Unterhaltungsblatt des Vorwärts

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Dienstag, den 26 März

( Nachdruck verboten).

Die bunte Reihe.

Berliner Román. Von Frih Mauthner. Wenn Bohrmann nun so des Abends noch auf und nieder ging und überlegte, was er in diefen beiden Fällen zu sagen hätte, tönte die lachende Stimme Maschas vor seinem inneren Ohr dazwischen oder gar die Unterhaltung ihrer Gesellschaft. So oft er noch bei ihr gewesen war, feiner der Gäste hatte einen Kirchenbesuch erwähnt, einen Prediger genannt oder gar vom heiligen Land gesprochen. Nun wußte zwar Bohrmann, daß diese Gesellschaftskreise durchaus nicht strenggläubig waren; wurden doch sogar Juden eingeladen, wie dieser Herr Doktor Stattowizer unfraglich zu sein schien. Auch wußte er, daß ihm die Gleichgültigkeit, ja selbst der Unglaube andrer nichts an­haben konnte. Auf dem Seminar waren unter den jungen Leuten seiner Klasse einige heimliche Atheisten gewesen, die greuliche Reden führten, wenn kein Aufseher zugegen war. Thit hatte das nicht berührt.

1901

bei Bohrmanns Ankunft schon zwei Jahre in Berlin gewesen. Der Verkehr war einige Monate lang ein sehr inniger. Dann blieben. Müllers Kinder plöblich fort, Frau Müller kami seltener und seltener, und endlich ließ sich auch Martin selbst nicht mehr sehen. Hilde hatte das einfach damit erklärt, daß die Bauerntochter neidisch und eifersüchtig sei.

Wie Martin Müller jetzt vor ihm stand, so hager und ungelenk wie damals im Seminar, bartlos, mit seinen groben, harten Zügen und mit seinen blizenden blauen Augen, mit feinem furzen, militärisch geschnittenen Haar, da bewegte es Bohrmanns Herz. Beide Hände reichte er dem alten Freunde und rief:

,, Das ist mir ein glücklicher Tag! Martin, Martin, wie schlecht haben wir den ewigen Bund gehalten!" Geniessen und nüchtern erwiderte Müller, eben diese Erinnerung habe ihn und seine Frau heute hergeführt.

Deine Frau ist auch da? Wie wird sich Hilde freuen! Da will ich doch gleich.

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Bleib'. Meine Frau hat mit der Deinigen zu reden. Allein es soll von ihr abhängen, ob sie Dir alles mitteilen will. Dein Lenchen ist auf schlechten Wegen. Ich halte es Seht aber ertappte er sich dabei, daß er des Abends im für richtig, ihr diesmal zu verzeihen und das Mutterherz Geiste mit Mascha über das Verhältnis von Kirche und durch die Sorge zu erschüttern. Deshalb habe ich meine Schule und über die Bedeutung des heiligen Landes für den Frau überredet, von Weib zu Weib mit ihr zu sprechen. Ich geographischen Unterricht sprach, und daß er dabei Ansichten hätte kaum die richtigen Worte gefunden. Ich bin mit entwickelte, die zwar maßvoll das Hergebrachte erhalten gekommen, weil meine Frau es wünschte, und Johannes, es und. wollten, aber doch einer vorsichtigen Reform zusteuerten und weil ich Dich gern wiedergesehen hätte. Von den Kollegen jedenfalls für die Lehrerzeitung nicht paßten. Um feiner Ver- höre ich immer Gutes von Dir, aus der Schule. Willst Du bindung mit diesem Blatte willen schmerzte ihn die Wand- mir sagen, was Du sonst treibst?" Lung, um Maschas willen freute sie ihn.

Da. er aber an beide kleine Aufsäge oder Recensionen erst in den Ferien gehen wollte, konnte er das gründliche Durch denken der Frage am Ende noch hinausschieben. Bis in die ersten Tage des Juli hatte er gemig zu thun, um sich weiter durch musterhafte Pflichterfüllung auszuzeichnen.

So verging auch diese Woche, die Werktage bis zu den Tag des Herrn, an dem er mit Mascha über sein Drama sprechen sollte. In dieser Stimmung erwachte er am Sonntag. und sie verließ ihn nicht, während er in den Vormittagsstunden versuchte, das Buch( über das Verhältnis zwischen Kirche und Staat mit besonderer Beziehung auf die Volksschule) zum zweitenmal zit lesen.

Bohrmann war froh. So bestand der alte Freundschafts­bund noch. Mit Martin hatte er auf dem Seminar alle Zweifel durchgekämpft. Und so fing er sofort davon zu sprechen an, was ihm im Augenblick das Wichtigste schien. Denn die schlechten Censuren Lenchens machten ihm nichts. Er erzählte also. von seiner Thätigkeit für die Allgemeine Lehrerzeitung", und wie er grade in den letzten Wochen mit der streng firch­lichen Haltung des Blatts nicht immer einverstanden war. Er schüttete sein Herz aus.

