Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 8.

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Freitag, den 11. Januar.

( Nachdruck verboten.)

Der Kaffl vom Hollerbräu.

1901

So gedieh die Sache ruhig fort; vom Export und dessen Gefahren mochte Ebelein nichts wissen, und die gegen­wärtige Kundschaft genügte ihm. Alles in allem war der Hollerbräu ein rechtes und echtes Musterbild einer mittelgroßen altmünchner Brauerei, bei der alles fest und gut ist, die Mauern, der Kredit und der Sinn derer, die darin hantierten. Und mancher Sud war schon so gelungen gewesen, daß ganz München in die engen alten Gaststuben geströmt war, um von der Herrlichkeit zu kosten. Es that dem alten Ebelein doch recht wohl, wenn ein angesehener Bürger ihm gelegentlich versicherte, Hofbräu, Sternecker und Eberl seien dies Jahr grad an elendiger Plempl, an elen­diger" gegen sein großartiges Gebräu.

Roman von R. von Seydlig. Lieutenant Reßler, wenn er bom Ebeleinschen Gitterthor sich abends der Stadt zuwandte, dachte in letzter Zeit ebenso, es müsse in nächster Zeit wohl zu einer Entscheidung kommen. Aber ihm schlug das Herz nur in halber Freude bei dem Gedanken. Er war nicht gerade verschuldet, er hatte es nicht nötig, den Abschied zu nehmen; er konnte sich zuletzt auch ohne das Ebeleinsche Geld durchhelfen. Und er war sehr jung, nicht nur an Jahren. Und dem jungen In diesen alten schweren Gewölben, unter dem Dämmer Mann war Vivi Ebelein mit ihrem gezierten Wesen der engen Höfe spielte sich Kastls Burschenzeit ab; dort fing er und ihren stechenden Augen fein Jdeal. Vernünftig bald an, im strengen Dienst der Münchener Lokalgottheit sich war sie schon, die Heirat; und von den Augen abgesehen, heimisch zu fühlen, er wärmte sich sozusagen seine Lagerstatt an war Vivi wohl kaum häßlich zu nennen. Aber er fam und schlug Wurzeln; er fand, daß auch für ihn ein Blak im nicht darüber hinweg: jemand andres war schöner; ein andres Geschäftsgefüge war, und der Verkehr mit allen um ihn her Augenpaar fah er lieber; ob Vivi ihn wohl je als Frau so wurde bald ein offener und behaglicher. Spaß und Unter­von Herzen lieben würde, als die andre ihn jezt liebte, die haltung gab's freilich zu Anfang wenig für ihn, und wenn Rosa, der er mit jener Heirat über kurz oder lang das Böse am späten Abend in den finsteren Ecken weibliche Stimmen anthun mußte, was die Welt Herz brechen nennt? lachten und schrien, schaffte er ohne Unterlaß noch an seiner Arbeit.

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Und der Bräutigam Vivis ging zagenden Schritts heim, und zog Civil an, um mit Rosa zusammenzutreffen, jedesmal mit dem festen Vorsatz, dem lieben herzigen Ding das schlimme Vorhaben zu gestehen; und jedesmal mit der ebenso festen Ueberzeugung, in ihre Augen hinein das böse Wort nicht sagen zu können.

Vom Parkthor der Ebeleinschen Villa ging heut der Kastl sicherlich als der unschuldigste, unbekümmertste weg, ja er hatte eine stille neue Freude im Herzen:

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Hinten, im zweiten Rückgebäude, wo früher die Mälzerei gewesen war, die jezt draußen vor der Stadt lag, im Keller­geschoß, trommelte in aller Frühe die Schar der Mägde überm Bratklopfen. Da fonnte er manchmal dabei sein, denn den jungen dummen Buben weihte die Köchin ohne Besorgnis in die Mysterien der Wurstbereitung ein. Das war ihm dann ein Labsal; er flopfte wie närrisch aufs Fleisch los und pfiff den Mädeln lustige Lieder dazu vor; bis die Stunde feiner eignen Arbeit schlug und er ins Sudhaus eilte, um seinen Vorgesetzten, den Biersieder, zu erwarten.

