Unterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 162.
99]
Arbeit
Mittwoch, den 21. August.
( Nachdruck verboten.)
Roman in drei Büchern von Emile Bola. Aus dem Französischen übersegt von Leopold Rosenzweig.
Mitleidsvoll ging Bonnaire auf den Fremden zu. Mein armer Freund, kann ich Ihnen behilflich sein? Sie scheinen erschöpft und niedergeschlagen."
Der Arme antwortete nicht und blickte immer noch betäubt und ratlos von einer Seite des Horizonts zur andern.
Haben Sie Hunger? Wollen Sie ein gutes Bett? Ich will Sie führen, und Sie werden hier Hilfe und Unterstützung finden." Endlich öffnete der gebrochene, armselige alte Mann den Mund und sagte halblaut, wie zu sich selbst: ,, Beauclair kann das Beauclair sein?" " Freilich ist dies Beauclair. Sie sind in Beauclair," fagte der ehemalige Puddelmeister lächelnd.
-
Doch als der Arme immer größeres Erstaunen und unüberwindlichen Zweifel bekundete, verstand er, was in ihm vorging.
Sie haben Beauclair wohl früher gekannt, sind lange nicht hier gewesen?"
" Ja, mehr als fünfzig Jahre," sagte der Unbekannte dumpf.
Da lachte Bonnaire fröhlich auf.
1901
Bonnaire mit ahnungsvoller Angst vor dem, was geschehen war und was geschehen würde.
Ragu, Du bist es!"
Der Mann hatte den Stock in der Hand, den Sack auf weiterziehen? Er hatte sich also nicht verirrt. der Schulter. Aber da er erkannt war, warunt sollte er
Freilich bin ich's, mein alter Bonnaire, und da Du noch lebst, der Du um zehn Jahre älter bist als ich, so darf ich wohl auch noch leben. Sehr beschädigt allerdings, kaum noch, vollständig, das ist richtig!".
Dann segte er in feinem alten spöttischen Tone hinzu: ,, Du versicherst mir also auf Dein Wort, daß dies Beauclair ist, dieser prächtige große Garten mit den hübschen Häusern? Da wäre ich denn angelangt, und ich muß mich nur noch um eine Herberge umsehen, wo man mir erlauben will, im Winkel eines Stalles die Nacht zu verbringen."
Warum war er zurückgekommen? Welche Gedanken bargen sich hinter dieser fahlen, rungligen Stirn, hinter diesem von Jahren unsteten und ausschweifenden Lebens verwüsteten Gesichte? Die Befürchtungen Bonnaires verstärkten sich, er sah den unheimlichen Gast schon die Festesfreude des morgigen Tages durch irgend einen Skandal stören. Er wagte es noch nicht; ihn zu befragen; aber er wollte ihn unter feiner Obhut behalten, und er fühlte sich auch mitleidig bewegt von dem jammervollen Zustande, in welchem er den Mann wiederfand.
,, Es giebt hier keine Herberge, mein Freund, und Du fommst mit mir. Du sollst essen, so viel Dir schmeckt und sollst in einem reinen Bett schlafen. Dann wollen wir uns aussprechen, Du wirst mir sagen, was Du willst, und ich werde Dir helfen, wenn es mir möglich ist."
" Ja, da wundert's mich freilich nicht, wenn Sie sich nicht zurechtfinden! Es sind seither einige Veränderungen vor gegangen. So sind zum Beispiel die Qurignonschen Werke, O, was ich will?" sagte Nagu wieder in seiner spöttischen die hier standen, verschwunden, und dort drüben ist das alte Weise. Nichts. Was soll ein alter, halbverkrüppelter Bettler Beauclair, der Haufen schmußiger Häuser, ganz demoliert wollen? Ich wollte Euch wiedersehen und wieder einmal worden. Und an dessen Stelle ist, wie Sie sehen, eine neue einen Blick auf meinen Geburtsort werfen. Der Gedanke Stadt entstanden, der Park der Crêcherie hat sich ausgedehnt, ließ mir keine Ruhe, ich hätte nicht ruhig sterben können, hat den Platz, auf dem die alte Stadt gestanden, mit seinem wenn ich nicht noch einmal einen kleinen Spaziergang hierher Grün überzogen, so daß jetzt das alles nur einen einzigen gemacht hätte. Das ist ja erlaubt, nicht wahr? Die Straßen großen Garten bildet, aus welchem die kleinen weißen sind ja noch immer frei?" Häuschen hervorlachen. Ja, ja, da dauert's wohl eine Weile, bis man die Gegend wiedererkennt!"