Müller hörte aufmerksam zut. Dann erwiderte er trocken, er habe nie etwas niederzuschreiben versucht, der Unterricht mit der Vorbereitung lasse ihm keine Zeit dazu. Er habe sich feinen ganz persönlich gefärbten Glauben an Jesum Christum herzlich bewahrt, das freue ihn um der Kinder willen, aber so wie er schon als Junge nicht habe Prediger werden wollen, so sei er auch jetzt ganz entschieden gegen die Ober­aufsicht, welche die Geistlichen über die Lehrer beanspruchen. Johannes müsse sich ohne Dentfaulheit zur Klarheit durch­ringen und werde dann gewiß nach seiner Ueberzeugung handeln.

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Sein Beruf machte ihm, ja Frende, den würde er so leicht nicht aufgeben, auch wenn dem Hohen Lied" der große Erfolg winkte. Aber die Thätigkeit für die Allge meine Lehrerzeitung", darauf wollte er verzichten. Das machte ihm jetzt wirklich zu viel zu schaffen. Nicht das Lesen und das Schreiben, aber die nuvillkürliche Nötigung, sich selbst auf seine Ueberzeugungen zu prüfen. Da war es doch besser, die Mußestunden an feinen höheren Beruf zit wenden." Ich danke Dir, Martin, ich danke Dir. Auf dem Lande Mascha hatte von anderu Stücken gesprochen, die bereits in wären mir die Zweifel nie eingefallen. Aber hier in feinem Bulte lägen. Das war von ihr nicht ganz ehrlich Berlin .. ich hätte nicht nach Berlin kommen sollen." gewesen. Aber in seinem Kopfe sproßten sie doch bereits, die patriotischen Dramen. Auf Das hohe Lied" wird entweder Siegfried" folgen oder ein Hohenzollern- Drama. Der erste Markgraf schwebte ihm vor, und dann wieder der Große Kurfürst. Nicht als ob er irgend eine Scene oder eine Ge stalt oder eine bestimmte Handlung vor sich gesehen hätte; das mußte nachher kommen, dazu war er ein Dichter. Nur die Titel der künftigen Dramen lockten ihn.

So vertrödelte er die Stunden. Es fonnte nicht mehr viel zu Mittag fehlen, denn er hörte in der Küche Hilde und Lenchen lachen und Töpfe schieben. Nach dem Essen, an dem er wieder nicht teilnahm, wollte er den neuen kostbaren An­zug vornehmen und zu seiner Egeria eilen.

Da flingelte es draußen, und kurz darauf klopfte es an feiner Thür. Lehrer Müller trat herein, sein alter Freund Martin Müller, der Pastorssohn, der lieber hatte Lehrer als Prediger werden wollen, mit dem er in der Präparande Lust und Schmerz geteilt, und mit dem er auf dem Seminar einen ewigen Bund geschlossen hatte. Das Leben hatte sie aus­einandergebracht, dann hatten sie sich in Berlin wiedergefunden und lehrten und wohnten sogar im selben Bezirk. Martin Müller war Lenchens Klassenlehrer. Müller und seine Frau, eine Bauerntochter aus dem Oderbruch.. hatten sich der Familie Bohrmann zuerst herzlich angenommen. Wüller war

,, Laß' Dich das nicht anfechten, Johannes. Die Zweifel sind gut. Berlin hätte Dir wohlgethan, wenn es Dir weiter nichts gegeben hätte als die Zweifel... Was treibst Du sonst?"

Müller schaute ihn so ernsthaft an, nicht vorwurfsvoll, nicht zürnend, mehr mit Sorge. Da fielen Bohrmann plöt lich die Jugendtage ein, da er dem Freunde den ersten Aft des Hohen Lieds" vorgelesen hatte, zur Nachtzeit, im un geheizten Speisesaale der Präparande bei einer geschmuggelten Talgkerze. Und schüchtern sagte er:

,, Ein Drama habe ich... weißt Du noch? Das Hohe Lied... das habe ich vollendet. Ich habe Gönner. Es wird aufgeführt werden. Ini Kronprinzen- Theater."

So ist es wahr? Deine Frau hat es einer andren Lehrersfrau auf dem Markte erzählt. So ist Deine alte Neigung zur Poesie wieder erwacht? Und fühlst Du, daß Deine Kräfte gewachsen sind seit damals, wo ich Dich mit meinen Einwürfen tränken mußte?"

Bohrmann erzählte ehrlich, daß erst der Zuspruch einer vornehmen Dante, einer Gönnerin, ihn zur Vollendung der alten Arbeit angeregt habe. Dann aber sprach er doch leidenschaftlich von seinen Hoffnungen. Er sei ein pflichttreuer Lehrer und liebe seinen Beruf; erst vor kurzem habe ihn der Schulinspektor vor allen Kollegen gelobt. Aber es sei doch