Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 55

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Dienstag, den 19. März.

1901

Plötzlich machte die Szekal eine Bewegung, so lebhaft, ( Nachdruck verboten). wie während des ganzen Diners noch nicht. Neben ihr saß Lopinsky mit unruhigen Augen; er hatte etwas von seiner Eleganz eingebüßt, seine Haltung hatte für ein Weilchen ge­litten, Eben als er sich wieder in seinem schönen, mit Seide ausgeschlagenen Frack zurecht rückte, drehte sich die Szekal nach links um. Ihre Augen hatten den schönen Glanz ver­loren, und wieder rief sie scharf im Ton eines Handelsagenten, ohne eine Spur von tragischem R, so leise wie möglich: Herr Neumann!"

Die bunke Reihe. Berliner Roman. Von Frik Mauthner. Lachend schnellte Mascha zurück, daß sie sichtbar den Assessor berührte. Wie sie lügen konnte.

Ich werde Ihre Stücke meinen Freunden zu lesen geben," sagte die göttliche Afra. Meine Freunde halten strenge dar­auf, daß ich nur dankbare Rollen spiele. Das bin ich mir auch schuldig. An Ihrem Stücke gefällt mir jedenfalls das Kostüm. Die Königin von Saba ist ein sehr schönes Kostüm, und ich brauche nicht zu verschweigen, daß es sehenswert sein wird, wenn ich die Rolle kreiere. Ich lege so wenig Wert darauf. Alexander Dumas , der mir einmal nach Nice nach­gereist fam, um mich zu überreden, seine Prinzessin in fran zösischer Sprache zu kreieren, sagte mir oft: Ma chère, Ste Legen zu wenig Wert auf Aeußerlichkeiten."*

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Was is?"

Wissen Sie das Neueste? Unser zukünftiger Direktor Lopinsky hat keine Konzession und kann auch keine kriegen." Da soll doch.

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Mahlzeit, meine Damen und Herren!" rief Herr Lose, und man stand auf.

X.

Zuerst waren die Herren allein im Rauchzimmer, dann fanden sich langsam einige Damen ein und steckten sich ., Der Graf von Monte- Christo ist ein sehr spannender Cigaretten an. Auch Mascha, gegen die ausdrückliche Bitte Roman," bemerkte Bohrmann entschlossen.

,, Hier handelt es sich um seine Theaterstücke," warf Lopinsky belehrend ein, der ruhig zugehört hatte. Man konnte ihm seine Ungeduld kaum ansehen.

Jedenfalls sah die Szekal sie nicht und schien an dem Autor zu ihrer Linken Interesse zu finden.

,, Mit welchem von den berühmten Bohrmanns sind Sie eigentlich verwandt, lieber Doktor?"

Bohrmann fannte keinen einzigen berühmten Namens

better.

Welchen meinen Sie, mein Fräulein?" fragte er be­

troffen.

Es fällt mir selbst augenblicklich keiner ein."

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Eine große, föstlich dekorierte Schüssel wurde herum gereicht. Sie sah von weitem aus wie ein großer Strauß von weißen Blumen. Es war Käse. Lopinsky lehnte dankend ab, lehnte sich wie gesättigt zurück und flüsterte der Szekal zu, aber so, daß Bohrmann jede Silbe verstehen konnte: So ein Kontrakt, wie Sie ihn verlangen, ist nie unterschrieben worden. Aber ich will nicht länger darüber nachdenken. Nachdenken macht so müde. Ich unterschreibe alles."

Und mit einem fatten Lächeln fügte er lauter hinzu: " Ich kann mir so etwas erlauben. Ich habe Glück." ,, Dann will ich gleich nach Tisch an meine Freunde tele­graphieren. Wir werden ja doch gleich aufstehen."

Noch ein Wort, teuerste Freundin. Es wird da noch eine kleine Schwierigkeit zu überwinden sein."

ihres Mannes. Nur die gute Frau Kiez rauchte nicht, sowie Bohrmann der einzige Nichtraucher war. Sie trant aber zwei Gläschen Cognac und verführte den Herrn Clausing er gab es auf, ihr seinen Namen beizubringen- es ihr nachzuthun. Ihr Busen und ihr Seliger bewegten sich kaumi, aber schiver blies sie ihren Atem über beide hinweg.