Der Armie war der Erklärung gefolgt und hatte die Blicke auf die Punkte gerichtet, die der gütige und fröhliche Greis ihm bezeichnete. Dann schüttelte er wieder den Kopf. Er konnte nicht an die Wirklichkeit dessen glauben, was ihm da gesagt wurde.
Nein, nein, das ist nicht Beauclair! Da sind wohl die beiden Ausläufer der Monts Bleuses, dazwischen die Schlucht von Brias, und dort drüben liegt die Ebene der Roumagne. Das ist aber auch alles, was geblieben ist. Diese Gärten und diese Häuser sind ein andres Land, ein reiches Zauberland, das ich nicht kenne, das ich nie gesehen habe. Nein, nein, ich muß weiter gehen, ich habe mich verirrt."
Er erhob sich mit Anstrengung von der Bank und nahm seinen Stock und seinen Sack wieder auf. Jetzt erst richtete er zum erstenmal die Augen auf den Mann, der ihm so liebreich seine Hilfe anbot. Bis jetzt hatte er in sich versunken dagesessen und wie in einem Traum befangen mit sich selbst gesprochen. Aber beim ersten Blick, den er auf Bonnaire warf, zuckte er zusammen, erbebte und machte eine Bewegung, als wollte er sich hastig entfernen. Hatte er ihn also erkannt, er, der die Stadt nicht erkannte? Bonnaire selbst war so betroffen über die plötzlich aufzuckende Veränderung in dem entstellten, struppigen Gesichte, daß er seinerseits den Mann schärfer ins Auge faßte. Wo hatte er nur diese hellen Augen, in denen zu Zeiten eine heftige Wildheit aufflammte, schon gesehen? Plöglich erwachte seine Erinnerung, auch er erbebte, und die ganze Vergangenheit lebte auf in dem Schrei, der sich seinen Lippen entrang:
Ragu!"
" Gewiß." 210
,, Da habe ich mich also auf den Weg gemacht- o, das sind schon Jahre und Jahre her! Wenn man schlechte Beine und feinen Sou in der Tasche hat, kommt man nicht schnell vorwärts. Aber man kommt doch schließlich ans Ziel, wie Du siehst. Abgemacht also, gehen wir zu Dir, da Du mir als alter Kamerad Gastfreundschaft anbietest."
Die Nacht war hereingebrochen, und die beiden Alten konnten Beauclair durchschreiten, ohne daß jemand sie sah. Ragus Erstaunen wuchs, er warf Blicke nach rechts und links, ohne irgend einen Punkt, an dem sie vorüberkamen, zu ertennen. Und als Bonnaire bei einem der nettesten Häuschen unter einer großen Baumgruppe stehen blieb, entfuhr ihm der Ausruf, in welchem seine ganze Denkart von einst wieder zum Vorschein kam:
"
worden?"
Du bist wohl ein reicher Mann, bist ein Herr geDer ehemalige Puddelmeister lachte.
„ Nein, ich war nichts und bin nichts als ein Arbeiter. Aber doch ist es wahr, wir sind jetzt alle reich und sind alle Herren."
Ragus neidische Furcht war wieder beruhigt.
„ Ein Arbeiter fann fein Herr sein, und wenn man arbeitet, so ist das ein Zeichen, daß man noch nicht reich geworden ist."
., Gut, gut, Alter, ich werde Dir das noch erklären. Tritt indessen ein."
Bonnaire war für den Augenblick allein in diesem Hause, das seiner Enkelin Claudine gehörte, die mit Charles Froment verheiratet war. Seit langer Zeit war der alte Ragu tot, und feine Tochter, die Schwester Ragus, die schreckliche Seit fünfzig Jahren hatte man ihn tot geglaubt. Der Toupe, war ihm im vergangenen Jahre nachgefolgt, nach berstümmelte, untenutliche Leichnam, den man bald nach einem heftigen Streite, welcher ihr das Blut hatte gerinnen seiner Flucht in einem Abgrund der Monts Bleuses gefunden machen, wie sie sagte. Als Ragu erfuhr, daß sein Vater und hatte, war also nicht der seinige gewesen? Er lebte, er lebte seine Schwester nicht mehr unter den Lebenden weilten, nahm noch, er tam wieder zum Vorschein, und diese Auferstehung er dies mit einer wortlosen Gebärde auf, die auszudrücken eines Toten nach so vielen, vielen Ereignissen erfüllte schien, daß er darauf wohl gefaßt sein mußte, nach so vielen