Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Mr. 157.
94]
Arbeit:
Mittwoch, den 14. August.
1901
Sie lehrte ohne jede Selbstgefälligkeit und ohne Strenge, ( Nachdruck verboten.) am liebsten mitten im Grün des Gartens, bloß von dem Verlangen geleitet, die jungen Seelen für die Schönheit der Kunst zu erschließen, sie am süßen Wohlflang der Harmonie zu erquicken. Wenn erst der Tag der Gerechtigkeit und des Friedens gekommen war, sagte sie, so würde die ganze Stadt singen unter der hellen Sonne.
Roman in drei Büchern von Emile gola. Aus dem Französischen übersetzt von Leopold Rosenzweig.
Lautes, forgloses Lachen erscholl von allen Seiten Nur ein Spiel war ganz in Vergessenheit geraten: ,, Also, Kinder, noch einmal und hübsch im Takt! Beeilt das von Mann und Frau, denn die Kinder fühlten sich alle Euch nicht, wir haben Zeit." nur als unterschiedslose Kameraden. Da sie miteinander aufwuchsen und nicht mehr von einander getrennt wurden, Hatten sie Zeit genug, einander besser kennen und lieben zu Lernen, wenn sie erst ins wirkliche Leben hinauskamen.
Ein schöner, kräftiger Junge von neun Jahren warf sich Lucas in die Arme und rief:
,, Guten Morgen, Großvater!"
Der Gesang begann aufs neue. Aber gegen Ende des Stücks entstand eine Störung. Hinter den Kastanienbäumen war inmitten eines dichten Gebüsches die Gestalt eines Mannes aufgetaucht, der scheu und verstohlen daherkam. Lucas hatte Boisgelin erkannt und sah mit Erstaunen, wie jener vorgebeugt, die Augen auf den Boden geheftet, dahinschlich, als ob er nach irgend einem Versteck, einem verborgenen Loch inmitten der Gräser suchte. Dann begriff er, daß der arme rre offenbar nach einem kleinen Winkel Umschau hielt, wo er seine ungeheuren Reichtümer verbergen konnte, damit man fie Nun, ihm nicht stehle. Oft sah man ihn so ängstlich, vor Furcht Rasen zitternd, umherirren, sich verzweifelt abmühend, einen Aufbewahrungsort für seinen Ueberfluß an Schätzen zu finden,
Es war Maurice, der Sohn von Thérèse Froment, einen Morfain geheiratet hatte, Raymond, den Sohn gutmütigen Riesen Dada und der Honorine Caffiaux.
Ah", sagte Suzanne, da ist meine Nachtigall! Kinder, wollen wir unsern schönen Chor hier auf dem unter den großen Kastanienbäumen wiederholen?"
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des
Schon war sie von einer kleinen Schar umringt. Unter der ihn erdrückte. Lucas ward von schauderndem Mitleid den etwa zwanzig Kindern befanden sich zwei Knaben und bewegt, besonders als er sah, daß die Kinder ob der feltein Mädchen, die Lucas küßte. Ludovic Voisgelin, elf Jahre famen Erscheinung erfchraken, wie eine Schar lustiger Finken, alt, war der Sohn von Paul Boisgelin und Antoinette die das taumelnde Flattern eines Nachtvogels in die Bonnaire, die Frucht jener von der siegreichen Liebe ge- Flucht jagt.
schlossenen Verbindung, die das erste Zeichen der nahen Suzanne, ein wenig blaß geworden, rief laut: Verschmelzung der Klassen gewesen war. Félicien Bonnaire," Taft halten, Taft halten, Kinder! Noch einmal den vierzehn Jahre alt, war der Sohn Séverin Bonnaires und Schlußrefrain und recht aus voller Brust!" Léonies, der Tochter von Achille Gourier und von Blauchen, Die scheue Gestalt Boisgelins war gleich einem Schatten dem Paare, das die freie Liebe auf den rauhen und duftenden hinter den blühenden Gebüschen verschwunden. Und nachdem Hängen der Monts Bleuses vereinigt hatte. Germaine die wieder beruhigten Kinder den Gruß an die Königin Sonne vonnot endlich, sechszehn Jahre alt, war die Enkelin zum letztenmal fröhlich hinausgeschmettert hatten, belobten Yvonnots, des stellvertretenden Vorstands von Combettes, Lucas und Suzanne die junge Sängerschar und entließen sie die Tochter seines Sohnes Nicolas und Zoë Bon- zu ihren Spielen. Dann begaben sich die beiden zu den Lehrnaires, ein schönes, fröhliches Kind, in welchen sich werkstätten auf der andern Seite des Gartens.
das brüderliche, so lange verfeindet gewesene Blut des" Sie haben ihn gesehen," sagte Suzanne leise, nach einem Arbeiters und des Bauern vermischt und versöhnt Schweigen.„ Ach, der Unglückliche, welche Angst stehe ich um hatte. Lucas machte es Vergnügen, die berwickelten Strähne ihn aus!" dieser Verbindungen, diefer fortwährenden Streuzungen zu entwirren, er famite genau die Abstammung aller dieser jungen Menschenkinder und freute sich innig an dem unaufhörlichen Wachstum, an dem reichen Sprießen der Menschheitssaat, die feine Stadt immer mehr bevölkerte.