Bohrmann fühlte sich in verwegener Stimmung. So wie diesen Raum hatte er sich als Kind etwa die Satristei cines Doms vorgestellt: vom Boden bis zur Dede Holz schnißereien. Küster an einem solchen Dome zu sein! Und mun stand er mitten drin nicht als Küster, sondern bei den Herrschaften, und wenn er gewollt hätte, hätte er auch rauchen können. Er wollte nur nicht. Ein prächtiger Diener hatte ihm zu rauchen angeboten. Rollen von Silberpapier, in denen Cigarren steckten. Und noch ein drittes Gläschen Cognac hätte er trinken können... wenn er gewollt hätte. Und daß die Damen rauchten . feine gute alte Mutter war eben nicht unfehlbar gewesen. Die arme Frau. Auf ihrem Dorfe hatte sie es schon unschicklich gefunden, wenn ein Weibsbild einen Strohhut trug anstatt eines Kopftuchs. Die würde staunen, wenn sie jetzt ihren Johannes sehen könnte mitten unter rauchenden Damen. Wenn nur sein Rock nicht gewesen wäre, ein Küsterrock.

und richtig, da kam auch schon der unangenehme Assessor, Maschas Vetter Felix, freundlich auf ihn zu, fragte ihn nach diesem und jenem, und endlich auch, wo er seine Kleider bauen lasse. Bohrmann hätte sich dem feinen Herrn am liebsten weinend an die Brust geworfen und ihn gebeten, sich seiner anzunehmen. Oder er hätte ihn zum Zweikampf herausfordern mögen. Oder er wollte ihm wikig und boshaft antworten. Aber er brachte nichts heraus, als:

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Und Lopinsky beugte sich tiefer zu der Schauspielerin herab. Immer noch strich er seinen schwarzen Stallmeister schnurrbart, immer noch hielt er das müde Lächeln des schönen Mannes fest, aber etwas Gemeines schaute aus seinen Augen, gemeine Furcht oder gemeiner Zorn. Wenigstens Das Kleid macht den Mann nicht, Herr Assessor." ded schien es dem Lehrer so, der das Gespräch nicht mehr ver- Und merkwürdig, nach dem ärgerlichen Gesicht des nehmen konnte. feinen Herrn mußte es eine gute Antwort gewesen sein. Merkwürdigerweise hatte auch das Paar zur Linken feit Er glaubte Wig und Bosheit bewiesen zu haben und furzem ein Gespräch über Geschäfte angefangen. Seitdem die fühlte sich auf einmal der ganzen Gesellschaft überlegen. nahrhaften Gänge vorüber und die Süßigkeiten und solch Während Herr Lose selbst jest mit ihm sprach und ihm dummes Zeug an die Reihe waren, hatte die Sieß nach einem seine Ansichten über den Getreidezoll, insbesondre den letten tiefen Seufzer sich und ihren Seligen beruhigt; auch Schutzzoll auf Gerste, entwickelte, blickte Bohrmann frei in Herr Neumann hatte die Serviette vor sich hingelegt, das dem kleinen Raume umher, in welchem die ganze Gesell­Kelchglas beiseite gerückt und plößlich gefragt:

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Nu aber ernsthaft, Stieh, wollen Sie?"

Und die Kietz hatte geantwortet:

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Bauernfänger! Sie meinen, weil ich ordentlich gefuttert und gepichelt habe, wäre ich nu dumm genug für Sie. Nee, nee, is nich, mein Kind. Wenn's auch nur Märker sind und feene Thaler, eine Viertelmillion oder so ein Teil davon, das geht der Kiezen über ihren Horizont. Und wenn Sie mir die Zinsen auf Stempelpapier versprechen."

Nu denn nich," sagte Neumann, der inzwischen auch schon nach der Szekal und Lopinsky hinübergelauert hatte. I hatte jeglaubt, der Dichter an Ihre grüne Seite hätte Sie schon bearbeitet."

schaft etwas dicht gedrängt beisammen war. Er sah, wie der Vetter auf Mascha losging und ihr höhnisch etwas zuflüsterte, er sah, wie Mascha heftig antwortete. Ja, ja, der schlichte Mann im Küsterrock stach den geschniegelten Herrn bei ihr aus. Ihn, ihn hatte die Fee erwählt, vergebens warb der Better um sie.

Während Herr Lose erklärte, trotz seiner fortschrittlichen Gesinnungen nur bezüglich der Gerste die Maßnahmen der Regierung bekämpfen zu wollen, glaubte Bohrmann weiter zu bemerken, wie Mascha für ihn wirfte. Sie sprach mit den Herren und mit den Damen und blickte nach ihm hin, als wollte sie sagen: Eben habe ich wieder Gutes von dir gesprochen. Es konnte nicht anders sein, denn die Herren Herr Clausing?" fragte die Rieß. Von dem glaube ich und Damien sahen ihn neugierig an. Wenn Mafcha es nur so was gar nich, der ist' n jutes Kind. Der ist teen Bauern- in ihrem Eifer nicht zu leicht genommen hätte mit der fänger." Wahrheit.

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