Unterhallungsblatt des Vorwärts

Nr. 108.

Donnerstag, den 6. Juni

1901

(Nachdruck verboten.)

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45] Roman in drei Büchern von Emile Zola . Ans dem Französischen übersetzt von Leopold Rosenzweig. Es folgte ein peinliches Schweigen. Lucas' Stirn hatte sich verdüstert, denn es lag ein Körnchen Wahrheit in allen diesen Beschuldigungen. Das waren die unvermeidlichen Reibungen und Hemmungen der noch neuen Maschine. Und besonders die Gerüchte, die über die Schwierigkeiten dieses Jahrs umliefen, gingen ihm um so mehr zu Herzen, als er in der That fürchtete, daß er werde von den Arbeitern einige Opfer verlangen müssen, um das Gedeihen des Unternehmens nicht zu gefährden. Und Bourron stimmt in das Geschrei Ragus mit ein, nicht wahr?" sagte er.Aber Sie werden noch nicht gehört haben, daß Bonnaire sich beklagt hätte?" Josine schüttelte verneinend den Kopf. In diesem Augen- blicke drangen die lauter gewordenen Stimmen der draußen stehenden drei Frauen durchs Fenster herein. Am lautesten die der Toupe, die in ihrer gewohnten boshaften Art keifte und zeterte. Wohl schwieg Bonnaire, der gelassene, überlegte Mann, der klug genug war, den Erfolg eines langwierigen Versuchs abwarten zu können, aber die Zunge seiner Frau genügte, um sämtliche Weiber des heranwachsenden Geniein- Wesens aufzureizen. Und Lucas sah sie wieder vor sich, wie sie der Fauchard allen Mut benahm und den baldigen Unter- gang der Crecherie vorhersagte. Also Sie sind nicht glücklich, Josine?" fragte er langsam. Sie versuchte wieder zu leugnen. O, Herr Lucas, wie sollte ich nicht glücklich sein, nach allem, was Sie für mich gethan haben!" Aber sogleich stiegen ihr wieder die verräterischen Thränen in die Augen und rollten über ihre Wangen herab. Sie sehen, Josine, Sie können es nicht leugnen, daß Sie nicht glücklich sind." Nein, ich bin nicht glücklich. Herr Lucas. Aber Sie können es nicht ändern, es ist nicht Ihre Schuld. Sie sind mein guter Engel gewesen, aber was soll man thnn, wenn nichts das Herz dieses unglücklichen Mannes bessern kann. Er ist wieder so böse wie früher, er will Nanet nicht leiden, er hat gestern abends alles zerbrechen wollen und hat mich geschlagen, weil das Kind ihm angeblich ungebührliche Antworten giebt. Kümmern Sie sich nicht darum, Herr Lucas, diese Sachen gehen mich allein an, und ich verspreche Ihnen, daß ich mir sie so wenig als möglich zu Herzen nehmen werde." Sie hatte mit schwacher, bebender Stimme gesprochen und brach nun in Schluchzen aus. Lucas fühlte schmerzlich seine Ohmnacht und wurde von wachsender Traurigkeit erfaßt. Alle freudigen Gefühle des heutigen Vormittags waren verflogen, ein eisiger Hauch des Zweifels, der Mutlosigkeit durchkältete ihn, den sonst so Tapferen, dessen Kraft in seiner ftöhlichen Zuverficht lag. Die Dinge gehorchten ihm, der materielle Erfolg kündigte sich in hoffnungsvoller Weise an, und nur Menschen' wollten sich nicht umbilden lassen, in ihrem Herzen wollte die göttliche Liebe, die fruchtbare Blüte der Güte und der Solidarität nicht gedeihen I Wenn die Menschen haß- erfüllt und gcwaltthätig blieben, konnte er sein Werk nicht vollenden; und wie die Liebe in ihnen erwecken, wie ihnen den Begriff des wahren Glückes beibringen? Diese holde Josine, die er aus so tiefen Schichten aufgelesen, die er aus so entsetzlichem Elend gerettet hatte, sie war ihnn das Bild seines ganzen Werkes. So lange sie nicht glücklich war, hatte sein Werk keinen Bestand. Sie war das Weib, das unglück- liche Weib, die Sklavin, das Lasttier, die Gennßware, deren Retter zu werden der Traum seines Lebens war. Durch sie und für sie, unter allen Frauen, sollte das Reich der Zu- kunft entstehen. Und wenn Josine noch immer unglücklich war, so bewies ihm dies, daß noch nichts Festes ge» gründet war, daß noch alles zu thun übrig blieb. Kümmer- vollen Herzens blickte er in die Zukunft, sah schwere, leidens- volle Tage voraus, fühlte deutlich, daß noch ein schrecklicher Kampf zwischen der Vergangenheit und der Zukunft bevor-

