Hinterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 54. Soniltag. den 17. März. 1901 Vis Nacht zum Achtzehnten. „Schutzmann, sag' an: Du hast in letzter Nacht aeinessen-schweren Trittes Deine Runde Durch diese Gassen wie gewohnt gemacht; was sahst Du da in mitternacht'ger Stunde? Nur einen Trunknen, der mit irrem Schritt sich halblaut-murrend � fortschob über's Pflaster? Nur eine Dirne, die vorüberzlitt, geschminktes, scheues, ausgeputztes Castek?' Stieß Dir ein fremdes. Ungewohntes auf? Ist Dir ein seltsam Lähmendes geschehen, lVie Du's in all der langen Jahre Lauf noch nie geahnt, viel weniger gesehen?" Der Mann iin l?elin, betreten und erschreckt, bezwingt mit Mühe ein geheimes Grauen; Doch hat,'so scheint es, meine Art geweckt in seiner Brust ein zögerndes vertrauen. In zweifelndem und ungewissem Ton, die Stirn noch immer in des Amtes galten, Lragt er zurück:„Sie wissen'� also schon? Da braucht man hinterm Berge nicht zu halten. Ich bin ein alter Kerl und abgebrüht, und als Soldat Hab' ich mich brav geschlagen; Ich halte nichts von„Seele" lind„Gemüt" und frage nichts nach Märchen und nach Sagen; Ich greife durch und kenne meine Pflicht, diesmal indessen faßte mich ein Schauer Und nie und nie vergess" ich dies Gesicht, dies bleiche Angesicht voll Gram und Trauer, Den tiefen Blick, den kriegerischen. Gang, die Schöicheit witd und fremd und auserlesen, Der Stimme vollen und sonoren Klang, noch das gebietende und stolz« Wesen,--. Die Gassen waren wie gekehrt und leer; ich hörte nur den Kall der eignen Tritte—.....- Da kam sie plötzlich ganz allein daher, aufrecht und trotzig in der Straße Mitte. Blich fröstelte; es war mir wie ein Traum und wie ein Rausch, der nur erst IM b verflogen. Weiß ihr Gewand, doch purpurrot sein Saum, als hätte sie' s durch Bäche Bluts gezogen. Sie sah mich drohend an— es war kein Spaß, und meine Kand, sie griff nach einer Stütze. Auf ihren schwarzen Ringellocken saß keck und kokett die rote phrygermntze. Sie bannte mich durch ihres Auges Glanz, obgleich ich's jetzt noch nicht so recht begreife. In ihrer Rechten trug sie einen Kranz von Lorbeerlaub mit einer roten Schleife. Als ich, als ob ich blind in sie vernarrt, wie. angenagelt an demsclbcit Vrte, Sie unverwandt und staunend angestarrt, warf an den Kopf sie mir die herben Worte: „Ich bin die Freiheit, die ihr streng verdammt und die verhaßt auf's innigste euch allen, lind die zu ehren ist mein heilig Allst, die kühlen Mutes einst für mich gefallen. Zum Friedrichshain treibt mich'» in dieser Nacht, zu den beherzten Männern, die ihr Lebeil In der Berliner Barrikadenschlacht für'? Vaterland und für ihr Volk gegebeil, Zu jenen, die bei düsterm Fackellicht in wildem Jammer üervige Gestalten Zu eiilyu König, wachsbleich von Gesicht, als stuuinien Vorwurf einst emporgehalten. Verlästert sie und ihren Todesinut, nennt ihr Beginilen frevelhaft-vermessen Und scheltet grollend sie Rcbellenbrut und mahlst das Volk, des Kampftags zu vergessen— Ich dulde nicht; daß man die Kühnen schilt, mir sind die Gpfer jenes Sieges teuer Und dankbar ehrt die Freiheit, wo es gilt, den Mannestrotz, das rasche Iugendfeuer. Um jeden dieser Toten trag' ich Leid; ich weiß zu gut, was wir den Tapfern schulden, Und wenn ihr noch so ungeberdig seid, ihr müßt den Gang zu diesen Gräbern dulden, Zu diesem Friedhof, der für jedes Grab ein(Dpfcr heischt an purpurroten Rosen, Die schöilsten, die der Lenz des Südens gab, auch für die Gräber ineiner Namenlofeil. Du glaubst vielleicht, daß Du mich übermannst, denn ohne Waffe tret' ich Dir entgegen; So unterninliil's denn, wenn Du magst und kannst, bei diesem Gang an mich die Hand zu legend Und seltsam war und toll, was mir geschah. Mein starres Pflichtgefühl, es kam ins Wanken, Als ich ihr zweifelnd in die Augen sah, bestürmt von fremden, wühlenden Gedanken. Gebot das Amt, mit eisenfestem Griff das Handgelenk der Kecken zu umfassen? ' Befahl der Fall den schrillen hilfepfiff? War es erlaubt, sie schweigend zieh'« zu lassen? Wie geistverklärt erschien mir ihr Gesicht, und brächte gleich die That mir einen Orden, Ich fand den Mut zu schroffein handeln nicht, und beide Augen sind mir feucht geworden. von ehrfurchtsvollem, scheuem Grau'n bewegt, Hab' ich, als müßt' ich schließlich vor ihr knieen, Die Finger schweigend zum Salut gelegt an-meines Helmes Schirm. Ich— ließ sie ziehen." E. L.
Ausgabe
18 (17.3.1901) 54
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