Es
Jetzt sollen Sie das Lied hören," sagte Suzanne. ist ein Lied an die aufgehende Sonne, ein Gruß der Jugend an das Gestiri, das die Ernten zum Reifen bringt."
Und als Lucas bedauerte, daß er nicht hatte zu Boisgelin hingehen können, um ihn nach Hause zu führen, rief sie:
., Er wäre ja nicht mit Ihnen gegangen, Sie hätten ihn denn gewaltsam mitgeschleppt. Ach Gott, ich sage Ihnen ja, meine einzige Furcht ist, daß man ihn eines Tages irgendwo zerschmettert in einem Abgrund findet!"
Sie schwiegen wieder und erreichten bald die Lehrwerkstätten. Viele Kinder verbrachten hier einen Teil der ErAuf dem von großen Kastanienbäumen umgebenen Nasen- holungsstunde mit Hobeln oder Feilen, mit Nähen oder Sticken, play hatten sich mittlerweile etwa fünfzig Kinder versammelt, während andre auf einem Stück Gartengrund den Spaten und auf ein Zeichen Suzannens erhoben sie ihre frischen, oder das Jätmesser handhabten. Sie fanden Jofiue in einem hellen, fröhlichen Stimmen. Es war ein kunstloses Lied, ein großen Raume, wo Nähmaschinen, Strickmaschinen und WebWechselgesang zwischen einem Knaben und einem Mädchen, stühle nebeneinander in Gang waren und von Knaben oder mit Begleitung des Chors. Die Kinder fangen so fröhlich, Mädchen gelenkt wurden; denn auch außerhalb der Schule so voll naiver Begeisterung für das segensreiche, er blieben die Geschlechter vermischt, fuhren sie fort, ein gemeinLeuchtende Gestirn, daß ihre dünnen, etwas herben sames Leben zu führen, teilten sie ihre Arbeiten und ihre Stimmen eine erquickende Wirkung hervorbrachten. Vergnügungen, ihre Pflichten und ihre Rechte, so wie sie Der Knabe, Maurice Morfain, der mit Germaine Yvonnot ihren Unterricht geteilt hatten. Heller Gesang erscholl, ein im Sologesang abwechselte, hatte in der That eine füße, fröhlicher Wetteifer belebte die Werkstätte. glockenreine Stimme, deren Flötentöne leicht und mühelos Hören Sie, sie singen!" sagte Suzanne, wieder heiter geaus seiner Kehle drangen. Und im Chor vereinigten sich dann worden. Sie werden inner singen, meine Singvögel." alle Stimmen schmetternd wie die einer Schar lustiger Sing- Josine zeigte cinem großen, sechzehnjährigen Mädchen, vrgel im Walde, so daß es prächtig zu hören war. Clémentine Burron, wie sie es anstellen müsse, um ein gewisses Stickmuster auf der Maschine herauszubringen. Und ein neunjähriges Mädchen, Aline Boisgelin, wartete, bis sie fertig fei, um sich zeigen zu lassen, wie man cine Naht ausbügelt. Clémentine, die Tochter von Sébastian Bourron und Agathe Fanchard war väterlicherseits die Enkelin des Puddlers Bourron und mütterlicherseits die Enkelin des Ausziehers Fauchard. Aline, die jüngere Schwester, Ludovics, Tochter von Paul Boisgelin und Antoinette Bonnaire, lächelte ihrer Großmutter Suzanne fröhlich zu, deren Liebling sie war.
Lucas lachte voll iniger Großvaterfreude, und Maurice warf sich ihm nach Beendigung des Liedes stolz und glücklich wieder in die Arme.
Es ist wirklich wahr, mein Junge, Du singst wie cine Nachtigall. Darüber freu' ich mich sehr, denn siehst Du, im Leben wirst Du dann auch fingen, wenn einmal sorgenvolle Stunden kommen, und das wird Dir Mut geben. Man muß niemals traurig sein, Kind, mur immerzu fingen!"
Das fag' ich ihnen auch immer!" rief Suzanne. Alle Menschen sollten singen, und darum lehre ich sie es, damit sie hier in der Schule singen, und später in den Werkstätten, und dann ihr ganzes Leben lang. Ein Volk, das singt, ist ein gesundes und fröhliches Volt."
"
,, Weißt Du, Großnutter, das Ausbügeln kann ich noch nicht, aber ich mache schon ganz gerade Nähte. Nicht wahr, Tante Josine?"
Suzanne küßte sie und fah dann zu, wie Josine ihr eine