stehe, und daß dieser Kampf ihn Blut und Thränen kosten werde. Weinen Sie nicht, Josine, fassen Sie Mut, ich schwöre Ihnen, daß Sie glücklich sein werden, weil Sie es werden müssen, weil alle Welt glücklich werden muß." Er hatte das so sanft und gütig gesagt, daß sie wieder ein Lächeln fand. Ja, ich werde nicht den Mut verlieren, Herr Lucas, ich weiß, daß Sie mich nicht verlassen werden und daß Sie schließlich Ihren Willen durchsetzen werden, weil Sie so gut und so stark sind. Ich werde warten, ich schwöre es Ihnen, und müßte ich mein ganzes Leben warten." Es war wie ein Gelöbnis, wie ein Austausch von feier- lichen Versprechungen im Erhoffen des kommenden Glücks. Er war aufgestanden, hatte ihre Hände ergriffen, die er zärtlich drückte, und er fühlte den Gegendruck der ihrigen. Mit dieser einfachen Berührung von wenigen Sekunden nahmen sie Abschied. Wie freundlich und sauber war das kleine Zimmer mit den gestrichenen Möbeln, wie einfach, wie friedlich und glücklich könnte das Leben darin verfließen l Auf Wiederschen, Josine!" Auf Wiedersehen, Herr Lucas I" Lucas lvandte sich seiner Wohnung zu. Er nahm den Weg über die Terrasse, unterhalb welcher die Straße nach Combettes sich hinzog, als er Plötzlich innehielt. Unten auf der Straße sah er Monsieur Jerome, der sich in seinem Rollwagen längs des Terrains der Cröcherie hinfahren ließ. Diese Begegnung erinnerte ihn an zahlreiche andre, die er mit dem in seinem Wagen sitzenden gelähmten Greise gehabt, be- sonders an die erste, als er ihn gesehen hatte, wie er an den Gebäuden der Hölle vorbeigerollt wurde und mit feinen wasserhellen Augen auf die rauchende, tosende Fabrik blickte, die er begründet hatte, und mit ihr den Reichtum der Qnrignon. Nun kam er an der CrScherie vorbei und betrachtete ihre neuen, im Sonnenlicht blinkenden Gebäude mtt den« selben hellen, ausdruckslosen Augen. Warum hatte er sich hierherfahren lassen, warum umkreiste er das Werk wie zu einer eingehenden Prüfung? Was dachte er, was urteilte er, welchen Vergleich wollte er anstellen? Vielleicht war es aber auch nichts als eine absichtslose Spazierfahrt, die Laune eines armen, in Kinderei zurückverfallenden Greises. Der Bediente hatte seinen Schritt verlangsamt und Monsieur Jerome erhob sein großes, von weißen Haaren umgebenes Gesicht mit den markanten, regelmäßigen Zügen und sah ernst und unbewegt auf jede Einzelhett, auf jede Fassade, auf jeden Schornstein, als wollte er sich ein genaues Bild ein- prägen von dieser neuen Stadt, die da neben dem Werke, daS er einst gegründet, emporwuchs. Da geschah etwas, was die Bewegung Lucas' verstärkte. Ein andrer alter, ebenfalls gelähmter Mann, der sich noch mühevoll auf seinen geschwollenen Beinen weiterschleppen konnte,, kam die Straße entlang und auf den Rollwagen zu. Es war der alte Ragu, dick und schwammig, den die Bonnaire mit sich genommen hatten, und der an sonnigen Tagen kleine Spaziergänge iu der Nähe der Werke machte. Zuerst mochte er mit seinen geschwächten Augen Monsieur Jerome nicht ge- sehen haben. Plötzlich ftihr er zusammen, wich zur Seite und drückte sich gegen die Mauer, als ob die Straße nicht breit genug für sie beide wäre; dann zog er seinen Strohhut, neigte sich tief und grüßte demütig. Es war der Ahnherr der Qurignon, der Chef und Begründer der Fabrik, dem der älteste Ragu, Lohnarbeiter und Vater von Lohnarbeitern, feine Ehr- furcht bezeigte. Jahre'und hinter ihm Jahrhunderte der Ar- beit, des Leidens und des Elends krümmten sich in diesem untcrthänigen Gruße. Beim Anblick des Herrn, ob er auch gelähmt war, knickte der alte Sklave, dem die Unterwürfigkeit jahrhnndertealter Knechtschaft im Blute steckte, zusammen und beugte sich tief. Und Monsieur Jerome, der ihn nicht einmal sah, wurde weitergerollt wie ein seelenloses Idol, während er fortfuhr, die neuen Gebäude der Cröcherie anzublicken, viel- leicht ohne sie zu sehen. Lucas war erbebt. Eine wie alte Vergangenheit galt es zu zerstören, welch bösarttges, überwucherndes, vergiftendes Unkraut galt es auszurotten in dem bisherigen Menschen! Er sah auf seine Stadt, die eben erst aus dem Boden zu sprießen begann, er fühlte, unter wie viel Mühen und