" Selber Faß waschen hat er müssen!" murmelte er in Erstaunen. Nachher bin ja ich am rechten Weg!" Und diese bedeutsame Entdeckung hielt ihn lange gefangen.- Aber In der steten, festen Arbeit erstartte sein Körper, der von das Fräulein Vivi haßte er aufs tieffte. Wenn er einmal Natur schon mächtig veranlagt war, zu immer größeren Brauherr sein würde seine Tochter dürfte ihm nicht fran- Leistungen, und er freute sich selber darüber am meisten, wenn zösisch reden, das war einmal gewiß; und wehe ihr, wenn er einmal mit Aufgebot aller Kräfte ein Stück Last gehoben sie einem Haberfelder" jemals zum Gespött machen wollte. und getragen hatte, das die andern vergeblich zu lüpfen ver­Dera fimm i!" dachte der erzürnte zukünftige Vater von suchten. Da hatte er dann allerlei Extravergünstigungen Brauerstöchtern. dafür, eine geschenkte Maß und dergleichen, auch Neckereien

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Und so kehrte er aus der sonnigen Blumenatmosphäre und fleine Ringtämpfe mit den andren Burschen. der Villenvorstadt wieder in den dunklen rauchigen Dunst- Einer der Bierfahrer besonders hielt große Stücke auf kreis der alten Brauerei zurück, in deren Höfe und Gänge ihn und machte ihm den Vorschlag, Kutscher zu werden. Aber selten einmal ein Sonnenstrahl fiel. das mochte er nicht, er hielt streng an seinem Vorsatz fest. Der Hollerbräu, ein ehrwürdiges altes Gebäude mit Und auch in der Gaststube vorn, wohin er einmal gerufen schweren festen Wölbungen, engen runden Stiegen und ver- wurde, weil ein fremder Herr ihn sehen wollte, vor dem er schwenderischem Holzgefüge in dem hohen Dachstuhl, war im Straftproben ablegen mußte, wurden ihm verlockende Vor­Laufe der Jahrhunderte durch vieles Um- und Einbauen nicht schläge gemacht. Der fremde Herr, seines Zeichens Athlet, schöner geworden. Von Zeit zu Zeit einmal geweißt, sahen und selbst ein betvunderter Kraftmeier aus einer Cirkus­doch alle Wände abgemußt und angeraucht aus; der stete gesellschaft, erzählte ihm viel, wie er selbst einstmals bis Dampf und Rauch und die stete Benüßung machte die zum Haspelanten in einer Nürnberger Brauerei gediehen, Wände überall, wo Menschen vorbeistreiften, braun und dann aber das öde Gewerbe abgeschüttelt und sein wahres speckig. Talent entdeckt habe. Der Herr Buchhalter saß dabei, er Außer ein paar Maschinen und einigen Neubauten und hatte dem Kastl seit jenem Brief ein gewisses spöttisches Umänderungen war im Hollerbräu noch alles beim alten. Interesse bewahrt; Staftis Ablehnung imponierte ihm offenbar, Herr Ebelein schwärmte nicht für hastige neumodische Um- denn er sah ihn mit Staunen an. wälzungen. Kaum daß er auf Drängen seiner Frau sich vor einigen Jahren entschlossen hatte, seine Wohnung im ersten Stock des Vorderhauses aufzugeben und in die Villa zu ziehen. Ihm wäre es im alten Hause behaglicher gewesen, aber für die Damen, besonders für die feinerzogene Vivi, mußte doch etwas geopfert werden. Dafür hatte er nun die liebe Not mit Pferd und Wagen und den umständlichen Ver­kehr mit dem Comptoir. Denn Telephon gab's damals noch nicht. Und nun war der erste Stock für die Gastwirtschaft dazu genommen worden, und wo er einstmals

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es war

,, Willst denn Deiner Lebtag Faß waschen, Wastl?" fragte er ihn zuletzt.

,, Staftl heiß i," verbesserte zum zehntenmale der Gefragte. Wie?"

"

Kastulus!" erklärte er geärgert.

,, Rastulus! Ah, da schau! Kas- tu- lus!" machte der Buchhalter boshaft; denn der Name war in Oberbayern selten. s des a Verwandter von Dir, den s neuli abgethan hab'n i' der Frohnfest'n?"

Jetzt war's dem Kastl zu dumm, denn seit einigen Tagen fchon lange her!- das Licht der Welt erblickte, wo seine hatte er viel darüber zu hören bekommen, der geköpfte Raub­Eltern gestorben, wo er die Geburt der Tochter durch ein mörder, der denselben Vornamen geführt, war in aller Munde, großartiges Essen gefeiert hatte, da tobte jezt allnächtlich der und des Gespötts war im Burschenzimmer und abends beim Lärm der buntbekappten Studenten, da schrien die Gesang- Sternenwirt"- dem Abendbier der Burschen- kein Ende bereine und hockten die unzähligen kleinen Philistergesellschaften gewesen. mit und ohne Namen.

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Kastl drehte sich kurz weg und ging hinaus, aber das

Nun! Sei's drum! Das Geschäft ging regelmäßig Gelächter am Stammtisch ärgerte ihn, als er die Thür in der feinen Gang, mit dem Bräumeister war er zufrieden, und Hand hatte, so sehr, daß er beschloß, den Buchhalter zur fein Obermälzer war eine Perle von unschäzbarem Wert. Rede zu stellen. Abends spät lauerte er ihm auf, als er

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