke. Die Mütze habe ich gezogen und habe mich bekreuzigt, und dann ist mir eingefallen: Gott und alle Heiligen, auf fünfhundert Werst ist doch hier keine Kirche ringsum."
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17 (14.12.1900) 242
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